Windmühlen säumen einen Kanal. Die Windmühle ist Teil von 19 Mühlen aus dem 18. Jahrhundert, die etwa 15 km entfernt von Rotterdam gebaut wurden. | dpa

Klimawandel in den Niederlanden "Das Meer ist keine Badewanne"

Stand: 09.08.2021 14:47 Uhr

Der Klimawandel lässt die Meeresspiegel steigen - in Europa sind vor allem die Niederlande betroffen. Dort versuchen Wissenschaftler, die Folgen so genau wie möglich vorherzusagen.

Von Michael Schneider, ARD-Studio Brüssel

Aimée Slangen nimmt es mit Galgenhumor. Die Klimaforscherin hat sich die Prognosen für den weltweiten Meeresanstieg genau angesehen und verglichen, was das für sie konkret bedeuten würde: "Mein Haus steht günstig, ich würde nicht allzu sehr überflutet werden. Aber hier in Seeland gibt es durchaus Orte, da müsste man in den ersten Stock oder auf den Dachboden gehen, um trockene Füße zu behalten."

Michael Schneider ARD-Studio Brüssel

Aimée Slangen ist niemand, der Panik verbreiten will. Aber ihre Klimamodelle sprechen für sich. Im Auftrag des Königlich-Niederländischen Meeresforschungsinstituts in Seeland beobachtet sie weltweit die Meeresspiegel. Gestützt auf Millionen Messdaten und Satellitenbilder entstehen daraus am Rechner Prognosen, wie die Küsten sich verändern werden. Wichtig sei dabei, nicht nur auf das Gesamtbild zu schauen. "Ich habe immer ein globales Bild vom Meeresspiegel. Aber ich schaue dabei auch auf regionale Veränderungen, wie sich der Wasserstand von Ort zu Ort verändert. Da gibt es große Unterschiede. Denn das Meer ist keine Badewanne. Es ändert sich überall in einem anderen Tempo", so die Wissenschaftlerin.

Forschungsergebnisse flossen in Weltklimabericht ein

Wie genau, das versuchen Slangen und ihr Team in Seeland möglichst präzise vorherzusagen. Ihre Forschungsergebnisse sind auch in den aktuellen Bericht des Weltklimarates IPCC eingeflossen, der gerade veröffentlicht wurde. In ihm wird gewarnt, dass der globale Temperaturanstieg von 1,5 Grad bereits um 2030 erreicht sein könnte, zehn Jahre früher als bisher angenommen.

Die Modelle und Methoden werden immer genauer, sagt auch Tim Hermans, Promotionsstudent am Meeresforschungsinstitut in Seeland. Sein Ziel: Die Prognosen noch treffsicherer zu machen. "Diese Modelle haben nur eine begrenzte Auflösung - damit sie nicht jahrelang durchgerechnet werden müssen. Die physikalischen Berechnungen gelten immer für je 100 Kilometer Küste. Für die Niederlande heißt das: Wir berechnen den Meeresanstieg nur für drei, vier Punkte entlang der ganzen Küste", erklärt Hermans.

Auch Großstädte in Gefahr

Doch selbst aus dem groben Bild lässt sich eine düstere Prognose für die Niederlande ableiten: 50 bis 80 Zentimeter Anstieg berechnen die Computermodelle hier bis zum Jahr 2100. Wenn bis dahin nicht massiv in Deiche und Küstenbefestigung investiert wird, ist gut ein Drittel der Landesfläche von Überschwemmungen bedroht - und damit auch rund zwölf Millionen Menschen in Ballungszentren wie Den Haag, Amsterdam und Rotterdam.

"Wir sprechen hier über das wirtschaftliche Herz unserer Nation. Das liegt blöderweise wirklich ziemlich ungünstig. Aber eine Menge Großstädte auf der Welt sind in einer ähnlich miserablen Lage. New York zum Beispiel ist auch nicht hoch über dem Meer und viele asiatische Megastädte auch nicht. Wenn dann das Meer steigt, hast du ein Problem", so Aimée Slangen.

Sie hofft, dass der aktuelle Bericht des Weltklimarats ein Weckruf für die Welt ist. Politische Forderungen könnten Klimaforscherinnen wie sie zwar nicht stellen, sagt Slangen, aber sie könnten Messdaten und Vorhersagen so aufarbeiten, dass die Politik die Konsequenz ihres Handelns sehe. Und dann brauche es hoffentlich nicht erst eine Katastrophe, bevor etwas passiert.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 09. August 2021 um 13:48 Uhr.