Annelies Frank und andere Namen am "Holocaust-Mahnmal der Namen" in Amsterdam. | AFP
Weltspiegel

Holocaust-Mahnmal in Amsterdam Ein Labyrinth aus Namen

Stand: 19.09.2021 10:17 Uhr

77 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus bekommen die Niederlande ein Holocaust-Mahnmal. Es ist ein Ort des Gedenkens, der jedes niederländische Opfer würdigt und so die Dimension des Menschheitsverbrechens in den Niederlanden zeigt.

Von Gudrun Engel, ARD-Studio Brüssel, zurzeit Amsterdam

Jacqueline van Maarsen weint. Die 92-Jährige sitzt auf dem Hauptplatz des Holocaust-Mahnmals und schlägt sich die Hände vors Gesicht. Zum ersten Mal, sagt sie fast erstaunt, könne sie die Opfer beweinen: "Diese vielen Steine, die vielen Namen - das alles zeigt das ganze Ausmaß des Verbrechens. Es war bislang unfassbar und jetzt wird es deutlich."

Gudrun Engel ARD-Studio Brüssel

In den Niederlanden standen die Überlebenschancen für Juden schlecht: Drei von vier Bürgerinnen und Bürgern jüdischen Glaubens starben durch den Holocaust. Von den 140.000 durch die Nationalsozialisten als "Volljuden" gebrandmarkten Menschen wurden 102.000 systematisch über das Durchgangslager Westerbork und Bergen-Belsen in die Vernichtungslager im Osten deportiert. 

Ihre Namen tragen jetzt als Backsteinwände das Monument. Jacques Grishaver vom niederländischen Auschwitz-Komitee hat fast 20 Jahre für dieses nationales Mahnmal gekämpft: "Es waren Menschen aus Fleisch und Blut. Sie sind gestorben. Nichts mehr erinnert an sie, deshalb ist das unsere Aufgabe, bevor sie vergessen werden."

Jacqueline van Maarsen, eine Freundin von Anne Frank, legt den Grundstein für das Mahnmal. | picture alliance / ANP

Ein bewegender Moment für Jacqueline von Maarsen - sie legte den ersten Stein für das Mahnmal. Bild: picture alliance / ANP

Langer Weg zum Mahnmal

Doch es gab viel Widerstand von Nachbarn und Anwohnern, Rechtsstreitigkeiten, vorgeschobene Gründe, um die Baupläne im ehemaligen jüdischen Viertel Amsterdams zu verhindern. Mit mehrjähriger Verspätung konnte Stararchitekt Daniel Libeskind jetzt schließlich seine Vision umsetzen: ein Labyrinth aus Namen.

Der Name jedes der 102.000 Opfer wurde in einen rot-braunen Backstein eingraviert. Die Wände sind insgesamt 380 Meter lang und stellenweise bis zu sieben Meter hoch. Schwarze Spiegel reflektieren den Himmel. Von oben betrachtet bilden die Wände die vier hebräischen Buchstaben des Wortes "Gedenken".

Ursprünglich war es die Absicht, das Mahnmal der Öffentlichkeit rund um die Uhr zugänglich zu machen. Schlussendlich muss es aber doch aus Sicherheitsbedenken nachts geschlossen werden. Das gesamte Areal ist kameraüberwacht - aus Angst vor Vandalismus und Holocaust-Leugnern.

Das "Holocaust-Mahnmal der Namen" in Amsterdam. | EPA

Die Namen in Erinnerung halten - und die Gegenwart einbeziehen: Die Spiegel des Mahnmals schaffen eine Verbindung zum Jetzt. Bild: EPA

Der erste Stein - von einer Freundin von Anne Frank

Jacqueline van Maarsen durfte vor zwei Jahren den ersten Stein legen. Sie ist eine der wenigen Überlebenden. Weil nur ihr Vater Jude war, konnte ihre christliche Mutter das junge Mädchen durch eine Finte und gefälschte Papiere schützen. Doch mehrere Jahre musste auch sie den gelben Stern tragen - auf dem Weg zur Schule, beim Spielen am Nachmittag mit ihrer besten Freundin Anne Frank.

50.000 Euro hat Jacqueline van Maarsen für das Monument gestiftet - dafür den Poesie-Albumseintrag von Anne Frank versteigert. Die deutsche Bundesregierung beteiligte sich mit vier Millionen Euro. Der Kampf gegen den Antisemitismus müsse weiter geführt werden, sagt sie, während sie auf ihren Rollator gestützt an der Wand mit Anne Franks Erinnerungsstein vorbeirollt. 

Auch wenn den Körper langsam die Kraft verlässt, ihre Erinnerung ist wach: "Als Kind habe ich die Dimension der Geschehnisse überhaupt nicht erfasst. Meine Mutter hat immer gesagt: 'Ihr werdet vergast!' Aber ich konnte mir nichts darunter vorstellen."

Jetzt, mehr als 75 Jahre später, zeigt das Labyrinth aus Namen eindrucksvoll die Ausmaße des Holocaust in den Niederlanden. 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. September 2021 um 20:00 Uhr.