Die "Didden-Häuser" in Amsterdam | MVRDV
Europamagazin

Die Dächer von Rotterdam Quietschblau und öko-grün

Stand: 09.07.2022 15:34 Uhr

Rotterdam hat mehr Flachdächer als jede andere Stadt in den Niederlanden. Diese Fläche soll genutzt werden: für den Klimaschutz, für Lebensmittel, gegen Platzmangel und auch für das Auge.

Von Franziska Wellenzohn und Cornelia Kolden, WDR

Der Sommer beginnt und Rotterdam steigt aufs Dach - raus aus dem Straßenlärm, rein in die Ruhe-Oase. Beim sogenannten Rooftop-Festival steht der Perspektivwechsel im Mittelpunkt. Unternehmer Léon van Geest will dazu animieren, die Stadt anders zu nutzen.

Der Organisator der jährlichen "Rotterdamse Dakendagen" - der Dächer-Tage von Rotterdam - engagiert sich dafür, dass Dächer genutzt werden um die Stadt zu begrünen, Wasser zu speichern und Energie zu gewinnen.

Vor allem sollen sie aber für die Menschen da sein. In Großstädten gebe es nämlich immer weniger Wohnraum, Flächen würden dichter. Der Platz auf den Dächern müsse deshalb genutzt werden, meint van Geest.

Viel ungenutzte Fläche

Insbesondere in Rotterdam: Straßenschluchten, breite Boulevards und Nachkriegszweckbauten prägen die Stadt. Genau dieser Tatsache verdankt Rotterdam die höchste Anzahl an Flachdächern in den Niederlanden. Rund 18 Quadratkilometer zusätzlicher Fläche in luftiger Höhe ließen sich nutzen - für Kunst, Natur und Technik, oder einfach nur zum Gucken.

Nicht alle Dächer sind allerdings tragfähig - denn in der Vergangenheit hat man gerne am Dach gespart. Das soll sich dringend ändern, findet auch eine begeisterte Besucherin des Rooftop-Festivals: "Jetzt hat man einen tollen Überblick von oben runter auf die Straße, auf die Gebäude, es erweitert einem den ganzen Blickwinkel. Ich bin verliebt in Rotterdam."

 

Besucher gehen über eine Brücke von Flachdach zu Flachdach beim Rooftop-Festival in Rotterdam (Niederlande) | EPA

Von Flachdach zu Flachdach: Beim Rooftop-Festival führen Brücken die Besucher von Haus zu Haus. Bild: EPA

Eine Lösung für das Wasserproblem

Es geht schon um mehr, als ein paar Blumentöpfe aufs Dach zu stellen. Das Vorzeigeprojekt: der "DakAkker". Seit 2012 wird hier ein Bürogebäude vom größten Rooftop-Nutzacker der Niederlande gekrönt - immerhin 1000 Quadratmeter, inklusive Café. Die Stadt Rotterdam experimentiert hier mit urbaner Biodiversität und plant sogar, das ein oder andere Baugesetz zu ändern.

Dachacker-Gründer Emile van Rinsum vom Umweltzentrum Rotterdam ist begeistert: Man könne neben schönen Grünflächen auf Dächern auch ganze Parks anlegen, in denen man spazieren gehen kann.

Am wichtigsten ist ihm aber die Lösung für das Wasserproblem: Über ein Wasserauffangsystem könne Regen ganz automatisch gesammelt und geregelt abgegeben werden. Damit kann van Rinsum jetzt schon seine Pflänzchen gießen, die er dann an Restaurants in der Umgebung verkauft. Lokaler essen geht kaum.

Praktisch und mit Hingucker-Effekt

Architektur ganz in Schlumpfblau, die sofort ins Auge fällt: Die sogenannten Didden-Häuser faszinieren Architekturfans aus aller Welt. Dabei hatte die Künstlerfamilie Didden mit ihrem ausgeprägtem Sammlertrieb und zweifachem Nachwuchs einfach Platzprobleme in ihrem Loft und sah sich gezwungen, ihr traditionelles Dach auszubauen.

Über hängende Wendeltreppen gelangt die Familie in ihre strahlendblaue Terrassenlandschaft mit zwei kleinen Häusern. Die Söhne können sich auch per Seil rauf- und runterlassen. Es gibt Nischen für die Kinder, während sich Gies, die Mutter, eine eigene Dusche in ihrem Schlafzimmer wünschte.

Doch die Umsetzung war nicht einfach. Das Dach musste massiv verstärkt werden. Es brauchte Genehmigungen, aber vor allem jemanden, der dieses "blaue Wunder" baut. Gies van der Kamp, Besitzerin der Didden-Häuser, klagt: "Wir sind mit den Entwürfen zu vielen Bauunternehmern gegangen. Die sagten alle: 'Nein, vielleicht kommt ihr wieder, wenn ihr ein vernünftiges Stück Land gefunden habt'."

Die Didden-Häuser in Rotterdam

Schreiend blau und architektonisch anspruchsvoll: die Didden-Häuser in Rotterdam

Umdenken im Dächer-Bau

Dann habe sich die Familie an Bühnenbildner gewandt. Die hätten es umsetzen können, hätten aber nicht die handwerklichen Fähigkeiten gehabt, um stabil genug zu bauen. Als nächstes versuchten es die Diddens bei einer Firma, die Attraktionen für Vergnügungsparks baut - zum Beispiel Achterbahnen. Auch diese hätten die Pläne umsetzen können, wollten aber mit Polyester bauen. Der potentielle jahrelange Gestank hat Familie Didden dann aber doch davon abgehalten.

Am Ende ließ sich Architekt Winy Maas, der mittlerweile auch die Dächer-Tage mitgestaltet, für das Projekt finden. Dieser baute damals schon Großes in aller Welt und steht für hochfliegende Pläne. Aber es waren die kleinen Häuser, die seine Liebe zu Rotterdamer Dächern begründete: "Zu den Rooftop-Tagen, die wir hier organisiert haben, gehört diese Stimmung, in Städten wirklich gerne zu leben, und dazu gehört auch, dass die Dächer besser genutzt werden", sagt er.

Dass verstärkte Dächer bei allen Häusern Vorschrift werden sollen, die in Rotterdam künftig gebaut werden, sieht Maas positiv: "Damit schaffen wir für die nächste Generation das Potential, alles grüner zu machen, mehr Wasser zu sparen, ganze Wälder anzubauen und natürlich weiteren Wohnraum."

Eines der neuesten Rotterdam-Projekte des Architekten: ein spektakuläres Museums-Depot - selbstverständlich gekrönt von einem Wald, der in den Rotterdamer Himmel wächst.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin - am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtet das Europamagazin am 10. Juli 2022 um 12:45 Uhr im Ersten.