Ukrainische Flüchtlinge in einer provisorischen Unterkunft in Chisinau (Moldau) | AFP

Moldau und der Ukraine-Krieg Angst und Mitgefühl

Stand: 23.03.2022 11:15 Uhr

Die Republik Moldau blickt mit großer Sorge auf den Krieg im Nachbarland Ukraine. Die Angst ist groß, dass der Krieg übergreift. Um so größer ist die Hilfe für die vielen Flüchtlinge im Land.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien, zzt. Chisinau

"Bonjour Cafe" heißt der schmucke, grüngetäfelte Kaffeekiosk in Chisinaus Innenstadt. Aus Musikboxen dringen Klänge über den angrenzenden kleinen Park. Draußen stehen schon Tische und Stühle. Ein scheinbar frühlingshaftes Idyll, das auch der 33-jährige Arkady und seine Freundin Irina genießen. Sie versuchen, dabei zu verdrängen, dass der Krieg im Nachbarland keine zwei, drei Autostunden entfernt ist: Sie hätten Angst, "dass es auch zu uns kommen könnte", sagt Arkady. So wie die Ukrainer seien die Moldawier nicht. Moldau habe kein starkes Militär, "eigentlich gar kein Militär oder ein starkes Nationalbewusstsein, das wir verteidigen könnten". Sie hofften, dass die Ukrainer die russischen Invasionstruppen stoppen und zurückdrängen könnten, "sodass wir nicht gezwungen sind, auch von diesem Ort zu fliehen".

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

Arkady und Irina lebten für einige Jahre in Kiew, kehrten zurück und beherbergen daheim zur Zeit Verwandte aus der Ukraine. Die weniger als drei Millionen Einwohner umfassende Republik Moldau hat so viele Flüchtlinge aufgenommen wie anteilig kein anderer Nachbarstaat pro Kopf der Bevölkerung. Von den über 350.000 Kriegsflüchtlingen, die über die moldawische Grenze gekommen sind, sind momentan 110.000 noch im Land, und mehr als drei Viertel dieser Menschen haben bei privaten Gastgebern Obdach gefunden.

"Es geschieht direkt hinter unsere Grenze", sagen Arkady und Irina. Viele hätten Verwandte und Freunde in der Ukraine - "wir fühlen uns sehr mit ihnen verbunden".

Hoffnung, dass es bald Frieden gibt

Es ist eine allgegenwärtige Sorge, die seit dem russischen Überfall auf die Ukraine bei Bevölkerung wie Politik vorherrscht: dass der Krieg nicht vor den Grenzen des ärmsten Landes Europas Halt macht. Über das omnipräsente Thema spreche sie mit ihren Freunden und Verwandten nicht, sagt Kristina, die einmal Stewardess war, bevor sie pandemiebedingt ihren Job verlor: Man brauche ihnen aber nur in die Augen zu schauen, dann wisse man Bescheid - "wie sie einen anschauen".

Es sei eine sehr stressige Zeit, aber, so sagt Kristina, eine "stille, stressiger Zeit". Sie sprächen nicht "darüber" und bevorzugten es auch, nicht darüber nachzudenken, sich nicht mit "schlimmen Dingen" zu beschäftigen. Die Hoffnung sei, dass es bald Frieden gebe.

Ukrainische Flüchtlinge unterhalten sich in einer provisorischen Unterkunft in Chisinau (Moldau) | REUTERS

Sie sind in Sicherheit - aber können sie zurückkehren? Ukrainische Flüchtlinge unterhalten sich in einer provisorischen Unterkunft in Chisinau. Bild: REUTERS

Russische Truppen in Transnistrien

Moldau, vormals eine vernachlässigte Sowjetrepublik am äußersten Rand des Moskauer Machtbereichs, ist seit der Unabhängigkeit 1991 zweigeteilt: in einen Russland-abhängigen Landstreifen entlang der Grenze zur Ukraine, Transnistrien, in dem rund 1700 russische Soldaten sowie eine - seriösen Schätzungen zufolge - zehnmal so große Reservistentruppe stationiert ist, und in die Republik Moldau mit rund 6000 Soldaten.

Igor Munteanu, Ex-Botschafter Moldaus in Washington und bis vor kurzem Parlamentsmitglied, beobachtet, dass die Menschen anfingen, "Angst zu bekommen, dass sie angegriffen werden", und zwar von dem russischen Militär, "das Odessa als Angriffsziel betrachtet - und Moldau hat niemals eine militärische Stärke, die irgendjemanden beeindrucken würde".

Frühzeitig, schon 1993, hatte die Republik Moldau ihre Neutralität erklärt. Diese sei, so sagt der Außenpolitik-Experte Munteanu, eine Illusion, denn von Russland sei diese nie anerkannt worden. Moskau habe über die Separatisten-Region Transnistrien stets die Entwicklung des Landes torpediert. In Moldau würden jetzt einige Leute sagen: "Schaut, die Russen verlangen von den Ukrainern, neutral zu werden, und wir sind das fast schon." Tatsächlich aber habe Russland immer die Schwäche kleinerer Länder ausgenutzt und die souveränen Rechte bestritten, selber zu entscheiden, mit wem sie sich zusammentun wollten.

Blick nach Brüssel

Als die Ukraine am 1. März ihren Antrag stellte, Mitglied der EU zu werden, zögerten auch Georgien und Moldau nicht lange: Wenige Tage später richteten auch diese beiden ehemaligen Sowjetrepubliken ihr Gesuch nach Brüssel. Moldau sucht Schutz unter dem EU-Dach, auch wenn dies nicht rasch zu realisieren sein wird.

Für die Ex-Stewardess Kristina hat sich das Leben, wie für die allermeisten ihrer Landsleute, grundlegend verändert. Sie habe es nicht fassen können, "dass der Krieg so nah sein konnte". Wenn man von Kriegen in Afrika oder Syrien oder anderen, weit entfernten Ländern höre, habe man Mitleid, doch das Kriegsgeschehen sei weit weg. "Aber wenn der Krieg direkt nebenan ist und man morgens Geräusche hört, die irgendwie wie Regen klingen, aber von Kämpfen kommen, dann ist es sehr schwer."

Das Kriegsgeschehen im Nachbarland legt über die Zukunft Moldaus einen dunklen Schatten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. März 2022 um 09:00 Uhr.