Luftaufnahme von Novi Sad (Archivbild) | dpa

EU-Kulturhauptstadt Novi Sad Wo Brücken Programm sind

Stand: 01.01.2022 03:59 Uhr

Brücken spielen in der Geschichte von Novi Sad eine wichtige Rolle - und sollen das auch für die Kulturhauptstadt tun. Diesen Titel nimmt die serbische Stadt nun mit einem Jahr Verspätung ein.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Der Musiker Pavel aus Russland steht in einer belebten Einkaufsstraße von Novi Sad und spielt an diesem kalten Dezember-Vormittag für die vorbeiziehenden Passanten - und einen offenbar musikalisch begabten Hund, der Pavel immer wieder ungewollt unterstützt.

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

Musik und kulturelle Vielfalt sind in Serbiens zweitgrößter Stadt Tradition und geschichtliches Erbe: Bis 1918 gehörte die Donaustadt zum österreichisch-ungarischen Habsburger Reich. Ein Dutzend Nationalitäten lebten hier, Ungarn, Deutsche, Slowaken, neben der serbischen Mehrheit.

"Kultur ist eine Lebenweise"

Diese kulturelle Diversität in den kommenden zwölf Monaten sichtbar, hörbar, erlebbar zu machen - dies spiegelt den Ansatz von Nemanja Milenkovic wider, des Geschäftsführers der Stiftung "Novi Sad Kulturhauptstadt Europas 2022": "Es wird die Kultur an die erste Stelle setzen. Wenn ein Mensch das ist, was er werden will, gilt dann dieser Spruch auch für jede Stadt: Als wir gesagt haben, dass uns das wichtig ist, streben wir an, dass dies eine Stadt der Kultur wird. Ob Novi Sad wirklich eine Metropole der europäischen Kultur ist? Nein. Das ist per se eine kleine mitteleuropäische Stadt. Ob es eine Kulturstadt werden kann, ob es für die Kultur lebt, denn Kultur ist nicht nur Theater, Ausstellung, Konzert, sondern eine Lebensweise."

Musikfestival legte Basis

Nemanja Milenkovic und sein Team konnten auf zahlreiche kulturellen Initiativen aufbauen, die Novi Sad über die serbischen Landesgrenzen hinweg populär gemacht haben; etwa das europäische Musikfestival "Exit", das 2001 von Studenten als Zeichen der Versöhnung nach den Jugoslawienkriegen gegründet wurde und das - bislang nur einmal, 2020 musste abgesagt werden - DJs, Bands und jährlich rund 200.000 Besucher für jeweils fünf Tage im Juli auf der Stadtfestung Petrovaradin anzieht.

"Ehrlich gesagt hatten wir einen riesigen Aufschwung. Mit all den Titeln, die wir bekommen und Programmen, die sich abgespielt haben, haben wir jährlich ein zweistelliges Wachstum der Besucherzahlen verzeichnet", erzählt Milencovic. "Daraus resultierte 2019 die Empfehlung einer der prestigeträchtigsten Tourismusinternetseite 'Lonely Planet', die Novi Sad zu einer der Top-3-Destinationen erklärt hat, die zu besuchen sind. Dieser Aufschwung hätte einen Höhepunkt im Jahr 2021 haben sollen, in dem wir ursprünglich die Kulturhauptstadt hätten werden sollen. Aber Corona hat das alles unterbrochen."

Luftaufnahme von Novi Sad (Archivbild) | dpa

Novi Sad sollte eigentlich schon 2021 Kulturhauptstadt werden - was die Pandemie verhinderte. Bild: dpa

Wegen Corona um ein Jahr verschoben

Bereits im abgelaufenen Jahr 2021, in dem Novi Sad eigentlich schon Europäische Kulturhauptstadt werden sollte und dann pandemiebedingt alle Vorbereitungen um ein Jahr verschieben musste, konnten dennoch viele Veranstaltungen angeboten werden; wie Konzerte der Studenten der Kunstakademie Novi Sad, in der ehemaligen Seidenfabrik Svilara, die jährlich im Dezember stattfinden.

Jelena Popov, die im dritten Studienjahr Geige an der Kunstakademie in Novi Sad studiert, freut sich auf das kommende Jahr: "Selbstverständlich. Deswegen sollte es noch mehr Kulturveranstaltungen geben und noch mehr Gelegenheit für Auftritte. Ich hoffe, dass wir auch viele qualitative Konzerte werden hören können. Hoffentlich wird die Situation auch langfristig besser und nicht nur im Jahr, in dem Novi Sad Kulturhauptstadt ist."

Hoffnung auf nachhaltige Wirkung

Für Erne Svan, der als Mitglied des Vojvodina-Symphonieorchesters sowie des Kammerorchesters der Kunstakademie "Camerata Academica" gut in der Szene vernetzt ist, geht es in den nächsten zwölf Monaten um einen nachhaltigen Schub für die kulturelle Zukunft Novi Sads: "Meine erste Reaktion war sehr positiv und meine Erwartungen waren, dass die Kultur jetzt doch auf ein höheres Niveau angehoben wird, dass es mehr Kulturereignisse geben wird. Was sich zum Teil auch verwirklicht hat." Die Stiftung "Novi Sad - Europäische Kulturhauptstadt" versuche, viele Projekte zu ermöglichen, sagt er. "Alles in allem sind Kritiken und Reaktionen bis jetzt positiv und ich hoffe, dass wir auch nach 2022 diesen Trend fortsetzen werden."

Investitionen sollen allen nutzen

Die ehemalige Seidenfabrik , die im ältesten Stadtteil Novi Sads, in Almas, liegt, ist eine der neuen Kulturstätten, die im Zuge der Vorbereitungen für die Kulturhauptstadt renoviert und für Events aller Art geöffnet worden sind. Zugleich sorgte dieser Innovationsschub auch für einen Auftrieb fürs Viertel, so Violeta Djerkovic, die Koordinatorin des Netzwerks von Kulturstationen und Koordinatorin der Kulturstation "Svilara": "Das Almas-Viertel war lange vernachlässigt. Das ist wichtig, was die Geschichte über "Kulturstationen" betrifft: Sie sind als ein Projekt der Kulturdezentralisation entstanden. Es ist wichtig die Kultur näher an Menschen heranzubringen, die außerhalb des Zentrums leben."

Die wichtige Rolle der Brücken

Kulturelle Brücken schlagen - damit greifen die Organisatoren nicht allein die wichtige Rolle der Brücken in der Geschichte von Novi Sad auf, sondern sie entwickeln es weiter: Das Motto "Vier neue Brücken" seien zugleich auch Programm-Brücken, die unter anderem für "Liebe, Hoffnung, Regenbogen, Migration und Zukunft Europas stehen.

Nemanja Milenkovic, der Geschäftsführer der Stiftung "Novi Sad Kulturhauptstadt Europas 2022", blickt auf die Eröffnungsfeier des Kulturhauptstadt-Jahres: "Wir haben praktisch zwei festliche Eröffnungen, die danach einmalig sind. Am 31. Dezember, nach dem gregorianischen Kalender, und am 13. Januar, auch "Serbisches Neues Jahr" genannt, nach dem alten europäischen beziehungsweise Julianischen Kalender. Diese Eigenheit des Dualismus ist die Feier der Multikulturalität von Novi Sad, die die Stadt wirklich "lebt". Wenn Kinder vom 25. Dezember bis zum 13. Januar hier vier Geschenke bekommen. Deshalb lieben das alle."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 29. Dezember 2021 um 17:18 Uhr.