Polizeiabsperrung vor einem Haus in Österreich, in dem ein Mann seine Ex-Partnerin und deren Mutter ermordet haben soll | picture alliance/dpa/APA

Femizide in Österreich Tatort Beziehung

Stand: 03.10.2021 16:06 Uhr

In Österreich werden mehr Frauen als Männer ermordet - meist von Partnern oder Verwandten. Dass sie nicht rechtzeitig Schutz finden, führen Hilfsinitiativen auf Strafverfolgung und Politik zurück. Die sind sich keiner Schuld bewusst.

Von Laura Goudkamp, ARD-Studio Wien

21 Morde und 38 Mordversuche an Frauen verzeichnet Österreich seit Anfang des Jahres - und gehört damit nach Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat zu den Ländern, in denen mehr Frauen als Männer Gewaltverbrechen zum Opfer fallen. Charakteristisch für den Tatbestand Femizid: Die Täter sind häufig bereits polizeilich erfasst und stehen in einem Beziehungs- oder Familienverhältnis den Frauen, denen sie Gewalt antun.

So war es auch im Fall von Hanife Ada. Sie ist eine von wenigen Frauen, die offen mit Medien über ihre traumatischen Erlebnisse vor elf Jahren spricht: Nach einer jahrzehntelangen Ehe voller Gewalt und sexuellem Missbrauch habe ihr Ehemann sie angegriffen, sagt sie. Schwer verletzt, in einer Blutlache liegend sei sie zurückgeblieben. Ada wurde von ihren Kindern gefunden, ins Krankenhaus gebracht und überlebte. Zu einer Verurteilung des Täters kam es nie. Auch wenn Hanife Ada behauptet, ihren Ehemann zweifelsfrei als Täter erkannt zu haben, wurde er wegen mangelnder Beweise freigesprochen.

Hanife Ada | Laura Goudkamp / ARD-Studio Wien

Hanife Ada gehört zu den Frau, die es schaffen, über die Gewalt zu sprechen, die ihr angetan wurde. Zu einer Verurteilung kam es aber nicht. Bild: Laura Goudkamp / ARD-Studio Wien

Verfahren werden rasch eingestellt

Keine Seltenheit in Österreich: Acht von zehn Anzeigen werden eingestellt, und gerade einmal zwölf Prozent der Angezeigten werden angeklagt und verurteilt, erzählt Maria Rösslhumer. Sie ist Geschäftsführerin des Vereins Autonomer Frauenhäuser in Österreich und Leiterin der Frauen-Helpline. Seit mehr als zwei Jahrzehnten arbeitet Rösslhumer im Opferschutz. Für die hohen Femizid-Fallzahlen sieht sie klar einen Grund: "Wir haben im Österreich grundsätzlich gute Gesetze und Maßnahmen, aber es fehlt an der Umsetzung. Wir merken das vor allem im Zusammenhang mit den staatlichen Behörden, dass Frauen nicht ernst genommen und in ihrer Situation nicht adäquat unterstützt werden."

Oft stehe vor Gericht Aussage gegen Aussage, und man stelle den Fall ein, anstatt weitere Beweise zu sammeln und mehr Zeugen und Zeuginnen zu vernehmen, kritisiert Rösslhumer.

Mangelnde Zusammenarbeit mit Opferschutzvereinen

Auch der Politik schreibt sie Verantwortung zu: Unter der ersten Regierungskoalition zwischen Sebastian Kurz' ÖVP und der rechtspopulistischen FPÖ 2018 habe die Zusammenarbeit zwischen Regierung und Opferschutz deutlich gelitten. Opferschutzvereine seien an der Erarbeitung des letzten Maßnahmenpakets gegen Gewalt an Frauen nicht beteiligt worden.

Das österreichische Familien- und Frauenministerium widerspricht: Es gebe einen regelmäßigen Austausch und Vernetzungstreffen, auch säßen Opferschutzeinrichtungen bei einem anstehenden zweiten Gewaltschutzgipfel mit am Tisch, heißt es in der Antwort auf eine ARD-Anfrage. Rösslhumer sagt, sie habe bisher noch keine Einladung erhalten.

