Zu spät erkennt Übersetzerin Aida, dass sie ihren Mann und ihre Söhne verloren hat.

Nominierter Film "Quo Vadis, Aida?" will Mythen zerstören

Stand: 25.04.2021 05:17 Uhr

Eine Übersetzerin arbeitet in Srebrenica für die UN - und verliert ihren Mann und ihre Söhne. Mit der ergreifenden Geschichte, die Narrative infrage stellt, ist die bosnische Regisseurin Zbanic für den Oscar nominiert.

Von Ariane Dreisbach, ARD-Studio Wien

Srebrenica im Juli 1995, wenige Tage vor dem Völkermord an mehr als 8000 Bosniaken. Hier beginnt die Geschichte der Übersetzerin Aida. Aus ihrer Sicht erzählt der Film "Quo Vadis, Aida?" den Genozid an der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung in Srebrenica während des Bosnienkrieges. Es ist der erste Spielfilm zum Thema, gemacht von der bosnischen Regisseurin Jasmila Zbanic.

"Ich glaube, viele Leute - gerade jüngere - wissen nichts über Srebrenica. Aber auch die, die meinen, Bescheid zu wissen, haben, glaube ich, nur Grundwissen", sagt sie. "Sie haben kein emotionales oder tieferes Wissen darüber, was passiert ist. Im europäischen Bewusstsein ist das nicht sehr präsent."

Regisseurin Jasmila Zbanic ist mit ihrem Film "Quo Vadis, Aida?" für den Oscar nominiert. | dpa

Regisseurin Jasmila Zbanic ist mit ihrem Film "Quo Vadis, Aida?" für den Oscar nominiert. Bild: dpa

Das will Zbanic mit ihrem Film ändern, der vergangenes Jahr Premiere feierte und nun als bester fremdsprachiger Spielfilm für einen Oscar nominiert ist. "Wohin gehst du, Aida?" fragt der Titel. Der Film folgt der Hauptfigur, die Dolmetscherin für die UN-Blauhelmsoldaten in Srebrenica ist. Sie muss übersetzen, dass keine Menschen mehr auf das sichere Gelände der UN gelassen werden.

Aida wird Zeugin, wie die niederländischen UN-Soldaten im Juli 1995 nicht verhindern, dass bosnisch-serbische Truppen mehr als 8000 Menschen ermorden. Und sie versucht verzweifelt, ihren Mann und die beiden Söhne zu retten - vergeblich.

Premiere in der Srebrenica-Gedenkstätte

1700 Opfer des Völkermords in Srebrenica gelten heute noch als vermisst. Viele Täter sind nicht gefasst, immer wieder wird der Genozid sogar geleugnet. Das Thema spaltet die Gesellschaften in Südosteuropa. 

"Wir würden alle davon profitieren, wenn keine Kriegsverbrecher mehr unter uns leben würden. Und wir würden alle davon profitieren, wenn die Gesellschaft diese Kriegsverbrecher nicht mehr glorifizieren würde", sagt Zbanic. "Ich will diese Mythen über Nationen und Völker und Kriegsverbrecher zerstören."

Übersetzerin Aida muss verkünden, dass die UN-Blauhelme niemanden mehr auf das Gelände lassen (Filmszene).

Übersetzerin Aida muss verkünden, dass die UN-Blauhelme niemanden mehr auf das Gelände lassen - ein Todesurteil für Tausende (Filmszene).

In Bosnien-Herzegowina hat die Regisseurin ihren Film zum ersten Mal im Oktober 2020, in der Srebrenica-Gedenkstätte. Eingeladen: etwa 100 junge Leute aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen - Serbinnen und Serben, Kroatinnen und Kroaten und Bosniakinnen und Bosniaken.

"Was wirklich schön für mich war: Ein serbischer Junge aus der Republika Srpska ist nach dem Film aufgestanden und hat gesagt, dass er den halben Film über geweint hat", erzählt sie. "Dass er möchte, dass seine Freunde, die Kriegsverbrecher glorifizieren, diesen Film sehen. Dieser Mann ist in einer bosnischen Gesellschaft voller Hass aufgewachsen - und trotzdem hat er so viel Mitgefühl gezeigt und für andere geweint."

Mahnung zu Empathie

Zbanic will mit ihrem Film zeigen: Ihr könnt euch mit dem Völkermord in Srebrenica beschäftigen, ohne euch von der Vergangenheit gefangen nehmen zu lassen. Und auch all denen, denen Bosnien weit weg scheint, soll er eine Mahnung sein, sagt sie.

Ich will, dass die Leute verstehen, was passieren könnte, wenn wir in Zustände abrutschen, die dem Faschismus ähneln, in eine Geisteshaltung, in der manche weniger wert sind als andere. Ich habe die Hoffnung, dass der Film für mehr Empathie sorgt - die wir heute mehr als je zuvor brauchen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 25. April 2021 um 08:10 Uhr.