Flüchtlinge aus der Ukraine hinter der Grenze zur Republik Moldau | EPA
Reportage

Flucht aus der Ukraine Von Odessa nach Chisinau - und zurück

Stand: 25.03.2022 19:17 Uhr

Noch können Ukrainer von der südlichen Stadt Odessa in die benachbarte Republik Moldau kommen. Manche bringen ihre Kinder und Eltern über die Grenze - und fahren dann wieder zurück.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien, zurzeit Chisinau

Der 12-jährige Timofej sitzt auf einem Bordstein und telefoniert mit seinem Vater, der daheim in Odessa geblieben ist: Um ihn herum seien Kameras und Mikros, berichtet er seinem Papa, und die wollten wissen, wie die Lage in der Ukraine sei. Mama wolle nicht reden, und deshalb habe er die Kommunikation übernommen: "Du hast jetzt die ganze Verantwortung für Mama und die anderen", sagt ihm der Vater.

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

Timofej ist eben mit seiner Mutter Lika, der Oma Tatjana und seinen Bruder Kirill im Babyalter aus Odessa über die Grenze gekommen. Sie wollen weiter zu Bekannten nach Bulgarien, eine 10-Stunden-Autofahrt liegt vor ihnen. Der Junge, der Englisch lernt, seitdem er vier Jahre alt ist, erzählt, dass er auf seinen Schulunterricht auch jetzt nicht verzichten muss: Um halb neun morgens gehe es los, jeden Tag fünf bis sieben Unterrichtsfächer. "Wir haben normalen Unterricht, aber online. Französisch, Mathe, Geographie - aber ohne Sport."

Stolz steht seine Großmutter neben ihm und lauscht, wie ihr Enkel weiter über seine Lehrerinnen und Lehrer berichtet. Einige seien in Odessa, einige in anderen Städten in der Ukraine, "aber einer von ihnen ist im Ausland, aber ich weiß nicht, wo".

Der 12-jährige Timofey aus Odessa telefoniert nach seiner Ankunft am Grenzübergang Palanca mit seinem Vater, der daheim geblieben ist. | ARD Wien

Für Timofey geht es weiter nach Bulgarien, aber die Kommunikation mit daheim läuft weiter - wie auch der Unterricht. Bild: ARD Wien

Ein Dorf ohne schützenden Keller

Mit ihrer Mutter Swetlana und dem kleinen Bruder Wanja ist die 14-jährige Tanja gerade zu Fuß über den Grenzübergang im äußersten Südostwinkel Moldaus eingereist. Sie kommen aus der Nähe der heftig bombardierten Stadt Mykolajiw im Süden. Es habe sehr heftige Kämpfe gegeben, berichtet Tanja, schweren Beschuss. Einen eigenen Keller, um Schutz vor den russischen Angriffen zu suchen, hätten sie in ihrem Dorf nicht gehabt.

Ihre Mutter schaut regungslos auf den weißen Minibus, in den sie und ihre Kinder gleich einsteigen werden, um in die Hauptstadt Chisinau gefahren zu werden.

Rosian Vasiloi ist Chef der moldauischen Grenzpolizei. Am frühen Nachmittag steht er in Palanca, nur wenige Meter vor seinen ukrainischen Kollegen entfernt. Wie viele Menschen an diesem Tag jetzt gekommen seien? Der Grenzpolizeichef gibt eine erstaunliche Antwort: "Heute haben fast so viele Menschen das Land verlassen, wie gekommen sind." Bisher seien es 1500, die eingereist seien, und 1400, die ausgereist seien.

Noch gibt es den regelmäßigen Pendelverkehr zwischen Chisinau und Odessa. Die kleinen weißen Minibusse sind gut besetzt.

Zurück zu den Ehemännern

Mit einem Mini Cooper fahren die beiden Schwägerinnen Oxana und Liliana zurück ins heimatliche Odessa, das eine Autostunde von der Grenze entfernt ist. Warum? "Wir lieben die Ukraine. Wir haben die Kinder in Moldau gelassen und gehen zurück, weil unsere Männer da sind." Die beiden Großmütter haben ihre Töchter sowie die beiden Enkelkinder, zwei und vier Jahre, schon gleich nach Kriegsbeginn zu Verwandten nach Moldau gefahren. Jetzt hätten sie ihnen noch mal neue Kleidung und Spielsachen für die Kleinen gebracht, bevor es nun wieder zurückgeht.

Die Lage schätzen die beiden Schwägerinnen noch als sicher ein: In Odessa sei es mehr oder minder okay. Außerdem hätten sie sich vor dem Krieg vorbereitet und Lebensmittelvorräte angelegt.

Die beiden Frauen Oxana und Liliana fahren zurück in ihr heimatliches Odessa. | ARD Wien

Oxana und Liliana haben sich entschieden: Sie wollen ihre Kinder schützen und weiter für eine freie Ukraine kämpfen. Bild: ARD Wien

Sie fallen sich abwechselnd lachend und weinend ins Wort und geben auf die Frage, mit welchen Gefühlen sie jetzt nach Hause fahren, zurück: "Wir unterstützen die Ukraine, weil unsere Männer und Jungs da sind." Sie wollten als Freiwillige der Armee helfen.

Ila, die im Auto dahinter sitzt, will mit ihren beiden Kleinkindern ebenfalls zurück nach Odessa. Drei Wochen hätten sie zusammen bei der Oma in Moldau verbracht. "Ich hoffe, dass sich die Lage beruhigt; man sollte zweimal darüber nachdenken, in die Ukraine zurückzukommen. Aber ich habe Hoffnung."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. März 2022 um 05:25 Uhr.