Knapp 25 Millionen Euro hat das Ministerium für sein Maßnahmenpaket in Aussicht gestellt. Die ersten Gelder sollen Anfang Oktober fließen, unter anderem an Beratungsstellen. Familienministerin Susanne Raab sieht darin die "größte Gewaltschutz-Offensive seit Jahrzehnten" - viel zu wenig, meint Rösslhumer. Frauenschutzverbände fordern 228 Millionen Euro und kritisieren: Die Investitionen fließen vor allem in die Täterarbeit - zulasten des Opferschutzes.

Maria Roesslhumer | Laura Goudkamp / ARD-Studio Wien

Maria Rösselhumer sagt: Nicht die Gesetze sind unzureichend - ihre Anwendung ist nicht angemessen. Bild: Laura Goudkamp / ARD-Studio Wien

Täterberatung statt Opferschutz

Seit September gibt es in Österreich die "verpflichtende Täterberatung": Wenn die Polizei ein Betretungs- und Annäherungsverbot gegen einen Mann verhängt hat, muss dieser eine Präventionsberatung von sechs Stunden absolvieren. Mehr als 1000 solcher Beratungen haben nach Angaben des Ministeriums schon stattgefunden.

Rösslhumer bezweifelt, dass Täter in dieser kurzen Beratungszeit lernen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen: Das Programm sei nicht nachhaltig angelegt, und auch an der Entwicklung dieses Konzepts seien Opferschutzvereine von der Politik nicht beteiligt worden. Statt Frauen in falscher Sicherheit zu wiegen, plädieren Opferschutzvereine für länger angelegte Anti-Gewalttrainings und umfassende Gefährdungsprognosen der Täter und Gefährder, zu denen auch die betroffenen Frauen intensiv und regelmäßig befragt werden.

Gewaltprävention durch Einbeziehung der Community

Seit 2019 etabliert der Verein Autonomer Österreichischer Frauenhäuser einen neuen Ansatz in der Gewaltprävention: Seine Initiative StoP, "Stadtteile ohne Partnergewalt", bezieht das nähere Umfeld ein. In Gesprächsrunden werden etwa Nachbarn darin geschult, auf Anzeichen von Gewalt im Wohnhaus oder im Viertel aufmerksam zu werden - und Gewaltsituationen zu unterbrechen: etwa, indem sie an der Tür klopfen und nach etwas Unverfänglichem wie einer Tasse Zucker fragen, erläutert Rösslhumer. So können Nachbarn eine Eskalation stoppen und dem Täter bewusstmachen, dass sie mitbekommen, was vor sich geht.

StoP konnte bereits auf 13 Orte in Österreich ausgeweitet werden. Finanziert wird es momentan vor allem durch das Sozialministerium, das von den Grünen, den derzeitigen Koalitionspartnern der ÖVP, geleitet wird. Das ÖVP-geführte Ministerium für Frauen- und Familienministerium unterstützt das Programm bisher nicht, schreibt in einer Pressemitteilung aber von einer eigenen Initiative, die die "Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft forciert" - über konkrete Initiativen, die daran beteiligt sind, ist bislang nichts bekannt.

Polizeibeamte sichern Spuren, nachdem ein Mann seine Ex-Partnerin und deren Mutter getötet hatte. | picture alliance/dpa/APA

Einer der Fälle, die die Debatte über Femizide in Österreich anheizte: Polizeibeamte sichern Spuren, nachdem ein Mann seine Ex-Partnerin und deren Mutter getötet hatte. Bild: picture alliance/dpa/APA

Private Organisationen gegen die Gewaltspirale

Hanife Ada hat nach dem überlebten Femizid die Hilfe für Frauen selbst in die Hand genommen. Mit ihrem Verein "Hilf mir Schwester" sammelt sie Gelder, vor allem durch Flohmarktverkäufe, um betroffenen Frauen zu helfen, sich aus der Gewaltspirale zu befreien. Oft genug habe sie mitbekommen, dass die Polizei nicht genügend reagiert habe. Sie leiste mit ihrem Verein Soforthilfe und habe mehr als 600 Frauen geholfen - Fälle in denen die Polizei nicht genug gemacht habe.

Neben ihrem Verein ist Hanife Ada aber auch bei einem StoP-Projekt in ihrer Nachbarschaft dabei, von dem sie überzeugt ist: "Es ist nicht privat, was in der Nachbarschaft passiert. Es ist nicht privat, sobald du einen Menschen schreien hörst, ob ein Kind oder eine Frau."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Mai 2021 um 18:22 Uhr.