Erna Solberg gibt ihre Stimme in einem Wahllokal ab. | AP

Regierungswechsel erwartet Klimawahl in Norwegen

Stand: 13.09.2021 05:03 Uhr

Norwegen wählt heute ein neues Parlament. Laut Umfragen steht das konservativ-bürgerliche Bündnis von Ministerpräsidentin Solberg vor dem Aus. Wahlentscheidend könnte die Haltung der Parteien zur Klimakrise werden.

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Es ist nicht so, als hätte das Thema Klimaschutz in Norwegen noch nie eine Rolle gespielt - im Gegenteil: Fast der gesamte Strom wird durch Wasserkraft gewonnen, auf den Straßen fahren auffällig viele E-Autos und in wenigen Jahren sollen die landesweiten CO2-Emissionen halbiert werden. Beide großen Volksparteien, die konservative Høyre und die sozialdemokratische Arbeiterpartei, betonen, wie wichtig ihnen der Klimaschutz ist. Trotzdem wollen beide an der Öl-und Gasförderung festhalten, denn darauf basiert der Reichtum des Landes.

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

Große Parteien punkten nicht beim Klimaschutz

Die amtierende konservative Ministerpräsidentin Erna Solberg verwies während einer TV-Debatte auf den von ihrer Regierung initiierten Klimaplan für das Land. Beispielsweise habe die Regierung beschlossen, dass alle neuen Fähren und Schnellboote ab dem kommendem Jahr emissionsfrei sein müssen. Auch ihr Herausforderer, der 61-jährige Sozialdemokrat Jonas Gahre Støre, brachte reichlich Klimaschutz-Vorschläge mit: "Alles, was elektrifiziert werden kann, muss auch elektrifiziert werden. Wir brauchen noch erneuerbare Energien. Damit meine ich Wasserkraft und Windkraftanlagen an Land und im Meer."

Trotzdem profitieren beide Parteien nicht davon, dass Umwelt- und Klimathemen derzeit bei den norwegischen Wählerinnen und Wählern hoch im Kurs stehen.

Erstmals Ausstieg gefordert

Laut Umfragen legen stattdessen die möglichen Koalitionspartner zu. Die Grünen kritisieren, dass Norwegen einer der weltweit größten Öl-Exporteure sei, da könne man sich nicht als Klimaschützer positionieren. Als erste Partei in Norwegen fordern die Grünen nun einen Stopp der Erschließung von neuen Öl- und Gasfeldern und auch einen Komplettausstieg bis 2035. Dass Norwegen das Öl auf eine sehr saubere Art und Weise fördere, lässt der stellvertretende Parteivorsitzende Arild Hermstad nicht gelten.

Ich halte das für sehr gefährlich. Kurzfristig mag da was dran sein, aber es ist ja eine langfristige Herausforderung. Nimmt man den Klimaschutz ernst, reicht es nicht, Öl ein wenig sauberer zu fördern als der Nachbar. Wir müssen die Ölindustrie durch andere, nachhaltige Wirtschaftszweige ablösen.

Regierungswechsel gilt als wahrscheinlich

Zwar liegen die Grünen bei Umfragen derzeit nur etwa bei fünf Prozent, aber sie könnten am Ende das Zünglein an der Waage sein. Denn ein Regierungswechsel gilt als wahrscheinlich, allerdings liegt das nicht am Erfolg der Sozialdemokraten, erklärt der Politologe Rune Karlsen von der Universität Oslo:

Die Sozialdemokraten werden in dieser Wahl nicht gut abschneiden, höchstwahrscheinlich wird es das schlechteste Ergebnis der letzten 100 Jahre werden. Aber ihre Koalitionspartner, Zentrumspartei, Sozialisten, Grüne und die Roten, schneiden voraussichtlich alle gut ab. Als der Klimabericht im August herauskam, nahm das Thema in Norwegen richtig Fahrt auf und die kleinen Parteien profitieren davon.

Damals konnten die Grünen innerhalb eines Tages einen Rekordzuwachs von mehr als 700 neuen Mitglieder verbuchen. Die Partei hat bereits angekündigt, nur eine Regierung zu unterstützen, die ihren Kurs in Sachen Ölindustrie mittrage. Für den Sozialdemokraten Gahr Støre könnten es schwierige Koalitionsverhandlungen werden. Denn alle vier möglichen Koalitionspartner werden vermutlich ordentlich Zugeständnisse einfordern.

Über dieses Thema berichtete NDR Info in der ARD-Infonacht am 13. September 2021 um 05:00 Uhr.