Ein von der Hitze befallener ausgetrockneter Boden. | picture alliance/dpa

Niederlande Dürre lässt Häuser absacken

Stand: 18.08.2022 14:14 Uhr

Jahrzehntelang haben die Niederlande gegen zu viel Wasser gekämpft - nun ist es zu wenig. Eine Folge der Dürresommer sind absinkende Fundamente von Häusern. Betroffene klagen, dass ihre Versicherungen nicht zahlen.

Von Ludger Kazmierczak, ARD-Studio Den Haag

Jan Bergmans und Francien van Hulten wohnen seit fast 40 Jahren in einem gemütlichen Reiheneckhaus am Ortsrand von Zevenaar, einer Gemeinde unweit der deutsch-niederländischen Grenze. Die Häuser hier sind gelb verklinkert, die Vorgärten gepflegt. Alles in der Sellersmaat-Siedlung hat seine Ordnung. Doch schon wenn man die Haustür öffnet, merkt der Besucher, dass hier etwas nicht stimmt.

Ludger Kazmierczak ARD-Studio Den Haag

"Man sieht es sofort. Die Tür klemmt. Und die habe ich gerade erst abgeschliffen", sagt Jan Bergmans. Dabei ist die Tür noch das kleinste Übel. Viel schlimmer sind die vielen Risse im Haus - an den Wänden und Decken, im Flur, im Wohnzimmer, in der Küche. Überall.

"Sie sehen, was los ist. Jede Menge Risse. Hier im Flur zwischen Wand und Decke", zeigt er. "Die Mauer löst sich. Das zieht sich durchs ganze Haus. Und hier im Gäste-WC fallen schon die Kacheln runter wegen der Risse."

 Problem hat schon 2018 begonnen

Oben im Badezimmer können die beiden 73-Jährigen durch einen großen Spalt in der Wand auf die Treppe zum Dachboden gucken. Es sei nicht mehr schön, hier zu wohnen, sagt Bergmans. Auch, wenn das Problem nicht ganz neu für die Bewohner ist.

Es hat während der Trockenheit 2018 angefangen. Aber jetzt ist es noch mal schlimmer geworden, viel schlimmer.

Das Fundament zu verstärken, würde Bergmans und van Hulten rund 50.000 Euro kosten. Zu viel, um alles aus eigener Tasche zu bezahlen, sagt das Paar. Und die Versicherung übernehme leider nichts.

Ihren Nachbarn geht es nicht besser. Nachdem vor vier Jahren 350 Häuser in der Gemeinde durch den absackenden Boden beschädigt worden waren, haben die Betroffenen eine Bürgerinitiative gegründet. Deren Sprecher Paul Freriks und alle anderen Geschädigten fühlen sich allein gelassen.

"Wie ein Jägerzaun"

"Es ist doch schockierend, dass wir uns an niemanden wenden können", meint Freriks. "Denken Sie an das Hochwasser in Limburg. Da wurden Spendenkonten und Hilfsfonds eingerichtet, die Versicherungen sprangen ein." Aber, sagt er:

Bei einem Schaden durch Dürre kriegst du nichts. Keine Versicherung, keine Spenden, keine Hilfe, absolut nichts.

Besonders gefährdet wegen der lang anhaltenden Trockenheit sind laut Experten Häuser, die älter als 40 Jahre sind und auf lehmigen oder sumpfigen Böden gebaut wurden. Wenn das Grundwasser zu stark sinkt, sackt auch die Lehmschicht ab. Selbst die Gebäude, die auf Pfählen stehen, seien nicht sicher, sagt der Geo-Hydrologe Maarten Kuiper. Denn nach alter niederländischer Tradition seien diese Pfähle meistens aus Holz.

"Wenn Holz unter Wasser bleibt, kann nichts passieren, aber bei sinkendem Pegel stehen die Pfahlköpfe trocken. Und trockenes Holz verrottet irgendwann", sagt er. "Wie ein Jägerzaun. Die Häuser, die auf Pfählen stehen, sacken dann mit ab."

Fast eine Million Häuser potenziell betroffen

Die niederländischen Versicherungen haben ausgerechnet, dass fast eine Million Häuser im Land diesen Risiken ausgesetzt sind. Schuld seien die niedrigen Pegelstände der Flüsse und der trockene Boden, der geringe Regenmengen gar nicht mehr aufnehme, sagt Kuiper.

Außerdem werde in Regionen, die höher liegen als ihre Gewässer, zu viel Grundwasser für die Landwirtschaft und Industriebetriebe abgepumpt. Ziel müsse es sein, so der Experte, sparsamer mit Wasser umzugehen. "Also weniger Wasser abpumpen, weniger Wasser verwenden. Und das Wasser nicht einfach wegfließen lassen in die Nordsee." Es gehe darum, das Wasser festzuhalten: "Zum Beispiel den Regen, der im Winter fällt, im Boden zu speichern."

Jahrzehntelang haben die Niederländer gegen Wasser angekämpft, das über das Meer und die Flüsse ins Land hineinspülte. Sie haben erfolgreich gelernt, mit zu viel Wasser umzugehen. Die Frage, die sich heute stellt, ist: Was tun gegen zu wenig Wasser?

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. August 2022 um 13:11 Uhr.