Ein leeres Bett für Corona-Patienten auf der Intensivstation des Bundeswehrkrankenhauses Westerstede, Niedersachsen. | AP

Studien aus Großbritannien Neue Hinweise auf mildere Omikron-Verläufe

Stand: 23.12.2021 11:10 Uhr

Forscher nennen die Ergebnisse "ermutigend": Zwei britische Studien scheinen die südafrikanischen Beobachtungen von milderen Omikron-Krankheitsverläufen zu bestätigen. Dennoch warnen die Experten vor voreiligen Hoffnungen.

Zwei Studien aus Großbritannien deuten darauf hin, dass eine Infektion mit der Omikron-Variante des Coronavirus zu milderen Krankheitsverläufen zu führen scheint als die Delta-Variante. Eine Schätzung des Covid-19-Forschungsteams am Imperial College in London ergab, dass die Wahrscheinlichkeit von Klinikeinweisungen bei Omikron-Fällen in England um rund 20 Prozent niedriger sei als bei Infektionen mit der Delta-Variante. Das Risiko, mit einer Omikron-Ansteckung für eine Nacht oder länger im Krankenhaus zu landen, sei um 40 Prozent niedriger als bei Delta, hieß es.

Für die Analyse werteten die Londoner Forscher alle durch PCR-Tests bestätigten Infektionen in England in der ersten Dezember-Hälfte aus, bei denen die Variante nachgewiesen werden konnte. Dabei waren 56.000 Omikron-Fälle und 269.000 Delta-Fälle vertreten.

Azra Ghani, die die Studie mitverfasst hat, erklärte: "Das verringerte Risiko einer Krankenhauseinweisung bei der Omikron-Variante ist zwar beruhigend, aber das Infektionsrisiko bleibt extrem hoch." Eine Auffrischung der Impfung biete "weiterhin den besten Schutz vor Infektionen und Krankenhausaufenthalten."

Schottische Studie mit Einschränkungen

Die zweite Studie kommt aus Schottland. Die Ergebnisse der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität von Edinburgh legen nahe, dass das Risiko einer Krankenhauseinweisung bei Omikron um zwei Drittel niedriger sei als bei Delta. Die Autoren weisen aber darauf hin, dass die fast 24.000 Omikron-Infektionen in Schottland bei überwiegend jungen Erwachsenen im Alter von 20 bis 39 festgestellt wurden. Jüngere Menschen tragen ein geringeres Risiko schwerer Krankheitsverläufe durch Covid-19.

Zudem betonen die Autoren, dass es sich bei den Erkenntnissen um vorläufige Beobachtungen handele. Doch seien sie "ermutigend". Zugleich warnten die Forscher vor voreiligen Hoffnungen. Selbst wenn sich die Erkenntnisse der Studien bestätigen sollten, müsse man milde Krankheitsverläufe gegen den Fakt abwägen, dass sich die Omikron-Mutante rasanter ausbreite als Delta und eher in der Lage sei, den Impfschutz zu umgehen. Die schiere Zahl der Infektionen mit Omikron könnte damit dennoch zu einer Überlastung der Krankenhäuser führen.

Keine der Studien wurde bislang von unabhängiger Seite begutachtet. Eine solche Begutachtung ist in der Wissenschaft gängig und eigentlich Standard. Bei der Corona-Forschung werden allerdings häufiger Studienergebnisse zunächst ohne Gutachten veröffentlicht, um schnell erste Erkenntnisse zugänglich zu machen.

Viele Infektionen machen Effekt zunichte

Die Studien tragen zu einer wachsenden Zahl an wissenschaftlichen Erkenntnissen bei, die einen weniger schweren Verlauf von Omikron-Infektionen zu bestätigen scheinen. Es bleibt allerdings unklar, ob die beobachtete geringere Rate schwerer Fälle auf die Eigenschaften der Omikron-Variante zurückzuführen ist oder ob die Krankheit milder verläuft, weil sie auf Bevölkerungsgruppen trifft, die durch frühere Infektionen und Impfungen eine stärkere Immunität besitzen.

Die Professorin für Pharmazeutische Medizin am King's College London, Penny Ward, die nicht an den Studien beteiligt war, erklärte, diese änderten "nichts an der außergewöhnlichen Ausbreitung dieser Variante in der Bevölkerung". Es sei eine Tatsache, dass "selbst ein kleiner Anteil von Menschen, die wegen Covid im Krankenhaus behandelt werden müssen, zu einer sehr großen Zahl werden kann, wenn die Zahl der Ansteckungen in der Bevölkerung weiter ansteigt."

Hoffnung bereits nach südafrikanischen Studien

Zuvor hatten bereits Daten aus Südafrika, wo die Variante zuerst entdeckt worden war, nahegelegt, dass mit Omikron Infizierte im Großen und Ganzen nicht so schwer erkranken wie jene mit Delta.

Die Autoren der Studie haben Daten von Infizierten von Anfang Oktober bis Ende November ausgewertet. Daraus ergibt sich demnach bei Omikron ein bis zu 80 Prozent geringeres Risiko, zur Behandlung ins Krankenhaus zu müssen als bei Delta. Waren die Patienten einmal in der Klinik, gab es jedoch keinen Unterschied im weiteren Verlauf. "Die sehr ermutigenden Daten deuten stark auf eine geringere Schwere der Omikron-Infektionswelle hin", sagte Cheryl Cohen von Südafrikas Nationalem Institut für übertragbare Krankheiten (NICD). Sie warnte jedoch, dass es sich noch um frühe Daten handelt und weitere Studien nötig seien.

Daten nicht einfach auf Deutschland übertragbar

Die Infektiologin Isabella Eckerle von der Universität Genf mahnte, keine voreiligen Schlüsse aus der Untersuchung zu ziehen. "Man muss auch bedenken, dass Südafrika eine junge Population hat, in den vorherigen Wellen bereits eine starke Übersterblichkeit entstand und die berichteten Fälle vor allem junge Menschen mit Impfdurchbrüchen waren", sagte sie. "Auch zirkulierte in Südafrika vermehrt die Beta-Variante, so dass wahrscheinlich ein anderer immunologischer Hintergrund herrscht als bei uns."

Ähnlich äußerte sich Björn Meyer, Leiter der Arbeitsgruppen Virusevolution der Universität Magdeburg. Es gebe große Unterschiede zwischen Südafrika und Deutschland. Südafrika habe viele schwere Wellen erlebt, die Bevölkerung sei im Durchschnitt sehr viel jünger. "Es bleibt somit abzuwarten."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. Dezember 2021 um 11:00 Uhr.