Tjibbe Joustra (li.) und Sander Dekker  | picture alliance / ANP

Nach Kommissionsbericht Niederlande stoppen vorerst Auslands-Adoptionen

Stand: 08.02.2021 16:32 Uhr

Seit den 1970er-Jahren wurden rund 40.000 Kinder aus dem Ausland von niederländischen Familien adoptiert. Doch viele seien illegal vermittelt worden, zeigt der Bericht einer Untersuchungskommission.

Von Ludger Kazmierczak, ARD-Studio Den Haag

Dilani Butink feiert ihren Geburtstag am 27. Januar. Ob das tatsächlich der Tag ist, an dem sie in Sri Lanka geboren wurde, weiß sie allerdings nicht. Sie war zwei Tage alt, als sie von einem niederländischen Ehepaar adoptiert wurde. Angeblich, weil ihre leibliche Mutter ungewollt schwanger wurde und sich ein Kind nicht leisten konnte. 23 Jahre später reiste Butink in ihre Geburtsstadt Colombo, um sich auf die Suche nach ihren Wurzeln zu begeben.

Damals kam ich dahinter, dass meine Papiere nicht stimmten. Und nach einem Beitrag in einem Fernsehmagazin 2017 zeigte sich, dass ich nicht die einzige war. Das finde ich bis heute so erschreckend, dass es in so großem Ausmaß schief gegangen ist.
Ludger Kazmierczak ARD-Studio Den Haag

Seit den 1970er-Jahren sind rund 40.000 Kinder aus dem Ausland in die Obhut niederländischer Adoptiveltern gegeben worden. Dabei sei es häufig nicht mit rechten Dingen zugegangen. Zu dieser Erkenntnis kommt eine Untersuchungskommission, die gerade ihren Abschlussbericht vorgelegt hat. Mit Wissen der niederländischen Adoptionsagenturen seien viele Kinder illegal vermittelt worden, so der Kommissionsvorsitzende Tjibbe Joustra.

Dabei kam es zu allerlei Formen von Missständen. Armut oder andere Umstände der Eltern bei der Geburt, Urkundenfälschung, die Trennung der Kinder von ihren Eltern unter Zwang oder gegen Bezahlung, Baby-Farming, bewusste Verschleierung der Identität und Herkunft.

Der Mann, der Dilani 1992 an das niederländische Paar vermittelte, wurde später festgenommen. Er hatte Geburtsurkunden gefälscht und für die Vermittlung eines Kindes bis zu 4000 Euro kassiert.

Tjibbe Joustra (li), Kommissionspräsident der Untersuchung der internationalen Adoption und Minister Sander Dekker  | Phil Nijhuis/EPA-EFE/Shutterstoc

In den Niederlanden soll das Adoptionssystem reformiert werden: Tjibbe Joustra (links), Kommissionspräsident der Untersuchung der internationalen Adoption, und Minister Sander Dekker präsentieren den Abschlussbericht. Bild: Phil Nijhuis/EPA-EFE/Shutterstoc

"Der Staat hätte aktiver werden müssen"

Adoptionen würden heute zwar besser kontrolliert, sagt Sander Dekker, Minister für Rechtsschutz, aber bis heute sei das System anfällig und die Gefahr dubioser Praktiken immer noch gegeben. "Der Staat hat nicht getan, was man eigentlich von ihm erwarten durfte. Er hätte aktiver werden müssen, um den Missständen vorzubeugen. Das ist eine schmerzliche Einsicht. Dafür sind Entschuldigungen angebracht. Und diese Entschuldigungen biete ich den Adoptierten darum heute im Namen des Kabinetts an", so Dekker.

Neue Regierung soll Adoptionsregeln reformieren

Vorerst dürfen in den Niederlanden keine Kinder aus dem Ausland adoptiert werden. Nur bereits laufende Verfahren können noch zu Ende gebracht werden. Nach den Wahlen Mitte März soll die neue Regierung sich darum kümmern, die Adoptionsregelungen zu reformieren, um die betroffenen Kinder, aber auch die Adoptiveltern besser zu schützen.

Denn viele Paare, so Dekker, hätten damals aus hehren Gründen Kinder aus Sri Lanka, Bangladesch oder Vietnam zu sich geholt: "Das gut gemeinte, aber auch leicht naive Sentiment rundum Adoptionen in der Vergangenheit ist vielleicht eine Erklärung für das Handeln, beziehungsweise Nicht-Handeln des Staates damals, aber es ist keine Rechtfertigung."

Für Butink kommt das Einlenken der Politik zu spät. Im vergangenen Jahr hat sie den niederländischen Staat und ein Vermittlungsbüro wegen der illegalen Praktiken rund um ihre Adoption verklagt. Zu einem Urteil kam es nicht. Der Fall, so die Vorsitzende Richterin im vergangenen September, sei verjährt.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 08. Februar 2021 um 17:50 Uhr.