Bundeskanzlerin Merkel und der französische Präsident Macron (Archivbild). | AFP

Merkels Abschiedsvisite in Paris Unaufgeregt oder dominant?

Stand: 03.11.2021 01:58 Uhr

Auch für Frankreich geht eine Ära zu Ende, wenn Präsident Macron heute Kanzlerin Merkel zu ihrem Abschiedsbesuch empfängt. Wie wird Merkels Wirken in Frankreich bewertet? Was bleibt den Franzosen in Erinnerung?

Von Julia Borutta, ARD-Studio Paris

Ein altes Schloss, ein guter Wein, eine betörende Landschaft - das Chateau du Clos de Vougeot im Burgund bietet alles, was der französische Präsident für eine herzliche, würdevolle und sehr französische Verabschiedung der chancellière allemande braucht.

Julia Borutta ARD-Studio Paris

Merkel wird die Kulisse zu schätzen wissen, auch wenn sie sich an die französische Lust an der Inszenierung erst gewöhnen musste, sagt Hélène Miard-Delacroix, Historikerin an der Sorbonne Univeristät. "Das hat sie sich angeeignet."

Lächelnd mit fester Hand geführt

Diese Messlatte, diese Skala der Verbundenheit richtig zu lesen und zu bespielen fiel Angela Merkel immer schwer. Das Pathos und der Pomp, den französische Präsidenten lieben, war ihr fremd, und so hat sie kein natürliches, aber ein ernsthaftes und stabiles Verhältnis zu ihren verschiedenen Partnern im Elysée aufgebaut.

Der altväterliche Jacques Chirac, der Heißsporn und Alphamann Sarkozy, der allzu normale Francois Hollande und der smarte und ungestüme Emmanuel Macron - Merkel bildete zu jedem von ihnen einen krassen Gegensatz und hatte doch für jeden das gleiche Rezept parat, meint Miard de la Croix: "Sie war immer gleich, lächelnd", sei aber auch jemand gewesen, der mit fester Hand geführt hat. Die feste Hand - manche würden auch sagen der eiserne Griff.

Das ständige Bremsen

Denn in Frankreich gilt Merkel eben nicht nur als Verkörperung von Stabilität und Beständigkeit. Gerade in der Schuldenkrise verstörte Merkels abweisende Haltung die Franzosen nachhaltig.

Irritierend auch das deutsche Schweigen nach der Sorbonne Rede des frisch zum Präsidenten gekürten Emmanuel Macron im Jahr 2017. Als glühender Europäer hatte er sich präsentiert und Deutschland aufgefordert, mit ihm die EU zu reformieren. Seine Visionen griff die Pragmatikerin in Berlin nicht auf, ließ Macron scheinbar ins Leere laufen.

Franzosen sehen Merkels Erbe unterschiedlich

Unaufgeregte Regierungschefin oder dominante Deutsche? Die Franzosen bewerten das naturgemäß verschieden:

Wir sind alle traurig, dass sie geht.
Sie hat sich ganz Deutschland verschrieben, ich erweise ihr meine Ehre.
Wenn ich Deutscher wäre, hätte ich Merkel nicht gerne als Kanzlerin gehabt. Sie hat eine Million Flüchtlinge nach Deutschland geholt, und die vertragen sich nicht gut mit einer Demokratie.
Sie hat mit Frankreich sehr gut zusammengearbeitet. Ich mag sie einfach, sie ist sympathisch.

Auf den letzten Metern hat Frankreich im deutsch-französischen Verhältnis an Gewicht gewonnen - so nimmt man es in Paris wahr. Dass Merkel sich mit Macron zum milliardenschweren europäischen Wiederaufbaufonds inklusive gemeinsamer Schulden aufschwang, schreibt man der Beharrlichkeit des Präsidenten zu. Hélene Miard-Delacroix meint, "dass das Tandem Merkel Macron am besten funktioniert."

Deutschland und Frankreich sind also mehr aufeinander angewiesen denn je. Bei einem sehr guten Tropfen Burgunder wird man sich dessen heute Abend noch einmal vergewissern. Und nach den spröden aber letztlich erfolgreichen Merkel-Jahren kann Macron froher Hoffnung sein, demnächst auch mit dem reservierten Hamburger gut zurechtzukommen. Er wird ihn gebührend empfangen.

Dieser Beitrag lief am 03. November 2021 um 05:55 Uhr im Deutschlandfunk.