Ein Ukrainer in Kampfmontur steht an der Wand eines zerstörten Hauses in Pisky, nahe Donezk. | AFP

Ostukraine Was vom Waffenstillstand übrig blieb

Stand: 27.07.2021 16:47 Uhr

Heute vor einem Jahr wurde ein neuer Waffenstillstand für die Ostukraine vereinbart. In ihn wurden große Hoffnungen gesetzt und er hielt tatsächlich länger als die vorherigen. Doch die Waffen schweigen schon lange nicht mehr.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

In der Konfliktzone der Ostukraine wird greifbar, was gemeint ist, wenn auf diplomatischem Parkett von einer "schwierigen humanitären Lage" die Rede ist. Hier bekommen abstrakte Zahlen, wie die von den internationalen Beobachtern aufgelisteten Verstöße gegen den Waffenstillstand, eine Geschichte und ein Gesicht.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Wie das des 13-jährigen Daniil, der in Krasnohoriwka lebt, einer Kleinstadt an der Frontlinie. Er hat sein halbes Leben im Krieg verbracht und früh gelernt, den Weg zur Schule niemals über ein Feld abzukürzen: "Man hat immer Angst, dass man in eine Sprengfalle gerät oder auf eine Mine oder ein nicht explodiertes Geschütz tritt." Daniil ist einer, der genau weiß, was er tun muss, wenn Schüsse fallen. Und geschossen wird in der Stadt unweit von Donezk wieder oft.

Vor ein paar Monaten sei es wieder losgegangen, erzählt Olexij. Explosionen und Schüsse - am Tag, vor allem aber in der Nacht. "Die Angst ist abgestumpft. Aber wenn Geschosse über unser Haus hinweg fliegen, ist es schrecklich", sagt er.

 Es fliegen wieder Geschosse

Erst vor kurzem wurde das Krankenhaus getroffen. Die Spuren der Einschläge sind an der Hauswand deutlich zu sehen. Fenster gingen zu Bruch, Bäume wurden regelrecht weggesprengt. Zerstörte Häuser und zerschossene Infrastruktur gibt es auf beiden Seiten.

"2.200.000 Quadratmeter Straße wurden zerstört", bilanzierte Iwan Prichodko, Verwaltungschef der Stadt Gorliwka in der selbsternannten Republik Donezk, unlängst im russischen Staatsfernsehen. 46 Tote hat der Konflikt seit Beginn des Waffenstillstandes auf der ukrainischen Seite gefordert. 22 Tote beklagen die abtrünnigen Gebiete Luhansk und Donezk offiziellen Angaben zufolge allein in diesem Jahr. Mehr als 100 Menschen wurden verletzt. Schwere Waffen sind wieder im Einsatz.

Kaum Hoffnung auf Ende des Kriegs

"Der Krieg gehört leider zum Alltag", sagt der Psychologe Olexij Geljuch. Und auch der frühere ukrainische Präsident Leonid Krawtschuk fordert, die Dinge beim Namen zu nennen. Man könne nicht länger so tun, als gäbe es die Waffenruhe noch, sagt er. Doch der aktuelle ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hält an ihr fest - in der Hoffnung, dass sie Schlimmeres verhindert. Dass der Krieg nicht wieder voll ausbricht.

Es ist ein Krieg, der nach Angaben der Vereinten Nationen in den vergangenen sieben Jahren bereits mehr als 13.000 Menschenleben gefordert hat. Für den es zwar einen Friedensplan gibt, dessen Umsetzung aber selbst dann nicht voran kam, als der Waffenstillstand für einige Zeit wirklich hielt und an den vor Ort kaum noch jemand glaubt. Wie dieser Einwohner: "Die Menschen haben sich damit abgefunden, dass wir den Frieden nicht mehr erleben werden."

Dabei brauche es nur eines, meint die Sonderbeauftragte der OSZE in der Ukraine, Heidi Grau, um einen ersten Schritt voran zu kommen: den politischen Willen der Konfliktparteien.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 27. Juli 2021 um 17:24 Uhr.