Arbeiter übermalen ein Bild von Alexej Nawalny in St. Petersburg (Archivbild)

Nawalny ein Jahr in Haft Vom Flughafen ins Straflager

Stand: 17.01.2022 04:31 Uhr

Seit einem Jahr sitzt Kremlkritiker Nawalny in russischer Haft. Aus der Öffentlichkeit ist er nahezu verschwunden, sein Netzwerk wurde zerschlagen. Und auch andere Organisationen werden mundtot gemacht.

Von Ina Ruck, ARD-Studio Moskau

Am 17. Januar 2021 steigt Alexej Nawalny in Berlin in den Flieger nach Moskau. Er fliegt zurück in das Land, in dem man ihn fünf Monate zuvor vergiften wollte, mit einem Nervenkampfstoff der Nowitschok-Gruppe. Seine Rückkehr wirkt wie eine Kampfansage - jetzt erst recht, scheint Nawalny damit sagen zu wollen.

Ina Ruck ARD-Studio Moskau

"Ich fahre jetzt in die U-Haft"

In Moskau warten Unterstützer und Unterstützerinnen aus ganz Russland am Flughafen. Nawalny hat ein landesweites Netz an Unterstützern aufgebaut. Am Gate wartet auch Ksenia Fadejewa, eine junge Frau, die damals noch den Nawalny-Stab im sibirischen Tomsk leitet. "Ich weiß nicht, aber ich hoffe, wir können Alexej begrüßen und er kann einfach nach Hause gehen", sagt sie.

Aber es kommt anders. Noch am Flughafen wird Nawalny festgenommen und bleibt über Nacht in einer Polizeiwache, in deren Räumen schon am nächsten Morgen eine extra hierfür angereiste Richterin per Schnellverfahren Unteruchungshaft anordnet. "Ich fahre jetzt in die U-Haft. Euch sage ich: Habt vor nichts Angst. Fürchten darf man sich nur vor der eigenen Angst", sagte Nawalny.

Das sind die letzten Worte, die Nawalny in ein Handy seiner Anwälte sprechen kann. Wenige Wochen später wird er im ersten von mehreren Prozessen verurteilt: zweieinhalb Jahre Lagerhaft, weil er während seines Aufenthalts in Deutschland, wohin man ihn nach der Vergiftung noch im Koma gebracht hatte, die Auflagen einer früheren Bewährungsstrafe verletzt habe.

Prozesse gegen Nawalnys Team

Seitdem ist Nawalny aus der Öffentlichkeit so gut wie verschwunden. Aus den Augen - aber für seine Anhängerinnen und Anhänger nicht aus dem Sinn. Anfangs versucht sein Netzwerk, ohne ihn weiterzumachen. Doch dann werden seine Organisationen als extremistisch eingestuft: die Mitarbeiter in den Regionen, seine Stiftung zur Bekämpfung von Korruption.

Es trifft sein Team, einen nach der anderen. Prozesse wegen Extremismus, Hausarreste, Haftstrafen. Sehr viele verlassen das Land, bevor es auch sie erwischt.

Fadejewa, die junge Frau aus Tomsk, die Nawalny am Flughafen begrüßen wollte, muss im Juni den örtlichen Regionalstab schließen. Aber: Sie will bleiben. Sie ist auch Abgeordnete im Stadtrat von Tomsk. Im Sommer ist sie noch vorsichtig optimistisch. "Ich weiß nicht, ehrlich nicht, was noch alles kommt", sagt sie. "Prognosen funktionieren nicht in Russland. Alles ist möglich und die Tendenz ist nicht gut gerade. Aber auf unserer Seite ist die Wahrheit. Und die Zeit. Auch Diktatoren und ihr Umfeld werden alt. Wir haben gute Chancen, sie zu überleben. Und in einem normalen Land zu leben."

Repressionen gegen Medien und Bürgerrechtler

Längst werden landesweit auch unabhängige Medien bedrängt, Journalisten und Bürgerrechtler als "ausländische Agenten" abgestempelt. Kurz vor Silvester lässt das Oberste Gericht Russlands sogar die renommierte Menschenrechtsorganisation Memorial zwangauflösen.

Auch gegen Fadejewa läuft mittlerweile ein Verfahren wegen Extremismus. Ihr drohen zwölf Jahre Haft. Kommentieren darf sie das nicht: Das Gericht hat ihr Kontaktbeschränkungen und ein Internetverbot auferlegt. Kommunikation ist ihr nur mit ihrer Familie und ihren Anwälten erlaubt.

Über dieses Thema berichtete BR24 im Hörfunk am 17. Januar 2022 um 11:50 Uhr.