Die Vorsitzende von Fratelli d'Italia, Giorgia Meloni | dpa

Rechte Partei in Italien Wenn Mussolini kein Tabu mehr ist

Stand: 03.01.2022 05:29 Uhr

1922 kamen in Italien Benito Mussolini und seine faschistische Partei an die Macht. 100 Jahre später liegt in den Umfragen eine Partei mit vorne, die den Namen Mussolini nicht als Makel empfindet.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Giorgia Meloni ist die in Italien derzeit beliebteste Politikerin, nur Mario Draghi liegt in den Umfragen noch vor ihr. Die Führerin der rechten Partei Fratelli d’Italia (übersetzt: Brüder Italiens) verdankt ihre Popularität unter anderem ihrem Talent zu klaren, volksnahen Aussagen.

Über Italiens dunkelste Zeit der jüngeren Vergangenheit äußerte die 44-Jährige vor einigen Jahren: Sie habe ein "entspanntes Verhältnis zum Faschismus" und Mussolini sei eine "komplexe Persönlichkeit, die im historischen Kontext gesehen werden" müsse.

Partei schweigt zum Faschismus

Italiens führende Faschismus-Forscherin Giulia Albanese von der Universität Padua beurteilt Meloni und ihre Partei kritisch: "Brüder Italiens schweigt in bemerkenswerter Weise zur Geschichte des Faschismus. Die Partei zeichnet sich durch Elemente der Kontinuität aus, vor allem in kulturell-ideologischer Hinsicht."

Dies drücke sich bereits im Parteisymbol aus, meint der Florentiner Kunstprofessor Tomaso Montanari: "Die Partei von Giorgia Meloni macht nicht das, was sakrosankt wäre: sich vom Faschismus klar zu distanzieren. Weil sie zutiefst mit dieser Geschichte verwoben ist." Nicht von ungefähr habe sie im Parteisymbol die grün-weiß-rote Flamme, "die in der neofaschistischen Symbolik aus dem Sarg Mussolinis emporsteigt", sagt Montanari.

Giorgia Meloni, Vorsitzende der Partei Fratelli d'Italia, gibt ihre Stimme in einem Wahllokal ab (Foto vom 17.10.2021). | dpa

Nach Ministerpräsident Draghi derzeit die beliebteste Politikerin Italiens: Giorgia Meloni, Vorsitzende der Rechtsaußenpartei Fratelli d'Italia. Bild: dpa

Mit den Sozialdemokraten auf Augenhöhe

Aktuelle Umfragen sehen diese Partei, die Brüder Italiens, bei rund 20 Prozent der Wählerstimmen - in einem Kopf-an-Kopf-Rennen um die Position als derzeit führende Partei in Italien, fast gleichauf mit den Sozialdemokraten des PD.

Der Erfolg der Rechtsaußenformation hat mit der charismatischen Parteichefin Meloni zu tun, mit ihrer Rolle als derzeit einzige große Oppositionspartei gegen die (Fast-)Allparteienregierung Mario Draghis - aber auch die mangelnde Auseinandersetzung vieler Italienerinnen und Italiener mit der Geschichte und den Verbrechen der Faschisten spiele eine Rolle, sagt Faschismus-Forscherin Albanese.

"Es ist noch nicht ins allgemeine Bewusstsein in Italien eingedrungen, was die Geschichtsforschung herausgefunden hat über den Faschismus und seine Verantwortung für Gewalt, für den Aufstieg der Nazi-Herrschaft, auch für den Zweiten Weltkrieg und in Bezug auf die Beteiligung am Genozid an den Juden". Dies sei "noch nicht Teil des Alltagwissens der Italiener zum Faschismus", bedauert Albanese.

Geringes Interesse der Medien

Die Geschichtsprofessorin macht dafür unter anderem zu geringes Interesse vieler italienischer Medien an diesem Thema verantwortlich, aber auch die Tatsache, dass im Schulunterricht selbst auf Gymnasien dieser Teil der italienischen Geschichte nur kurz gestreift werde. Albanese hofft, zum 100. Jahrestag der Machtergreifung des Faschismus werde eine breitere Diskussion zum Thema in Italien stattfinden, die auch die aktuelle politische Debatte beeinflusst.

"Der Erfolg der "Brüder Italiens" basiert zum Teil auf einer verbreiteten Ignoranz zum Thema. Der Faschismus ist lange Zeit in Italien verharmlost worden", sagt sie. Viele ignorierten, "was der Faschismus die Italienerinnen und Italiener gekostet hat, in Bezug auf Gewalt, Armut, diktatorische Herrschaft, Korruption".

Kritischen Fragen weicht Meloni aus

Meloni, Vorsitzende der Brüder Italiens, betont einerseits, in ihrer Partei sei kein Platz für Faschisten und Rassisten. Andererseits weicht die ehemalige Jugendministerin Silvio Berlusconis Fragen nach einer Distanzierung vom Faschismus aus und beklagt stattdessen, in "zwei von drei Fernsehdiskussionen" solle sie etwas "zur Geschichte und nicht zur aktuellen Politik" sagen.

Bei den Rathauswahlen in Rom im Herbst hatte Melonis Partei unter anderem Rachele Mussolini aufgestellt, eine Enkelin des Diktators, die öffentlich gegen den italienischen Gedenktag zur Befreiung vom Faschismus polemisiert. Die Mussolini-Enkelin erhielt bei der Wahl die meisten Stimmen aller Kandidaten der "Brüder".

Über dieses Thema berichtete mdr Aktuell am 03. Januar 2022 um 09:24 Uhr.