Ein Arbeiter vor der Nord Stream 2 Pipeline | REUTERS

Lecks an Nord-Stream-Pipelines Immer wieder fällt das Wort Sabotage

Stand: 27.09.2022 14:13 Uhr

An den Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 sind Lecks entdeckt worden. Die Ursache ist noch unklar, viele halten aber Sabotage für denkbar. Polen vermutet die Verantwortlichen im Kreml - von dort heißt es, man sei "besorgt".

Nach der Beschädigung der Nord-Stream-Gaspipelines unter der Ostsee suchen Behörden in Deutschland und Dänemark weiter nach der Ursache. Die dänische Marine und deutsche Spezialisten bemühten sich um Aufklärung, erfuhr die Nachrichtenagentur dpa aus Sicherheitskreisen. Die Lecks befinden sich in dänischen und schwedischen Gewässern.

Die dänische Meeresbehörde gab deshalb eine Navigationswarnung für die Schifffahrt heraus und richtete eine Verbotszone ein. Dadurch sollen Schiffe aus dem Nahbereich der Lecks ferngehalten werden. Die schwedischen Behörden veröffentlichten ähnliche Warnungen.

Karte von Bornholm mit den Pipelines Nord Stream 1 und 2

Moskau zeigt sich besorgt

Russland zeigte sich "extrem besorgt". Dies sei eine "noch nie dagewesene Situation, die dringend untersucht werden muss", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Auf die Frage, ob es sich um einen Sabotageakt handeln könnte, sagte er, es könne "keine" Option ausgeschlossen werden.

Zu einer möglichen Ursache der Schäden lagen von offizieller Seite bislang keine Angaben vor. Die Nachrichtenagentur dpa erfuhr aus Sicherheitskreisen allerdings, dass einiges für Sabotage spreche.

Sollte es sich um einen Anschlag handeln, würde angesichts des technischen Aufwands eigentlich nur ein staatlicher Akteur infrage kommen, hieß es. Zuvor hatte der Berliner "Tagesspiegel" darüber berichtet. "Unsere Fantasie gibt kein Szenario mehr her, das kein gezielter Anschlag ist", zitierte die Zeitung ihre Quelle.

Karte mit der Nordstream Pipeline, Russland, Deutschland, Dänemark, Schweden und Bornholm

Karte mit der Nordstream Pipeline, Russland, Deutschland, Dänemark, Schweden und Bornholm

Dänemarks Ministerpräsidentin: Zufall unglaubwürdig

Die Energiebehörde Energinet, die in Dänemark für den Gesamtbetrieb des Strom- und Gassystems verantwortlich ist, teilte mit: Brüche in Gasleitungen kämen höchst selten vor, weshalb man Gründe dafür sehe, das sogenannte Bereitschaftsniveau im Gas- und Stromsektor auf die zweithöchste Stufe "orange" anzuheben. Nach Einschätzung der Behörde können die Lecks erst in einigen Tagen behoben werden.

Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hält Sabotage ebenfalls für möglich. Sie sagte, es sei schwer zu glauben, dass es sich hier um Zufälle handele. Aber es sei zu früh, irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

Die Schäden an den Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee verdeutlichen nach Ansicht von Frederiksen außerdem die Notwendigkeit einer verbesserten Energiesicherheit in Europa. Das erklärte die dänische Ministerpräsidentin bei der Eröffnung der Baltic Pipe-Gaspipeline in Polen, durch die norwegisches Gas nach Polen gebracht wird.

Sowohl in Dänemark als auch in Schweden wurden bereits Krisenstäbe einberufen. Der dänische Außenminister Jeppe Kofod habe sie kontaktiert, virtuelle Treffen seien am Abend geplant, sagte die schwedische Außenministerin Ann Linde der Zeitung "Aftonbladet". Auf die Frage, was genau passiert sei, sagte sie: "Ich möchte nicht darüber spekulieren. Man muss ganz sicher sein, was passiert ist und wie das unsere Sicherheit beeinflusst." Auch in Dänemark versammelten sich Vertreter mehrerer Behörden im nationalen operativen Stab, um den weiteren Umgang mit den Lecks in den Leitungen Nord Stream 1 und 2 zu erörtern. Das teilte die dänische Reichspolizei dem Rundfunksender DR mit.

Polen: Eine russische Provokation

Polens Vize-Außenminister Marcin Przydacz hält Sabotage ebenfalls für nicht ausgeschlossen. Er geht aber noch einen Schritt weiter: Przydacz sagte, er glaube, dass hinter den Gaslecks eine russische Provokation stecke. Man befinde sich in einer Situation hoher internationaler Spannung, sagte Przydacz.

Leider verfolgt unser östlicher Nachbar ständig eine aggressive Politik. Wenn er zu einer aggressiven militärischen Politik in der Ukraine fähig ist, ist es offensichtlich, dass keine Provokationen ausgeschlossen werden können, auch nicht in den Abschnitten, die in Westeuropa liegen.

EU-Kommission will sich nicht an Spekulationen beteiligen

Aus der Europäische Kommission hieß es, es sei zu früh, um über eine Ursache der Lecks zu spekulieren. "Die Mitgliedstaaten untersuchen diese Angelegenheit, wir werden in engem Kontakt mit ihnen bleiben, aber es ist wirklich nicht der Moment, um zu spekulieren", sagte ein Sprecher der Kommission. Die Kommission sehe bisher keine Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit Europas, sagte der Sprecher.

"An Spekulationen beteiligen wir uns nicht", erklärte auch das Bundeswirtschaftsministerium und verwies auf die Sicherheitsbehörden.

Insgesamt drei Lecks an Pipelines

Die dänischen Behörden hatten zuvor mitgeteilt, es seien an den Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 insgesamt drei Lecks entdeckt worden: zwei an Nord Stream 1 nordöstlich der Ostsee-Insel Bornholm sowie eins an Nord Stream 2 südöstlich der Insel.

Auch der Betreiber der Pipeline meldete, man habe an einem Tag mehrere Schäden entdeckt. Insgesamt handele es sich um drei beispiellose Fälle, teilte die Nord Stream AG mit.

Auswirkungen auf die Gasversorgung haben die Lecks nicht. Nord Stream 2 wurde in diesem Kontext nie in Betrieb genommen. Durch Nord Stream 1 fließt ebenfalls kein Gas - laut offiziellen russischen Angaben aus technischen Gründen. Dennoch waren beide Leitungen mit Gas gefüllt, das nun austrat. Beide Pipelines führen von Russland durch die Ostsee nach Deutschland.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. September 2022 um 14:00 Uhr.