Menschen stehen vor einem Impfzentrum in Wien in der Schlange. | dpa
Reportage

Corona-Pandemie in Österreich "Welle der Impfbereitschaft erwarte ich nicht"

Stand: 03.02.2022 11:56 Uhr

Als erstes EU-Land führt Österreich eine Corona-Impfpflicht für Erwachsene ein. Aber es ist fraglich, ob das neue Gesetz die Impfbereitschaft erhöht. Die Gemeinde Ybbsitz spaltet das Thema schon lange.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Ybbsitz in Niederösterreich, eine kleine 3300 Einwohner große Gemeinde circa anderthalb Autostunden westlich von Wien. Hier kennt jeder nahezu jeden. Auch der Impfstatus ist kein großes Geheimnis. Nur wenig mehr als die Hälfte der Einwohner hat sich hier bisher impfen lassen.

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

Sabine, eine Büroangestellte, geht im dichten Schneetreiben die Marktstraße entlang. Sie hält die Impfpflicht für richtig: Grundsätzlich sei sie dafür, weil sie nicht verstehe, warum sich so wenige Leute impfen ließen: "Ich glaube, das ist ein notwendiger Schritt, damit wir die ganzen Maßnahmen endlich einmal vom Tisch kriegen."

Schlechte Impfquote

Verstehen könne sie die Impfgegner schon, sagt sie. Denn vieles, was die Regierung in Wien in Sachen Corona-Politik entschieden habe, sei widersprüchlich. "Ich weiß, es sind die Lager gespalten, aber das ist ja nicht nur in der Gemeinde so." Es sei leider quer durch ganz Österreich so.

Damit muss sich auch Bürgermeister Gerhard Lueger auseinandersetzen. Er sitzt seit 1995 im Gemeinderat und weiß, dass der vormalige Zusammenhalt im Ort nach zwei Jahren Pandemie nicht mehr so eng ist, wie er einmal war. Auf die Frage, was die Impfpflicht für seine Gemeinde bedeute, verweist der Bürgermeister auf die "leider Gottes sehr schlechte Impfquote von derzeit 57 Prozent."

Impfgegner legen Widerspruch gegen Geldstrafe ein

Das sei für so eine Gemeinde weitaus schwieriger, weil hier natürlich die Spaltung weit größer sei. Denn der Anteil der Nichtgeimpften sei relativ hoch. Impfmöglichkeiten gebe es im Ort: Von den zwei Ärzten biete allerdings nur ein Mediziner Impfungen an, der zweite Arzt lehne dies ab. Ob dies gegebenenfalls einen Einfluss auf die Impfentscheidungen in der Gemeinde gehabt hat, bleibt offen.

Für die Einziehung der Geldstrafen in Höhe von maximal bis zu 3600 Euro bei denjenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, sind die Bezirksverwaltungen zuständig (sie entsprechen in etwa den Landratsämtern in Deutschland). Auf die käme ein "Riesen-Verwaltungsaufwand" zu, sagt Bürgermeister Lueger - denn viele Impfgegner würden Einspruch einlegen.

Geringer Einfluss auf Impfquote?

Das neue Gesetz werde nur einen recht beschränkten Einfluss auf die Impfquote haben. Diejenigen, die sich darauf eingestellt hätten, dass sie sich nicht impfen lassen, "aus welchem Grund auch immer", würden schwer zu überzeugen sein, diesen Schritt zu wagen. Ein gewisser Prozentanteil werde der Impfpflicht nachkommen, "aber eine große Welle der Impfbereitschaft erwarte ich mir dadurch nicht."

Zumal es ausdrücklich im Gesetz heißt, dass es keine Umwandlung "der Geldstrafe in eine Freiheitsstrafe" gebe, falls die Geldstrafe nicht eingetrieben werden könne.

Da brauche er sich keine großen Gedanken zu machen, sagt der 18-jährige Tobias, der zusammen mit seinen Freunden aus dem Supermarkt in Ybbsitz kommt: Er sei dreimal geimpft, "und ich finde, das soll jeder entscheiden, wie er will." Für ihn habe es Vorteile, es sei halt viel einfacher und erspare "doch einiges."

Impfgegner-Partei bei 17 Prozent

Wie stark das neue Impfgesetz polarisiert, lässt sich im benachbarten Waidhofen an der Ybbs ablesen: Bei der Gemeindewahl am letzten Wochenende kam die Impfgegner-Partei MFG (Menschen, Freiheit, Grundrechte) aus dem Stand auf 17 Prozent der Stimmen.

Das könne er nicht verstehen, meint ein 80-jähriger Rentner in Waidhofen, der nur seinen Vornamen Karl preisgeben will. Als Bürger habe man eben nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten und jetzt eben auch die Impfpflicht: "Ich möchte wieder, dass wir das wegbringen. Das hat ja die Regierung auch nicht gewünscht. Das ist eben so. Und das ist traurig, dass die Leute sich so sperren."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 03. Februar 2022 um 12:22 Uhr.