Proteste in den Niederlanden | dpa

Corona-Protest in den Niederlanden Was hinter den Krawallen steckt

Stand: 23.11.2021 15:40 Uhr

Schon lange fühlen sich bestimmte Bevölkerungsgruppen in den Niederlanden von der Politik im Stich gelassen. Die Corona-Maßnahmen verschärfen offenbar die Wut auf den Staat. Doch woher kommt die Gewalt?

Von Ludger Kazmierczak, ARD-Studio Den Haag

"Pure Gewalt von Idioten" - für Premier Mark Rutte waren die Krawalle vom Wochenende schnell aufgearbeitet. Doch so einfach dürfe es der Staat sich nicht machen, meint die Sozialpsychologin Jacquelien van Stekelenburg. "Den Krawall gibt es nicht, auch nicht den Randalierer. Letzten Freitag in Rotterdam begann es als Demonstration, die später eskalierte. Das passiert, wenn so eine Demo von einer Gruppe Randalierer gekapert wird. Wir haben am Wochenende aber auch Randale erlebt, die gleich als Randale anfing", so van Stekelenburg. Sie erforscht soziale Veränderungen und Konflikte an der Freien Universität Amsterdam.

Ludger Kazmierczak ARD-Studio Den Haag

"Vertrauen vieler Bürger in Politik erschüttert"

Seit langem beobachtet sie, dass sich bestimmte Bevölkerungsgruppen vom Staat abwenden. Sie misstrauen der Politik, weil sie ihrer Ansicht nach in zu vielen Fällen versagt hat. Die Bauern sehen sich als Opfer der Klimapolitik in ihrer Existenz bedroht. Es gibt im ganzen Land kaum noch bezahlbaren Wohnraum. In Groningen sitzen die Menschen in beschädigten Häusern, weil dort durch die Gasgewinnung ständig die Erde bebt.

Und dann ist da noch die Toeslagen-Affäre, der rund 20.000 Familien - fast alle mit Migrationshintergrund - zum Opfer gefallen sind. Zu Unrecht hatte der Staat sie des Sozialbetrugs verdächtigt, nur weil sie Ausländer waren. Ein beispielloser Skandal. Das alles, so van Stekelenburg, habe das Vertrauen vieler Bürger in die Politik erschüttert. "Die Kluft zwischen dem Staat und dem Bürger wird immer größer. Und die Gruppe, die ein großes Misstrauen gegenüber dem Staat hat, die ist leichter geneigt, den verlängerten Arm des Staates anzugreifen - während einer Demonstration", sagt sie.

Gewalt auch gegen Rettungskräfte

Und so richtete sich die Gewalt nicht nur gegen die Polizei, sondern auch gegen Feuerwehrleute und Rettungskräfte. Während der Krawalle in Den Haag zerschlug ein Stein das Seitenfenster eines Krankenwagens, der gerade einen Patienten transportierte.

Der Nährboden für dieses Gewaltpotential sei schon während der Finanz- und Wirtschaftskrise vor mehr als zehn Jahren gelegt worden, sagt Marnix Eysink Smeets, Rechts- und Sicherheitsexperte an der Hochschule Rotterdam. "Wir haben also einen Nährboden. Darüber legt sich dann Covid, die Angst vor der 2G-Regel, die Kneipen und Restaurants sind dicht, keiner darf mehr ins Stadion und dann auch noch das Feuerwerkverbot für Silvester. Das trifft genau die Gruppen, um die es hier geht", sagt Eysink Smeets.

Die Schauplätze der Krawalle seien meistens dieselben - die gewaltbereiten Randalierer auch, so Eysink Smeets. Polizeibekannte Gruppen, die sich "Feyenoord City" oder "Dockers United" nennen. "Was wir wissen, ist, dass das zum Teil Hooligans sind, ein harter Kern an Fußballfans. Dazu kommen Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker, die in allem ein Komplott sehen. Und die haben in Rotterdam viele Jugendliche angezogen, vor allem aus sozial schwachen Vierteln", sagt er. Aufgabe der Politik müsse es sein, mit denen, die sich abgehängt fühlen, wieder ins Gespräch zu kommen.

Nicht nur von Idioten und Kriminellen sprechen

Nur von Idioten und Kriminellen zu sprechen, greife zu kurz, meint Eysink Smeets. "Du musst als Kabinett die Prozesse verstehen, die hier zugrunde liegen. Und wenn du das nicht tust, landet das wieder auf deinem Tisch oder - schlimmer noch - auf dem Tisch der Polizei. Wenn du aber kapierst, was da vor sich geht in den verschiedenen Gruppierungen in der Gesellschaft, dann ändert sich deine Politik, und auch dein Ton verändert sich."

Ein neues Kabinett ist aber auch acht Monate nach der Parlamentswahl noch immer nicht gefunden. Keine gute Voraussetzung, um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. November 2021 um 09:23 Uhr.