Migranten warten vor einer Lagerhalle in der Nähe der Grenze, die als Notunterkunft eingerichtet wurde (Archivbild). | dpa

Migranten im belarusischen Grenzgebiet "Wir waren in der Mitte gefangen"

Stand: 30.11.2021 03:22 Uhr

Die Lage im belarusischen Grenzgebiet bleibt verzweifelt. Immer mehr Migranten erzählen, wie sie zwischen den Fronten gefangen sind. Und eine Verbesserung der Lage ist nicht absehbar.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Wieder ist ein Mensch gestorben im westlichen Grenzgebiet von Belarus. Laut belarusischem Grenzschutz sei der Mann in der Nacht zum Montag nahe der Grenze zu Litauen tot aufgefunden worden. Rübergeschoben auf die belarusische Seite, behauptet Machthaber Alexander Lukaschenko bei einer Sitzung mit Vertretern des belarusischen Verteidigungsministeriums.

In dieser Migrantenkrise gehen diese Dreckskerle so weit, dass sie Menschen töten. Es ist die immer gleiche Methode: Sie packen einen toten oder halbtoten Menschen in einen Schlafsack und legen ihn an unserer Grenze ab.
Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

Was dahinter stecke, das würden die Ermittler aufklären, versichert Lukaschenko. Doch gibt es kaum Chancen von unabhängiger Seite zu prüfen, was sich in den Wäldern zwischen Belarus und der EU abspielt.

Erzwungener Angriff

Immer wieder erzählen Migranten, sie seien von belarusischen Grenzschützern dazu gedrängt worden, die Grenze zu Polen oder Litauen zu übertreten. Auch der Angriff hunderter Migranten auf den Grenzübergang Brusgi-Kuznica vor knapp zwei Wochen, sei erzwungen gewesen, erzählt dieser 18-jährige Iraker:

Sie sagten, wir können nicht zurück nach Belarus, aber wir können auch nicht nach Polen. Wir waren also gefangen - in der Mitte. Es war kalt, und wir mussten etwas tun. Die Menschen froren. Also sagten die Belarusen: Wenn Ihr jetzt angreift, helfen Euch unsere Leute, zurückzugehen.

Kurz nach der Eskalation, bei der Steine flogen und die polnische Seite Wasserwerfer und Tränengas einsetzte, wurden die rund 2000 Migranten in die provisorische Notunterkunft gebracht - in einer Lagerhalle unweit der belarusisch-polnischen Grenze. Viele harren auch heute dort aus - in der Hoffnung, es doch noch irgendwie nach Europa zu schaffen.

Verbesserung der Lage nicht absehbar

Viele andere haben diese Hoffnung nun aufgegeben - wie Schiluan, Jura-Student aus dem Irak. Wie hunderte andere ist er am Wochenende über Minsk zurück nach Hause geflogen. Hätte er geahnt, was ihn an der Grenze nach Europa erwartet, erzählt er, hätte er sich niemals auf den Weg gemacht. Und erst nach seiner Rückkehr aus Belarus, traut er sich, in einer Sprachnachricht zu schildern, was im Grenzgebiet vorgefallen ist.

In der ersten Nacht haben uns die belarusischen Grenzschützer eingesammelt und uns gesagt, dass sie uns nach Polen bringen. Sie sagten, es gäbe keine Polizei, keine Kontrollen. Aber sie haben gelogen. In der zweiten Nacht brachten sie uns zur litauischen Grenze. Die Litauer kamen mit Hunden und Elektroschockern und zwangen uns zurück nach Belarus.

Dass sich die Situation der Migranten in Belarus, vor allem derer im Grenzgebiet, bald ändern könnte, ist nicht abzusehen. Es sei denn, sie wählen den Weg zurück in ihre Herkunftsländer.

Bei seinem Besuch der Notunterkunft am vergangenen Freitag erklärte Alexander Lukaschenko öffentlichkeitswirksam, dass er sich persönlich dafür einsetzen werde, dass diese Menschen nach Europa - und vor allem nach Deutschland - durchgelassen würden. Eine echte Perspektive ist das aber nicht. Zumal der Machthaber selbst anfügte, dass sich die Lage vor Ort in naher Zukunft nicht bessern werde.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. November 2021 um 07:45 Uhr.