Eine  Patrouille des norwegischen Grenzschutzes. | ARD Stockholm
Weltspiegel

Großmanöver in der Arktis Norwegens "Kalte Antwort"

Stand: 27.03.2022 03:16 Uhr

Norwegen hat eine fast 200 Kilometer lange Grenze zu Russland. Die einst gute Nachbarschaft ist gespannter Beobachtung gewichen. Und die NATO hat erkannt, dass die arktische Region militärisch geschützt werden muss.

Von Christian Blenker, ARD-Studio Stockholm

Zwei Paar Schuhe, ein Schneeanzug und dann noch einmal wasserdichte Tarnkleidung darüber. Für ihren Dienst braucht Emilie Engelien besonders warme Kleidung. Die 21-jährige Norwegerin absolviert ihren Wehrdienst viele Hundert Kilometer über dem Polarkreis. Seit ein paar Monaten ist sie Grenzschützerin an Norwegens Grenze zu Russland. Immer dabei auf Patrouille ist auch ihr Maschinengewehr. "Kommt ein Alarm, müssen wir in fünf Minuten fertig sein", erzählt sie.

Christian Blenker ARD-Studio Stockholm

Mit ihren Schnee-Scootern startet ihre Einheit vom Grenzposten Pasvik aus die Patrouille. Ganz im Nordosten Norwegens geht es viele Kilometer entlang der norwegisch-russischen Grenze, vorbei an der russischen Minenstadt Nikel und den Wachposten auf der anderen Seite. 

Norwegen hat mit rund 200 Kilometern eine vergleichbar kurze Grenze mit Russland. Und doch spüren sie auch hier, dass sich seit dem Krieg in der Ukraine etwas verändert hat. "Es ist sehr besonders hier oben, weil wir Russland so extrem nah sind", sagt Emilie. "Wir überwachen die Grenze und passen auf, dass es keine illegalen Übertritte gibt. Wir zeigen Präsenz - und dass wir immer bereit sind."

Reger Austausch - bald vorbei?

Bislang ist es im Niemandsland zwischen Norwegen und Russland ruhig geblieben. In der Grenzstadt Kirkenes sieht das schon anders aus. Dreieinhalbtausend Menschen leben hier nahe der Barentssee. Der große Nachbar ist hier so nahe, dass viele Straßenschilder gleich zweisprachig sind. In den 1980er-Jahren haben sie eine große Werft gebaut. Der kalte Krieg war vorbei, die Zeichen standen auf Entspannung. Die Geschäfte liefen über viele Jahre prächtig.

Die großen russischen Fischtrawler aus dem Nordmeer kommen bis heute hierher zur Reparatur. Die Kimek-Werft ist der wichtigste Arbeitgeber in der Umgebung. Doch die Sanktionen, die den russischen Präsidenten Wladimir Putin und sein Regime treffen sollen, treffen auch den norwegischen Werftchef Greger Mannsverk.

Die norwegisch-russische Grenze. | ARD Stockholm

Nur ein Grenzpfahl zeigt an, dass hier norwegisches Territorium beginnt. Das macht die Grenzüberwachung aufwändig. Bild: ARD Stockholm

Seit dem SWIFT-Schluss Russlands könnten seine russischen Kunden nicht mehr zahlen, erzählt er und zeigt dabei auf ein riesiges Schiff in der Werft. "Dieses Schiff soll in zwei Tagen auslaufen. Dann soll eigentlich ein neues kommen. Aber wir wissen nicht, ob der russische Kunde überhaupt die Anzahlung überweisen kann."

In der Werft arbeiten rund 100 Menschen. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Und trotzdem droht ihnen jetzt die Entlassung. Nicht nur die Schiffe kommen aus Murmansk, auch viele russische Arbeiter sind nach Norwegen gezogen, weil die Jobaussichten hier besser sind. Zwei Jahre Pandemie haben sie noch irgendwie bewältigt, erzählen sie - aber die Sanktionen gegen Russland könnten nun hier die Lichter ausgehen lassen. 

