Im Rotterdamer Hafen gefundenes Kokain | picture alliance / dpa
Weltspiegel

Niederlande Was ein Anwalt über Rotterdams Drogenmafia weiß

Stand: 14.02.2021 13:59 Uhr

Im bislang größten Strafprozess der Niederlande geht es um Mafiagruppen, die Drogengeschäfte abwickeln, foltern, morden. Ein Anwalt sagt: Sie hätten die Infrastruktur der Handelshäfen längst durchdrungen.

Das Gericht in einem Gewerbeviertel im Amsterdamer Osten ist ein Hochsicherheitstrakt. Verteidiger, Staatsanwälte und Richter müssen ihren Job unter Polizeischutz machen. Manche von ihnen arbeiten anonym, weil sie Morddrohungen erhalten. Ridouan Taghi steht im Mittelpunkt: 100.000 Euro rief die Polizei für Hinweise über ihn auf. Bis zu seiner Festnahme in Dubai war Taghi eine der meistgesuchten Personen Europas. Mit ihm stehen 16 Leute vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft bezeichnet die Angeklagten als "gut geölte Tötungsmaschine".

"Ein abgeschlagener Kopf wurde vor einer Shisha-Bar gefunden, ein Anwalt wurde ermordet. Das kannte man von Pablo Escobar aus Kolumbien", sagt Vito Shukrula, ein Anwalt aus Amsterdam, dessen Klienten oft aus der Unterwelt kommen. "Manchmal denke ich, sie haben sich dort ihre Anregungen geholt."

Seine Kanzlei im Osten Amsterdams ist unscheinbar, Shukrulas Auftritt das Gegenteil: Nadelstreifenanzug, weißes Hemd, silberne Krawatte, Designerschuhe, Rolex am Arm. Er verteidigt Leute aus der Unterwelt, aus der Mafia. "Einige Bosse übernehmen ganze Nachbarschaftsviertel", sagt Shukrula. "Sie zeigen, wer der Boss ist dort. Die Leute hören ihm zu und sehen: Wenn ich bei einem Mord mitmache, kann ich auch einen Mercedes fahren, habe eine schicke Uhr und habe schöne Frauen und Champagner im Club."

Nur ein Bruchteil der Container wird kontrolliert

Das Geld kommt aus dem Handel mit Kokain. Im Hafen von Rotterdam landen jeden Tag rund 40.000 Container an. Nur ein Bruchteil davon wird kontrolliert. Die organisierte Kriminalität arbeitet überall im Hafen. Schätzungsweise 600 Tonnen Kokain, oft zwischen Bananen und sonstigen Südfrüchten, kommen im Jahr an. In Antwerpen und Rotterdam zusammen erreicht Kokain mit einem Marktwert von mindestens 50 Milliarden Euro Europa. "Mit dieser Menge an Kokain kommt eine Menge Geld herein - und die Leute wollen in kurzer Zeit sehr reich werden. Und wenn jemand ein Psychopath ist mit 400, 500 Millionen zur Verfügung und du kannst ein paar Killer bezahlen, um zu tun, was du willst, dann untergräbt das das ganze Regierungssystem", sagt Shukrula.

Und das bedeutet: Bestechung von Mittelsleuten bei Behörden und in Unternehmen. Die organisierte Kriminalität reiche in alle Ebenen, sagt der Anwalt: "Du hast jemanden im Hafen, der weiß, wo der Container ist und der das per Computer checkt. Dann hast du einen, der die Ware auf den Lkw packt. Du brauchst noch einen für die Papiere. Alles ist perfekt aufeinander abgestimmt."

"Was machst du mit dem schönen Geld?"

Die Nachfrage wächst. Deshalb wollen verschiedene Mafiagruppen am großen Geschäft mitverdienen. "Das Problem ist: Wenn man sich gegenseitig Kokain klaut, kann man schlecht zu Polizei gehen und Anzeige erstatten", sagt Shukrala. "Du musst es selbst regeln und herausfinden, wo dein Kokain ist, wenn du ein Mafiaboss bist. Und was machst du dann? Du folterst gewisse Typen, um herauszufinden wo dein Geld und deine Ware sind."

Im Sommer fanden Fahnder bei einer Razzia tatsächlich neben Drogen und Waffen auch eine Folterkammer mit umgebautem Zahnarztstuhl. Einer von Shukrulas Klienten war angeklagt wegen Beihilfe zum Mord. Den konnte man ihm nicht nachweisen, Shukrala verteidigte ihn erfolgreich. Auch deshalb hat der Anwalt einen Namen in der Unterwelt.

Shukrula arrangiert ein Treffen mit einem Klienten, der unerkannt bleiben will. Ein freundlicher Typ, über die Anklage und den Mord will er nicht reden. Er sagt: "Die Jüngeren müssen besser nachdenken, in welche Probleme sie kommen können. Was machst du mit dem schönen Geld? Es kann dir das Leben nicht garantieren. Und was machst du mit dem schönen Spielzeug? Nichts, wenn du tot in der Kiste liegst."

Taghis Platz dürften längst andere eingenommen haben

Heute betreibt der Mann einen Autohandel - und noch ein paar andere Geschäfte, fügt er lachend hinzu. Warum verteidigt Shukrula Leute aus der Unterwelt? "Ich weiß, wie sie fühlen", sagt er. "Ich sehe sie anders, als die Polizei und die Staatsanwälte sie gerne beschreiben. Wenn sie vor Gericht sind und in ihnen den Teufel sehen, dass sie furchtbare Morde begangen haben. Aber es gibt auch eine andere Seite, es gibt auch eine gute Seite, niemand wird als jemand Schlechtes geboren."

Im Prozess wolle die Regierung nun zeigen, dass sie der Boss im Land ist und nicht die Mafia, sagt Shukrula. Ob das aber gelingt, ist fraglich. Die Kokaineinfuhren nehmen seit Jahren weiter zu - und damit das viele Geld, das zu verdienen ist. Außerdem sind weit mehr Leute im Mafiageschäft, als jetzt vor Gericht stehen. Den Platz von Ridouan Taghi und seinen Komplizen dürften längst andere eingenommen haben.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 14. Februar 2021 um 19:20 Uhr.