Vor einem Hochhaus in Barentsburg (Norwegen) steht eine Lenin-Büste | AFP

Barentsburg Ein russisches Dorf in Norwegen

Stand: 25.07.2022 16:14 Uhr

In Barentsburg auf Spitzbergen wehen russische Flaggen - ein russischer Konzern darf hier Kohle fördern. Im Dorf spürt man die Folgen der Sanktionen, über den Krieg in der Ukraine möchten nur wenige reden.

Von Annette Leiterer, ARD-Studio Stockholm

Nördlich des Polarkreises auf Spitzbergen wächst kein Baum. Wer Barentsburg verlässt, muss eine Waffe tragen - wegen der Eisbären. Und seitdem die EU-Sanktionen greifen, können die Russen hier auch nicht mehr mit ihren Kreditkarten einkaufen. Bar kann man auf Spitzbergen nirgends zahlen.

Die Bezahlung funktioniert also für viele hier nur mit den internen Barentsburger Karten. Die bekommen alle, die hier bei Trust Arktikugol arbeiten - dem russischen Staatskonzern, der am Ort die Kohlemine, aber auch alle anderen Einrichtungen betreibt.

Doch die Versorgung stockt. Nach Barentsburg führt keine Straße - der einzige Weg geht übers Wasser. Seit dem 29. April hatte Norwegen ein Schiff mit russischen Containern zurückgehalten. Am Abend des 18. Juli kam es endlich in Barentsburg an.

Die Mine versiegt langsam

Arktikugol - auf Deutsch: arktische Kohle - fördert hier seit 1931 Kohle, die Mine wurde damals den Niederländern abgekauft. Nach dem Spitzbergenvertrag darf Russland auf dem norwegischen Archipel Bodenschätze ausbeuten. Aber die Mine versiegt langsam.

Ein Viertel der jährlichen Fördermenge von 120.000 Tonnen geht direkt in Barentsburg durch die Schlote - Wärme für die ganzjährig laufenden Heizungen in den großen Plattenbauten. Darin leben derzeit knapp 300 Menschen. So wenige waren es noch nie, meint eine Arktikugol-Mitarbeiterin. Sie kommen aus der Ukraine, aus Russland, aus Tadschikistan oder auch aus Syrien.

Ukrainer, die nicht einverstanden waren mit dem Krieg, sind verschwunden. Das erzählt Timofej Rogoschin, der ehemalige Tourismusmanager in Barentsburg. Er selbst lebt inzwischen im Hauptort Spitzbergens, in Longyarbyen. "Ich habe viel über Fehler im Tourismus, über Fehler in der Arktis und über einen Mangel an Meinungsfreiheit geschrieben auf Social Media", sagt Rogoschin. Bis 2020 habe sich niemand darum gekümmert. Danach gab es Beschwerden. 2021 kündigte er.

Hoher Verdienst und ein sicheres Heim

Rogoschin meint, viele seiner Kollegen hätten es ihm gleichgetan. Die Ukrainer, die noch hier leben, stammen vielfach aus dem Donbass oder aus dem Luhansker Gebiet. Sie können hier mehr verdienen, haben eine sichere Arbeit und vor allem ein sicheres Heim.

Vielen wurden angeblich russische Pässe angeboten, so dass sie hier bequem als Ukrainer oder Russen leben können. Arbeit haben sie in der Kohlemine, im Kindergarten, in der Schule oder im Tourismusbüro gefunden.

Über den Krieg, der in Russland nur als "militärische Spezialoperation" bezeichnet werden darf, spricht hier niemand. Es würden ja auch alle sehen, wer mit Journalisten spricht, heißt es.

Russischer Schriftzug "Unser Ziel ist der Kommunismus" vor einem Wohnhaus in Barentsburg (Norwegen) | Annette Leiterer/ARD Stockholm

Ein Hauch von Sowjetzeit: In Barentsburg trifft man noch auf Lenin-Büsten und Tafeln, die den Kommunismus als Ziel ausrufen. Bild: Annette Leiterer/ARD Stockholm

Das Gefühl von Ungerechtigkeit

Zwei Mitarbeiterinnen im Tourismusbüro beschweren sich harsch über ausländische Journalisten, die in Barentsburg recherchiert haben: Sie hätten in ihren Berichten gelogen, sagen sie - werden aber auf Nachfrage nicht konkret.

Außerdem würden die anderen Tourismusanbieter auf Spitzbergen sie boykottieren, behaupten die Tourismusbüro-Mitarbeiterinnen. Das sei unrecht, denn hier im Norden müsse man doch zusammenhalten. Es ginge doch niemandem hier auf Spitzbergen um die Ukraine, sondern nur darum, sie als Konkurrenten auszuschalten, wie eine der beiden sehr deutlich sagt.

In der Tat hat der Tourismus hier gelitten. Früher kamen viele Russen hierher. Dann kam erst die Pandemie und der russische Impfstoff Sputnik wurde in Norwegen lange nicht anerkannt. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine folgte dann die Sperrung des Luftraumes für russische Flugzeuge.

Russische Touristen können also seit langer Zeit schlicht nicht mehr nach Barentsburg kommen. Aus anderen Ländern finden immer noch Touristen hierher. Aber es sind wenige. Im einzigen Hotel, dem "Barentsburg", sind von den 43 Zimmern gerade einmal zehn belegt. Einige kommen als Tagesausflügler mit dem Boot aus Longyearbyen.

"Als würde sich alles im Kreis drehen"

Die Einwohner Barentsburgs sind größtenteils freundlich, aber verschlossen. Aber nicht alle. Der syrische Arzt Abdulkader al Said zeigt stolz das Krankenhaus, in dem er arbeitet. Er habe hier nur wenige Verletzungen zu versorgen, manchmal einen Betrunkenen. Er sieht das Problem in Barentsburg nicht in den Sanktionen, sondern darin, dass der Ort so klein sei: "In dieser Stadt ist es so, als würde sich alles im Kreis drehen. Wenn Du rausgehst, siehst Du immer dieselben Gesichter", sagt er. "Das ist wie eine Burg, ein Kreis, den Du nicht verlassen kannst."

Viele junge Menschen empfinden das offenbar anders. Sie bleiben ein bis zwei Jahre, kellnern oder machen Führungen mit den Touristen - und verdienen dabei gutes Geld. Einzelne kann man tagsüber an der Hotelrezeption, zwischendurch auf der Touristentour und abends im Kulturzentrum treffen. Sie schwärmen von der Natur hier, von den Möglichkeiten.

Aber über den Krieg in der fernen Ukraine sprechen auch sie nicht. Der angefragte Minendirektor schweigt, ebenso wie der russische Konsul. Beide müssen dulden, dass ausländische Journalisten kommen und ohne Akkreditierung arbeiten dürfen, schließlich befinden sie sich in Norwegen.

Aber wer sich in Barentsburg als Journalist bewegt, muss damit rechnen, ständig beobachtet zu werden. Ob im Lebensmittelladen, bei der Husky-Farm oder im Krankenhaus: Überall erklärt jemand, dass alles in bester Ordnung sei im Mikrokosmos Barentsburg: Ein sehr besonderer Ort am Rande der Zivilisation, wo sich Russland einigen Regeln anpassen muss.