Fussgänger und Fahrradfahrer Brücke über die Gleise den Hauptbahnhof von Utrecht, Niederlande | picture alliance / Jochen Tack

Utrecht setzt aufs Fahrrad Auf dem Weg zur "Zehn-Minuten-Stadt"

Stand: 07.08.2022 17:17 Uhr

Die niederländische Stadt Utrecht setzt bei der Stadtentwicklung ganz aufs Fahrrad - Autofahren soll möglichst unattraktiv sein. Wie kommt das bei den Bürgern und der Wirtschaft an?

Von Niklas Bohlen, ARD-Studio Brüssel

Im Schatten von Baumkronen radeln Radfahrer und Radfahrerinnen entlang eines breiten Kanals, der den historischen Stadtkern im niederländischen Utrecht umrahmt. An diesem Sommertag wirkt die Gegend idyllisch, die Menschen gelassen. Dass diese Straße heute symbolisch für eine jahrelang durchdachte Verkehrsstrategie steht, ist der ganze Stolz von Stadtplaner Marijn Kik.

"Noch vor wenigen Jahren war das hier eine sechsspurige Schnellstraße für Autos", erklärt er. "Die haben wir dann geschlossen, eine Fahrradstraße daraus gemacht, eine Gracht angelegt und den Menschen einen Teil ihrer Stadt zurückgegeben."

Die mit rund 360.000 Einwohnern viertgrößte Stadt der Niederlande setzt voll auf das Rad und investiert kräftig in den Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur.

Altstadt von Utrecht, Niederlande | picture alliance / Jochen Tack

Die Altstadt von Utrecht soll nach dem Willen der Stadtplaner ihrem Charme behalten - auch durch möglichst wenig Autoverkehr. Bild: picture alliance / Jochen Tack

Renaissance des Drahtesels

Damit will die 2010 gewählte Koalition die Klimaschutzziele einhalten und die Stadt zu einem nachhaltigen Lebensraum umgestalten. "Utrecht - alle fahren Rad" nannte sich eines der vielen Aktionspapiere, die den Anteil der Radfahrer und Radfahrerinnen in den vergangenen zehn Jahren maßgeblich befeuerten. Heute zählt die Stadt etwa 125.000 Fahrradfahrer und Fahrradfahrerinnen - pro Tag.

Laut Marijn Kik werden 60 Prozent aller Wege in Utrecht mit dem Rad bestritten, in Berlin sind es sind es nur etwa dreizehn Prozent. Ein Erfolg, den sich die Stadt viel kosten lässt: Allein zwischen 2015 und 2020 investierte sie rund 168 Millionen Euro in den Ausbau der Radinfrastruktur und Stellplätze, finanziert aus Steuermitteln.

Dennoch sei der Wandel hin zum Rad auf lange Sicht profitabel. So habe sich durch den Fahrrad-Boom ein ganz neuer Markt von Fahrradverkauf bis Werkstatt eröffnet, betont der Stadtplaner. Dass die Innenstadt mit dem Rad schnell und unkompliziert zu erreichen ist, führe nicht zuletzt auch zu einem Umsatzanstieg beim Einzelhandel.

Dafür nehmen die Geschäftsinhaber Einschränkungen in Kauf. So können Waren beispielsweise nur in den frühen Morgenstunden angeliefert werden - eben nur dann, wenn die Flächen vor den Läden noch nicht durch Räder zugeparkt sind. Dienstleister wie Handwerker oder Kuriere fahren vermehrt mit dem Lastenrad zum Kunden, um die Parkplatzsuche gänzlich zu umgehen.

Hunderte Fahrräder in einer Mietstation im Hauptbahnhof von Utrecht, Niederlande | picture alliance / Jochen Tack

Bild: picture alliance / Jochen Tack

"Autos nur zu Gast"

Fünf Hauptradrouten verbinden alle Stadtteile miteinander. Die "Fietsstraaten" mit blauem Logo auf rotem Asphalt sind kaum zu übersehen. Ampelschaltungen sind fahrradfreundlicher, Fahrradbrücken und Unterführungen schließen Lücken im Verkehrsnetz, viele Straßen sind gänzlich autofrei.

