Papst Franziskus mit dem kasachischen Präsidenten Quassim-Schomart Toqajew | dpa

Papst Franziskus in Kasachstan "Schrei der Vielen, die um Frieden flehen"

Stand: 13.09.2022 19:20 Uhr

In seiner ersten Rede beim Weltkongress der Religionen sprach Papst Franziskus von dem "wahnsinnigen und tragischen Krieg" in der Ukraine. Mit dem kasachischen Präsidenten Tokajew warb er für mehr Dialog.

Annette Kammerer, ARD-Studio Moskau, zzt. Berlin

Es waren klare und auch scharfe Worte, die Papst Franziskus in Kasachstan fand. Er komme mitten in einem "wahnsinnigen und tragischen Krieg", erklärte das Kirchenoberhaupt nur wenige Stunden nach seiner Ankunft im kasachischen Nur-Sultan. Es sei ein Krieg, der durch die "Invasion der Ukraine" ausgelöst worden sei. Auch deshalb wolle er in Kasachstan den "Schrei der Vielen verstärken, die um Frieden flehen."

Annette Kammerer ARD-Studio Moskau

Papst Franziskus nimmt zum ersten Mal überhaupt beim Weltkongress der Religionen in Kasachstan teil. Es ist ein historischer Besuch, der als solcher auch durch den kasachischen Präsidenten Quassim-Schomart Tokajew gebührend in Szene gesetzt wurde. Überall wehten die Flaggen Kasachstans und des Vatikans. Während seiner Rede bedankte sich Tokajew mehrmals beim Pontifex für dessen Teilnahme am Kongress.

Lob für Demokratisierung

Kasachstan hat sich schon seit Jahren einer sogenannten "Multi-Vektor-Außenpolitik" verschrieben. So erklärte der Vize-Außenminister Roman Wasilenko der ARD, dass dies "gleichermaßen enge, vorteilhafte und gleichberechtigte Beziehungen" zu allen Nachbarländern bedeute: sowohl zu Russland, als auch zu China und der Europäischen Union. Seit Beginn des Ukraine-Krieges wird es für das zentralasiatische Land allerdings immer mühsamer, eine Brücke zwischen Russland und dem Westen zu bilden.

Auch deshalb lobte Papst Franziskus den kasachischen Präsidenten für dessen Engagement für einen Demokratisierungsprozess in dessen Land. Dies sei eine "verdienstvolle und anspruchsvolle Reise", bei der Tokajew aber weiter ohne zurückzublicken auf das Ziel zugehen müsse.

"Wir brauchen Führungspersönlichkeiten, die es den Völkern auf internationaler Ebene ermöglichen, einander zu verstehen und miteinander zu reden", verlas der Pontifex in seiner Rede und warb um einen neuen Geist von Helsinki. Damals, 1975, mitten im Kalten Krieg, verschrieben sich sowohl europäische als auch sowjetische Staaten einem Dialog mit dem Ziel, die Spaltung zwischen Ost und West zu überwinden. Und um dies zu tun, mahnte das Kirchenoberhaupt, brauche es Verständnis, Geduld und Dialog mit allen: "Ich wiederhole: mit allen."

Dabei drohte ausgerechnet dieser Dialog beim Weltkongress in Kasachstan zu scheitern. Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche sagte seine Teilnahme im Vorhinein ab. Patriarch Kyrill könne wegen "zahlreicher Gründe" nicht nach Kasachstan reisen.

Erst am Montag rief das russisch-orthodoxe Oberhaupt seine Gläubigen in einem Gottesdienst dazu auf, für Wladimir Putin zu beten. Russland erlebe gerade eine schwierige Zeit, so Patriarch Kyrill, sein Land befinde sich in einer "schicksalhaften Mission" gegen ausländische Mächte. Auch wegen solcher Aussagen hatte Papst Franziskus in der Vergangenheit Kyrill davor gewarnt zum "Messdiener Putins" zu werden. Ein Treffen mit Vertretern der russisch-orthodoxen Delegation in Nur-Sultan könnte es aber trotz Kyrills Fernbleiben geben.

"Scheideweg in der Menschheitsgeschichte"

In den Reden Tokajews und des katholischen Kirchenoberhauptes fielen dabei immer wieder Worte wie "Frieden" und "Dialog". Außerdem waren sich beide einig, dass sich die Welt zur Zeit an einem, wie Tokajew es in seiner Rede bezeichnete, "Scheideweg in der Menschheitsgeschichte" befinde. Die Familie der Nationen stehe am Abgrund eskalierender, geopolitischer Spannungen, warnte er. Die Weltwirtschaft leide und ethnische und religiöse Abgrenzungen würden zur neuen Normalität.

Es sind Botschaften, die beide wohl ebenfalls ins Nachbarland Russland senden, auch wenn weder Russland noch der russische Staatschef namentlich genannt werden. Ihre Reden sind zwar diplomatisch, aber auch unmissverständlich.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 13. September 2022 um 09:51 Uhr.