Milenka und ihre Großmutter Julia Pawlowna | Andrea Beer/WDR
Reportage

Ukraine Wenn Kinder im Krieg krank werden

Stand: 11.08.2022 09:18 Uhr

Mehrmals am Tag ist in Mykolajiw Luftalarm: Dann müssen die kleinen Patienten der örtlichen Kinderklinik mit ihren Familien in den Keller gebracht werden. Die Situation zehrt an den Nerven.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Mykolajiw

Ljubow Sawtschuk geht über den Hof des städtischen Kinderkrankenhauses in Mykolajiw. Die Stadt liegt nur rund 30 Kilometer entfernt von der Kampfzone und russisch besetztem Gebiet im Süden der Ukraine. Mykolajiw wird praktisch täglich beschossen. Bei den Angriffen starben bisher mehr als 130 Menschen, darunter ein Kind.

Andrea Beer ARD-Studio Moskau
Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/09.08.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/09.08.2022

Auch am Kinderkrankenhaus sei schon eine Rakete eingeschlagen, erzählt die Direktorin und zeigt auf die Spuren der Explosionen am Dach - das müsse jetzt repariert werden. Aber, sagt Sawtschuk: "Fenster bauen wir erst mal nicht ein, da ja jederzeit wieder ein Angriff kommen kann, vor allem durch Raketen. Das ist wirklich beängstigend."

Wenn es Alarm gibt, muss das ganze Krankenhaus in den Keller. Alle Mitarbeiter, alle Patienten mit ihren Müttern. Wer das nicht wolle, könne sich offiziell abmelden - und das Krankenhaus verlassen, sagt Sawtschuk. "Denn wir tragen ja die Verantwortung für das Leben und die Gesundheit der Menschen. Wer oben bleiben will, geht nach Hause. Da sind wir sehr klar."

Ljubow Sawtschuk | Andrea Beer/WDR

Bei Luftalarm schickt die Klinikdirektorin Ljubow Sawtschuk alle Patienten und Mitarbeiter in den Keller. Wer das nicht will, muss seine Entlassung beantragen. Bild: Andrea Beer/WDR

Großmutter tut, als wäre nichts

Bis zum russischen Angriff am 24. Februar gab es hier mehr als 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Jetzt betreiben noch rund 30 die verbleibenden zwei der ursprünglich vier Abteilungen. "Trotz brütender Hitze bereiten wir uns auf den Winter vor", fährt die Direktorin fort. "Wie garantieren wir Heizung, Wasser- und Stromversorgung im Fall eines Ausfalls oder einer möglichen Belagerung? Alles muss bedacht werden." Ljubow Stawtschuk wird jäh unterbrochen: Luftalarm.

"Bitte alle in den Keller!", ruft die Direktorin energisch und geht voran, die Treppen hinunter. In dem geräumigen Krankenhauskeller stehen Tische, Stühle, Erwachsenen- und Kinderbetten nebeneinander. Es gibt buntes Spielzeug, und Sessel stehen entlang der groben grauen Kellerwände.

In einem sitzt die dreijährige Milenka. Die feinen blonden Haare zu einem Antennen-Zopf gebunden, blättert sie in einem ukrainischen Märchenbuch. Ihre grünen Augen schauen erwartungsvoll hinüber zu einer älteren Dame im rosa Pullover - ihrer Großmutter Julia Pawlowna. Russische Raketen. Der Vater an der Front. Die russische Armee so nah. Die Großmutter tut einfach so, als wäre nichts, und geht von Märchen zu Reimen über.

"Weg von Zuhause? Wohin denn?"

Milenka hat einen Virusinfekt, sie fiebert und ist schon die zweite Woche im Kinderkrankenhaus. Großmutter und Mutter wechseln sich bei ihr ab. Milenka möchte malen. "Der runde blaue Kreis ist der Himmel", sagt sie und ihre Großmutter seufzt. "Aus dem Himmel kommen Raketen und wir sind heute schon das zweite Mal hier unten", meint Julia Pawlowna müde. Ihre Enkelin ahmt die Sirene nach.

Es gibt eben sehr oft Alarm, sechs bis acht Mal am Tag - und deswegen sind wir im ständig Keller. Natürlich tut mir das in der Seele weh, aber was soll ich machen? Weg von Zuhause? Wohin denn?

Fast die Hälfte der 500.000 Einwohner hat Mykolajiw inzwischen verlassen und auch das Kinderkrankenhaus steht fast leer: Bis zu 160 Kinder und Jugendliche können hier behandelt werden, zurzeit sind nur es nur rund 20. Auch Angelika wäre gerne weg, doch schon der Gedanke an den Weg macht die 14-Jährige nervös.

"Ich habe etwas mit dem Herzen und der Kopf tut mir weh. Ich werde immer wieder ohnmächtig", erzählt sie. "Es ist alles so schrecklich. Deshalb schlägt mein Herz so stark." Ihre Mutter stimmt zu: Vor dem russischen Dauerbeschuss sei es Angelika nicht so schlecht gegangen wie jetzt.

Angelika und ihre Mutter | Andrea Beer/WDR

Angelika hat Herzprobleme und oft Kopfschmerzen. Seit der russischen Invasion sei das schlimmer geworden, sagen sie und ihre Mutter. Bild: Andrea Beer/WDR

"Wir sind Geiseln der Situation"

Ein Stück weiter hebt Alla ihren schlafenden Sohn Andrij aus dem Kinderbett. Er hat Trisomie 21 - das ist natürlich keine Krankheit, sagt sie und lächelt liebevoll. Sie ist erleichtert, dass sich eine Erkältung des Kindes dank Medikamenten nicht zur Bronchitis auswuchs. Auch Alla wirkt erschöpft und hofft inständig, dass die russische Armee gestoppt werden kann. Gehen würde sie nur, falls ihr Haus zerstört wäre, sagt sie weinend.

Nach der Entwarnung gehen alle wieder nach oben. Direktorin Sawtschuk zeigt noch schnell die Zahnarztambulanz. Sie sieht sich als Kapitänin, die das Schiff als letzte verlassen würde, wenn überhaupt.

Niemand wisse, wo die russischen Raketen einschlagen, sagt sie. "Wenn die Leute eine Woche vorher fragen, ob sie kommen können, wissen wir wirklich nicht, was bis dahin passiert. Gerade gab es Luftalarm und wir wussten nicht, wie das endet. Wir sind Geiseln der Situation. Entschuldigen Sie den Ausdruck, aber wir sitzen hier und warten darauf, dass wir geschlachtet werden." Ljubow Sawtschuk hofft, dass das Kinderkrankenhaus nicht getroffen wird.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 09. August 2022 um 22:15 Uhr.