"Auf der Straße entlang des Kanals sind Autos nur zu Gast", beschreibt Stadtplaner Kik einen schmalen Streifen, auf dem Autos maximal 30 Kilometer pro Stunde fahren und Fahrräder nicht überholt werden dürfen. "Tja", schmunzelt er, "Autofahren in Utrecht ist nicht angenehm".

Auch das ist eine Strategie: Autos nicht vollständig ausschließen, es ihnen aber so schwer wie möglich machen. Die meisten Autos weichen daher freiwillig auf den Autobahnring außerhalb der Stadt aus.

Viel Platz für Räder

Unter dem Bahnhofsvorplatz entstand in den letzten Jahren ein hochmodernes Fahrradparkhaus, das stetig weiter ausgebaut wird. Mit aktuell 12.500 Fahrradstellplätzen auf drei Stockwerken ist es das weltweit größte. Eingescannt per Chip führt ein digitales Leitsystem zum nächsten freien Parkplatz. Der direkte Zugang zum Hauptbahnhof soll vor allem Pendlerinnen und Pendler dazu ermutigen, mit Rad und Zug zu fahren.

So macht es auch Student Hugo, der das Parkhaus täglich nutzt: "Ich studiere in Amsterdam, wohne aber in Utrecht. Morgens radle ich zum Parkhaus, stelle mein Fahrrad ab und fahre mit dem Zug weiter nach Amsterdam."

Die Fahrradgarage ist bewacht, rund um die Uhr geöffnet und in den ersten 24 Stunden kostenlos. An weiteren zentralen Orten hat die Stadt solche bewachten Fahrradparkplätze geschaffen.

Ein Radfahrer checkt im größten Fahrradparkhaus der Welt in Utrecht, Niederlande, ein | REUTERS

Vor dem Abstellen steht die Formalität: Bevor sie ihr Zweirad 24 Stunden kostenlos parken können, müssen die Nutzer des Utrechter Parkhauses ordnungemäß einchecken. Bild: REUTERS

Vision einer Zehn-Minuten-Stadt

Utrecht ist eine schnell wachsende Stadt. Allein in den vergangenen zehn Jahren stieg die Einwohnerzahl um 50.000 an. "Wir sind noch lange nicht fertig, da liegt noch viel Arbeit vor uns", meint Kik und gibt einen Ausblick auf die nächsten Jahre.

Um der steigenden Population gerecht zu werden, muss die Stadt neue Maßstäbe definieren.  Ein neuer Mobilitätsplan setzt weitreichende Ziele bis 2040 fest: Utrecht soll eine "Zehn-Minuten-Stadt" werden. Wohnungen, Einkaufsläden und andere Einrichtungen lägen dann an Knotenpunkten des öffentlichen Verkehrs, um sie bequem zu Fuß oder per Rad zu erreichen. Kein Weg soll noch länger als zehn Minuten dauern.

Fahrradparkhaus in Utrecht, Niederlande | picture alliance / Jochen Tack

Die Fahrt durch die drei Etagen des Parkhauses ist fahrradgerecht - mit breiten Wegen. Bild: picture alliance / Jochen Tack

Deutschland zieht nach

Auch in Deutschland steigt der Bedarf an ausgebauter Radverkehrsinfrastruktur. Laut "Nationalem Radverkehrsplan 3.0" des Bundesverkehrsministeriums planen 60 Prozent der Deutschen in Zukunft mehr Rad zu fahren.

Mit einem Volumen von rund 155 Millionen Euro fördert der Bund bis 2026 daher innovative Modellprojekte im Radverkehr. "Fahrradfreundliche Städte gelten als besonders lebenswerte Städte", schreibt das Bundesverkehrsministerium in seinem Bericht.

In Utrecht weiß man das schon lange. Stadtplaner Marjin Kik hatte noch nie ein Auto, in seiner Stadt reicht das Rad.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 07. August 2022 um 16:23 Uhr.