Boris Johnson und Angela Merkel | EPA

Johnson empfängt Merkel "Wir teilen dieselben Werte"

Stand: 02.07.2021 18:00 Uhr

Für seine Vision eines global agierenden Großbritanniens braucht Premier Johnson Partner. Deutschland steht da ganz oben auf der Wunschliste. Entsprechend stark wurde die Kanzlerin bei ihrem Besuch umgarnt.

Von Thomas Spickhofen, ARD-Studio London

"Wir teilen dieselben Werte", sagt Boris Johnson, "und noch viel mehr." Zum "Global Britain", zum global ausgerichteten und agierenden Großbritannien will der Premierminister sein Land nach dem Brexit machen - aber auch dafür braucht er starke Partnerschaften. Und Berlin steht da ganz oben auf der Adressenliste.

Thomas Spickhofen ARD-Studio London

Deshalb erfolgte die Einladung an Bundeskanzlerin Angela Merkel auf den Landsitz nach Chequers. Sie ist auch Gast bei einer virtuellen Kabinettssitzung, kann sich unmittelbar an die Regierungsmannschaft wenden.

Kabinette sollen sich einmal pro Jahr treffen

Man habe gemeinsam viel vor, sagt Johnson. "Wir werden den Jugendaustausch verstärken, wir werden einen neuen kulturellen Dialog ins Leben rufen, wir schreiben einen Preis für deutsche und britische Wissenschaftlerinnen aus. Und unsere Kabinette werden sich zukünftig einmal im Jahr gemeinsam zu einer Sitzung treffen. Das ist für uns das erste Mal, dass wir so etwas machen."

Das alles will Johnson in einen neuen Vertrag zwischen Großbritannien und Deutschland gießen. Angela Merkel hat dagegen nichts einzuwenden und spricht von einem neuen Kapitel, das nach dem Austritt der Briten aus der EU aufgeschlagen werde: "Wir sind sehr gerne bereit von deutscher Seite, an so einem Freundschaftsvertrag oder Kooperationsvertrag gemeinsam zu arbeiten, der dann die gesamte Breite der Beziehungen auch abbildet."

Quarantäne-Pflicht könnte laut Merkel enden

Die erste gemeinsame Kabinettssitzung soll im kommenden Jahr stattfinden. So lange können aber manche Themen nicht warten, zum Beispiel die Frage der Reise-Einschränkungen zum Schutz vor der Delta-Variante. Im Moment müssen Reisende von Großbritannien nach Deutschland 14 Tage in Quarantäne - ein sogenanntes Frei-Testen ist nicht vorgesehen.

Das könne sich aber bald ändern, sagt die Kanzlerin: "Ich gehe davon aus, dass in wirklich absehbarer Zeit die Doppeltgeimpften dann auch durch die Klassifizierung von Großbritannien nach deutscher Klassifizierung als Hochinzidenzgebiet dann auch wieder reisen können, ohne in Quarantäne zu gehen."

"Im Fahrplan für die Rückkehr zur Normalität"

Das freut den britischen Regierungschef. Zu den Sorgen in Deutschland wegen der Delta-Variante und voller Stadien bei den EM-Spielen in Wembley sagt er nur, man habe da eine ganz klare Haltung: "Der entscheidende Punkt ist, dass wir hier in Großbritannien inzwischen einen großen Schutzwall aufgebaut haben. Bei uns sind 85 Prozent der Erwachsenen zum ersten Mal und mehr als 60 sogar schon zum zweiten Mal geimpft. Und an den Zahlen sehen wir, dass hohe Infektionen nun nicht mehr automatisch zu einer hohen Zahl von schwer erkrankten und Verstorbenen führen. Wir sehen uns im Fahrplan für die Rückkehr zur Normalität", so Johnson.

Es geht nicht nur um Würstchen und Impfstoff

Der britische Premier hat für diesen Tag ein ganzes Bündel an Angeboten geschnürt, um die Partnerschaft mit Berlin zu stärken. Zu diesen außenpolitischen Instrumenten gehört zum Schluss auch: die Einladung der Queen an Merkel zum Afternoon-Tea auf Schloss Windsor.

Thomas Matussek, früherer deutscher Botschafter in London, sagt, bei diesem Treffen von Merkel und Johnson sei es um viel mehr als nur um Würstchen und Impfstoffe gegangen: "Es geht um die zukünftigen Beziehungen. Großbritannien war in der EU oft unser engster Verbündeter in der EU, zum Beispiel bei der Finanzkontrolle, beim Kampf gegen Bürokratie und überbordenden Zentralismus. Da ist jetzt eine Lücke, und die Frage ist, wie die nun gefüllt wird."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. Juli 2021 um 17:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Vielfalt. 02.07.2021 • 21:58 Uhr

@21:47 von aua am popo

Ich glaube ehr, dass das freiheitliche Deutschland wenig mit dem konservativen Großbritannien oder dem autoritären Polen oder Ungarn zu tun hat. Eine sehr germanozentrierte Sichtweise. Blickt man über den bundesrepublikanischen Tellerrand, wird klar, dass Machtkonzentrationstendenzen so wie in Deutschland bzw. Mittel&Osteuropa, in der etablierten freiheitlichen Demokratie Großbritannien undenkbar wären. Dort gilt Opposition nicht nur als selbstverständlich, sondern als für die Demokratie unentbehrlich. Da haben die Briten recht.