Essenausgabe für Arme in New York | AFP

Oxfam-Bericht Corona verschärft soziale Ungleichheit

Stand: 25.01.2021 08:28 Uhr

Weltweit verschlimmert sich durch die Corona-Pandemie die soziale Ungleichheit, warnt Oxfam. Das Hilfswerk fordert deshalb, das Wirtschaftssystem zu ändern - das Gemeinwohl müsse in den Fokus.

Von Dietrich Karl Mäurer, ARD-Studio Zürich

Erstmals seit über einem Jahrhundert droht die Kluft zwischen Arm und Reich in fast allen Ländern der Welt gleichzeitig anzusteigen und das ist eine Folge der Corona-Pandemie. So lässt sich der Oxfam-Bericht zusammenfassen, der in diesem Jahr den Titel trägt: "Das Ungleichheits-Virus."

Dietrich Karl Mäurer ARD-Studio Zürich

Steffen Küßner, Sprecher von Oxfam Deutschland, erklärt an einem Beispiel, wie sich die Ungleichheit in Zeiten der Pandemie verschärft hat:

Die reichsten 1000 Menschen konnten ihre Pandemie-bedingten Verluste in nur neun Monaten wettmachen. Die ärmere Hälfte der Menschheit wird hingegen voraussichtlich über ein Jahrzehnt brauchen, um die wirtschaftlichen Folgen der Krise zu bewältigen.

Hunderte Millionen haben Job verloren

In dem 83 Seiten starken Oxfam-Report ist auch zu lesen, dass die zehn reichsten Männer der Welt seit Februar 2019 ihr Vermögen trotz Pandemie um fast eine halbe Billion US-Dollar steigern konnten - auf über 1,1 Billionen. Von dem Gewinn könnte man Covid-Impfungen für die gesamte Menschheit bezahlen. Gleichzeitig haben hunderte Millionen Menschen ihr Einkommen oder ihre Arbeit verloren.

Grundlage für den Bericht sind Statistiken und eine Befragung von knapp 300 Ökonominnen und Ökonomen aus fast 80 Staaten. 87 Prozent von ihnen erwarteten, dass die Einkommensungleichheit in ihrem Land als Folge der Pandemie zunehmen oder stark zunehmen wird.

Dabei - so heißt es in dem Report - sind vielfach Frauen von den Folgen der Corona-Krise stärker betroffen als Männer. Denn sie arbeiten öfter im Gastgewerbe oder im Büromanagement und damit in Branchen mit besonders großen Einkommens- und Arbeitsplatzverlusten. 

Auch das Virus selbst trifft nicht überall alle gleich, weiß Oxfam-Sprecher Küßner:

In Brasilien und auch in den USA sterben schwarze Menschen 40, 50 Prozent häufiger an Covid-19 als weiße Menschen. Das alles sind schreiende Ungerechtigkeiten, mit denen wir uns unserer Meinung nach nicht abfinden dürfen.

Deutschland als positives Beispiel

Deutschland wird im Bericht als positives Beispiel genannt, weil im Zuge der Pandemie für pflegende Angehörige Unterstützung in Form der Akuthilfe eingeführt wurde. Doch auch bei der Bundesrepublik muss man über Ungleichheiten sprechen, meint Küßner: "Für das Jahresgehalt eines DAX-Vorstandes - das sind durchschnittlich etwa 5,6 Millionen - müsste eine Pflegekraft in Deutschland über 156 Jahre arbeiten."

Um in Zeiten der Pandemie die Kluft zwischen Arm und Reich in der Welt zu bekämpfen, fordert Oxfam eine mehrgliedrige Strategie. "Erstens müssen finanzstarke Länder wie Deutschland ärmeren Staaten bei der Bewältigung der Corona-Pandemie finanziell deutlich stärker zur Seite stehen als bislang", so Küßner. Zweitens gelte es im weltweiten Maßstab öffentliche Systeme für Gesundheit, Bildung und soziale Sicherung auszubauen. Dies müsse durch eine gerechte Steuerpolitik finanziert werden. "Und drittens müssen wir unsere Wirtschaft insgesamt sozial gerechter gestalten und demokratisieren."

Firmen müssten also so reguliert werden, dass die Interessen aller von Unternehmensentscheidungen Betroffenen berücksichtigt werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. Januar 2021 um 09:00 Uhr.

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