 

Schiffe des norwegischen Grenzschutzes in einem Fjord. | ARD Stockholm

Auch auf der Barentsee wird die Grenze kontrolliert. Bild: ARD Stockholm

Die Regierung verspricht Hilfe

Schon zwei Mal kam Norwegens Wirtschaftsminister Jan Christian Vestre aus Oslo in die Grenzstadt, um mit den großen Arbeitgebern zu sprechen. Die fordern Unterstützung vom norwegischen Staat. Und Vestre verspricht Hilfe. Die Situation sei "dramatisch", sagte er: "Die Unternehmen hier machen einen großen Teil der Umsätze mit russischen Kunden. Es ist auch sicherheitspolitisch wichtig, dass hier Jobs und Menschen in der Grenzregion bleiben. Auch deshalb hat die Regierung spezielle Finanzhilfen beschlossen." Werftchef Greger und die anderen Unternehmer sollen leichter an Kredite kommen und so die Krise für einige Zeit überbrücken. 

Grenzschutz-Übung im Rahmen des NATO-Manövers "Cold Response" | ARD Stockholm

Soldaten aus 27 Nationen nehmen an dem NATO-Manöver "Cold Response" teil - die Allianz misst der Region wachsende strategische Bedeutung bei. Bild: ARD Stockholm

In Norwegen sorgen die Menschen sich nicht nur um ihre Wirtschaft: Auch die Sicherheitslage hat sich in der arktischen Region durch den Krieg in der Ukraine schlagartig geändert. In den Fjorden im Westen des Landes trainieren sie alle zwei Jahre die Verteidigung des Landes. Doch diesmal fällt das Großmanöver "Cold Response" - zu deutsch "kalte Antwort" - ausgerechnet in die Zeit des NATO-Russland-Konflikts. Insgesamt 30.000 Soldaten üben den Verteidigungsfall; etwa 800 Kilometer von Russland entfernt. 

Karte: Norwegen, Russland, Kirkenes

Die norwegische Grenzstadt Kirkenes liegt nördlich des Polarkreises.

Das Ringen um die Arktis hat längst begonnen

Konteradmiral Rune Andersen ging zur Marine, als die Zeiten auf Entspannung standen. Mit den Russen gab es sogar gemeinsame Übungen. Jetzt sei alles anders: "Das ist auch für mich eine komplett neue Situation. Sie bringt uns auch in der europäischen Sicherheitspolitik in eine komplett neue Ära", sagt er. "Es ist richtig und wichtig, dass mehrere NATO-Mitgliedsländer wie Norwegen und Deutschland ihr Militär stärken. Es geht auch darum, dass wir künftig noch mehr kooperieren."

Die Arktis ist reich an Rohstoffen. Und der Kampf um sie hat längst begonnen. Russland stellt Ansprüche und zeigt militärische Präsenz. Auch deshalb will Norwegen mit seinen Partnern hier Muskeln zeigen. 

Emilie Engelen verbringt ihren Wehrdienst an der norwegischen Grenze. | ARD Stockholm

An der Grenze hat sich etwas verändert - das spürt auch die norwegische Soldatin Emilie Engelen. Bild: ARD Stockholm

Die Sorgen der Eltern

Grenzschützerin Emilie Engelien muss sich gerade öfter die Frage ihrer Familie in Oslo stellen lassen, warum sie sich denn ausgerechnet diese Ecke Norwegens ausgesucht hat. "Meine Familie glaubt, dass es hier nicht so richtig sicher sei. Der Ukraine-Krieg beschäftigt natürlich auch sie. Sie fragen also ständig, wie es mir geht. Aber ich sage ihnen dann immer, dass alles gut ist." 

Ihr Wehrdienst wäre eigentlich in wenigen Wochen zu Ende. Doch Engelien hat noch einmal um ein halbes Jahr verlängert. Die Zeiten seien hier oben gerade einfach zu spannend.  

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Über dieses Thema berichtete das Erste am 27. März 2022 um 19:15 Uhr im "Weltspiegel".