Eine Lokal in Amsterdam, das Bar und Coffeeshop zugleich ist. | picture alliance/dpa

Niederlande und Cannabis Die Schattenseite der Legalisierung

Stand: 29.10.2021 05:11 Uhr

Bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin könnte es auch um die Legalisierung von Cannabis gehen. Die Niederlande haben jahrzehntelange Erfahrung damit. Experten von dort raten Berlin, vor allem einen Fehler nicht zu wiederholen.

Von Jakob Mayr, ARD-Studio Brüssel

"Legalize it" - dabei haben unsere Nachbarn im Nordwesten 45 Jahre Vorsprung. Seit Mitte der 1970er-Jahre dürfen niederländische Coffeeshops Cannabis für den Eigenbedarf verkaufen. Nur der Einkauf wurde nie geregelt, und das sei ein großer Fehler gewesen, sagt der Kriminologe Robin Hofmann von der Universität Maastricht: "In den Coffeeshops konnte man legal Cannabis erwerben, aber sie hatten nie die Möglichkeit, es legal einzukaufen. Und diese Lücke haben die Drogenbanden damals ausgefüllt und ein großes Netzwerk aufgebaut."

Jakob Mayr ARD-Studio Brüssel

Dieses Netzwerk nutzten die Organisationen dann zunehmend für den Kokainhandel, mit dem viel mehr Geld zu verdienen ist. Belgien und die Niederlande sind laut der europäischen Polizeibehörde Europol zum Hauptumschlagplatz für den Kokainhandel in Europa geworden.

Die Niederländer seien eben Händler, sagt der Tilburger Soziologe und Kriminalexperte Pieter Tops: "Und Drogen sind eine interessante Form von Handel: Der Konsum ist erlaubt, aber sie müssen auch hergestellt werden. Und damit kann man viel Geld verdienen. Das passt auch ein bisschen zum Charakter und zur Geschichte der Niederlande."

Die Infrastruktur erleichtert den Drogenhandel

Rotterdam und Antwerpen sind die größten Häfen Europas. Im vergangenen Jahr wurden in beiden Häfen zusammen 100 Tonnen Kokain beschlagnahmt. Dazu kommen eine perfekte Logistik, um den Stoff zu verteilen, und Banden, deren Mitglieder zu allem fähig sind - laut Europol vor allem in der Hand von Marokkanern und Albanern.

Der niederländische Anwalt Vito Shukrula vertritt einige. Er beschreibt, wie Clanchefs Helfer rekrutieren: "Einige übernehmen ganze Nachbarschaftsviertel. Sie zeigen, wer der Boss ist. Die Leute hören ihnen zu und denken: Wenn ich bei einem Mord mitmache, dann kann ich auch einen Mercedes fahren. Habe eine schicke Uhr, schöne Frauen und Champagner im Club."

Kampfansage an die Gesellschaft

Fachleute rechnen 25 bis 30 Auftragsmorde pro Jahr dem Drogenmilieu zu, manche werden auf offener Straße verübt mit automatischen Waffen. Unter den Opfern sind zunehmend auch Unbeteiligte und Anwälte von Kronzeugen; im Juli wurde der bekannte Journalist Peter R. de Vries getötet.

Die Polizei hat vorübergehend den Schutz für Premier Mark Rutte erhöht, der gerne mit dem Fahrrad zu Kabinettssitzungen fährt. Die Banden bedrohten offen die Gesellschaft und unterwanderten sie, sagt der Maastrichter Experte Hofmann: "Das heißt, dass die märchenhaften Gewinne aus dem Kokainhandel reinvestiert werden in die reale Wirtschaft, in den Immobilienmarkt, in Restaurants, Hotels, Fußballvereine - dass staatliche Institutionen unterminiert werden."

Die niederländische Politik habe das Problem lange unterschätzt, sagt der Kriminologe Tops - zwar gesundheitliche Aspekte diskutiert, aber nicht die strafrechtlichen: "Man hat gesagt, die Cannabisproduktion der Niederlande werde auf den lokalen Markt beschränkt bleiben, es sei für Kriminelle uninteressant, weil zu wenig zu holen sei, für Ausländer sei es zu mühsam, dafür in die Niederlande zu kommen. Im Nachhinein müssen wir sagen, dass das eine sehr naive Sicht war."

Vom Transitland zum Produzenten

Außerdem begriffen die Niederlande sich nur als Transitland, aus dem Drogen schnell über die Grenzen weitertransportiert werden. Tatsächlich haben sie sich zum Herstellerland entwickelt. Aus Ecstasy-Laboren um Tilburg im Süden kommen rund eine Milliarde Pillen pro Jahr - geschätzter Umsatz: knapp 19 Milliarden Euro.

Das Fazit des Maastrichter Experten Hofmann: "Man ist es zu lange zu lasch angegangen. Man hat es laufen lassen, eigentlich erst in den letzten Jahren versucht, es wieder einzufangen. Und wenn sich Organisierte Kriminalität festsetzt und die Strukturen so ausweitet, dann wird es irgendwann schwierig, das Problem wieder zu lösen."

Coffeeshops sollen jetzt nur noch Cannabis aus kontrolliertem Anbau anbieten. Amsterdams grüne Bürgermeisterin Femke Halsema will außerdem den Verkauf an Ausländer stoppen. Der Tilburger Kriminologe mahnt in Richtung Berlin: "Es gibt immer ein illegales Umfeld, und das müssen Polizei und Behörden klein halten. Das ist eine wichtige Lektion: Legalisierung oder Regulierung von Cannabis ist keine einfache Sache und braucht viel Aufmerksamkeit."

Grundsätzlich haben die niederländischen Kriminologen gegen etwaige Legalisierungs-Pläne der deutschen Ampel keine Einwände - solange sie aus den Fehlern der Niederlande lernt.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 29. Oktober 2021 um 06:51 Uhr.