Maskensammler Fréderic in Paris | ARD Paris

Corona-Pandemie in Frankreich "Diese Masken sind eine eklige Plage"

Stand: 07.12.2020 13:21 Uhr

Sie schützen vor Corona, sind für die Umwelt aber zunehmend ein Problem: die Einwegmasken. Aktivisten aus Marseille sind durch ganz Frankreich marschiert, um weggeworfene Masken aufzusammeln.

Stefanie Markert, ARD-Studio Paris

Frederic und Edmund aus Marseille haben Hunderte hellblaue Einwegmasken aufgespießt - auf mit Klebeband umwickelte Stöcke. Die Mittvierziger stehen mit orangefarbenen Pudelmützen vor dem Pariser Rathaus.

Stefanie Markert ARD-Studio Paris

Fotograf Frederic erklärt: "Die haben wir nur in Paris bei unserer Ankunft aufgesammelt. Wir konnten gar nicht alle mitnehmen. Sie liegen auf den Metrogleisen, an Baustellen, auf Parkplätzen von Supermärkten. Diese Masken sind eine ekelige Plage."

Knapp 6300 Masken in 60 Tagen

Und das obwohl Paris dieses Jahr für die Stadtreinigung über eine halbe Milliarde Euro ausgibt. Von Marseille bis in die Hauptstadt haben Frederic und Edmund 880 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Und in knapp 60 Tagen 6300 Masken aufgelesen. "Wir sind entlang der Linie des Hochgeschwindigkeitszuges TGV gelaufen. Mit 25-Kilo-Rucksäcken sind wir über Hügel gewandert und durch Flüsse gewatet." Durch insgesamt 12 Départements sind sie gelaufen. In den urbanen Zonen fanden sie zehn Mal mehr weggeworfene Masken als auf dem Land.

"Die Masken sind der Müll des Jahres 2020. Natürlich wird aufgeräumt, aber wenn immer wieder etwas weggeworfen wird, bleibt es dreckig. Ob mit oder ohne Ausgangssperre, es ist eine Minderheit, die etwas wegwirft - nur etwa fünf bis zehn Prozent. Wir wollen Mut machen, jeden Tag etwas aufzusammeln. Dann wird es sauberer."

"Ein Stück Müll am Tag"

Müllmasken in Frankreich | ARD Paris

6300 Masken haben Frederic und Edmund auf ihrer Wanderung von Marseille nach Paris aufgesammelt. Bild: ARD Paris

Es ist eine bürgerschaftliche Geste und keine Politik. Beide kämpfen gegen Plastikmüll in den Meeren und nun gegen Masken.

"Ein Stück Müll am Tag" - so heißt der Verein, den Edmund vor vier Jahren mitgegründet hat. Der frankophile Engländer hat bereits ein Buch über eine Tramptour zum Müllsammeln durch seine Wahlheimat Frankreich geschrieben.

Der Ex-Geschäftsmann war früher viel mit dem Flugzeug unterwegs und hat Tausende Kippen auf die Straße geworfen. Nun ist er stolz auf die Bilanz von "Ein Stück Müll am Tag" für 2019: über 50 Sammelaktionen von der Basilika in Marseille bis zu Brennpunkt-Vierteln der Hafenstadt. Die 2500 Mitstreiter haben rund 10.000 Kilo Müll entsorgt. 

"Wir haben gerade mit 30 Schülern über Müll gesprochen. Alle hatten Masken auf, aber so sieht man nicht, ob sie glücklich, interessiert oder verärgert sind. Die Politiker nehmen dem ganzen Planeten die Möglichkeit, sich frei auszudrücken."

"Müll aufheben ist tugendhaft"

Hat Edmund Bedenken über den Müll hinaus? Sein Kumpel Frederic trägt im Gegensatz zu ihm eine schwarze Stoffmaske. Er erwähnt ihren einzigen Sponsor: Es ist ein Apotheker, der Desinfektionsmittel spendete. Frederic sagt lachend, er halte sich auch an die Hygiene, schließlich sei Seife aus Marseille weltberühmt. Er sei nicht gegen Masken, nur gegen den Müll.

"Wir haben eine Dame getroffen, die meinte, sie schäme sich, wenn sie etwas aufhebe. Aber wir sagen, das ist tugendhaft. Wenn ein Kind etwas von der Straße sammelt, sagen die Eltern: Lass das liegen, das ist schmutzig. Aber der Reflex ist erstmal da. Bei den Kindern müssen wir ansetzen."

Keine Lektion, nur ein Beispiel geben

In Marseille regiere nach den Konservativen jetzt eine Bürgermeisterin mit grünem Hintergrund. Die Leute wählen grün, aber sie werfen ihren Zigarettenstummel vor die Wahlurne, ärgert sich Frederic. Er will keine Lektion erteilen, sondern ein Beispiel geben. Und was haben die beiden mit den aufgesammelten Masken gemacht?

"Wir haben eine große Pizza damit belegt. Nein, wir haben sie manchmal ins Lagerfeuer geworfen, aber sonst natürlich in den Müll. Wir haben eine aus der Kanalisation geholt. Ein Windstoß und sie wäre irgendwann im Meer gelandet."

Geschlafen haben beide unterwegs im Zelt oder bei Einheimischen. Sie wollten in dem Land auch ein wenig den Puls fühlen, sagt Frederic.

"Wir haben Menschen getroffen, die traurig sind. Frankreich ist ländlich geprägt, da leben Bauern und Handwerker. Denen geht es wirtschaftlich nicht gut. Und wegen Corona können sie nun Weihnachten oft ihre Familien nicht sehen."

 Vertrieb von Plastik gestiegen

Frederic selbst hat für das Fest einen Wunsch in eigener Sache: "Weihnachtsmann - hörst Du mich? Mach den Menschen bewusst, dass sie keine Masken, keinen Müll wegwerfen, sondern alles aufsammeln. Das ist dieses Jahr mein einziger Wunsch."

Immerhin hat ein Aktionskünstler 50 schmutzige Masken gerahmt und für den Verein à 100 Euro verkauft. Frederic und Edmund werden das Geld brauchen. Nach Herstellerangaben ist der Vertrieb von Plastikverpackungen für Lebensmittel seit der Corona-Krise in Frankreich um 20 Prozent gestiegen. Und beim Maskentragen ist auch kein Ende in Sicht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Dezember 2020 um 11:49 Uhr.