Hochhäuser stehen in der Siedlung La Castellane in Marseille. | picture alliance / PHOTOPQR/LA P
Reportage

Macrons Infrastrukturpaket Milliarden gegen Marseilles Drogenbanden

Stand: 15.10.2021 13:50 Uhr

Mit Milliarden im Gepäck reist Präsident Macron nach Marseille: Infrastrukturhilfen sollen der Stadt Perspektiven geben, in der Drogenbanden sich bekriegen. Im Viertel La Castellane haben viele den Staat abgeschrieben.

Von Julia Borutta, ARD-Studio Paris

Vor dem Durchgang, der in die Hochhaussiedlung in La Castellane führt, sitzt ein junger Mann auf einem ramponierten Bürostuhl in der Sonne: Schwerer Bauch, T-Shirt, er klickt sich durch Tiktok-Videos und stellt sich als "Späher" vor. Auf die Frage, was ein Späher in dem Viertel denn macht, sagt er: "Man fängt morgens um zehn Uhr an und arbeitet bis ein Uhr nachts. Da kommt mein Kollege."

Julia Borutta ARD-Studio Paris

Sein Kollege - Kapuzenjacke, schwarze Bauchtasche um die Hüften - scheint in der Hierarchie höher zu stehen. Er ist der vendeur, der Verkäufer. Ein Verkäufer verdient am Tag etwa 150 Euro. Ein Auto fährt vor, eine junge Frau will Haschisch kaufen. Der Verkäufer springt auf, greift hinter ein Mäuerchen und zieht einen großen durchsichtigen Plastiksack mit Schiebeverschluss aus dem Gebüsch: Grasbündel und Haschisch-Riegel in Tütchen abgepackt. Die Kundin hält einen Zehn-Euro-Schein aus dem Fenster. Der Verkäufer greift in seine Hüfttasche und verstaut den Schein bei den anderen dicken Geldpacken.

In Plastiktüten abgepacktes Marihuana | AFP

In Plastiktüten abgepacktes Marihuana ist in La Castellane einfach zu bekommen - die Preise stehen als Graffiti an den Hauswänden. Bild: AFP

Drogenverkauf, als seien es Softdrinks

Die Polizei gibt an, dass jeder solcher 156 Verkaufspunkte in Marseille 10.000 bis 60.000 Euro einbringt - pro Tag. Auf den Häuserwänden weisen schwarze Pfeile den Weg zur Droge. Auch die Preise sind hier aufgemalt: Ein Gramm, zwei Gramm, zehn, 20, 30 Euro. Gut sichtbar, als handele es sich um Cola oder Limo.

Die Droge in Marseille - das ist ein fettes Geschäft und ein heiß umkämpftes. 13 tödliche Vergeltungsschläge zwischen rivalisierenden Drogenbanden gab es allein seit Juni. Das jüngste Opfer war 14 Jahre alt - getroffen von Kalaschnikow-Patronen. "Man nimmt ein hohes Tier der Drogenbanden fest, und sofort wollen Dutzende seinen Platz einnehmen", sagt Rudy Manee, Sprecher der größten Polizeigewerkschaft "Alliance". "Das sind Typen, die wirklich zu allem bereit sind, sogar die Leute bei lebendigem Leibe zu verbrennen." "Barbecue" nennen sie diese Methode.

Polizei rückt nur in Mannschaftsstärke aus

Die tödlichen Abrechnungen der Banden, zwischen denen Krieg herrscht, sind paradoxerweise eine Folge der Polizeistrategie des Innenministers: Das sogenannte harcellement - ständiges Störfeuer gegen die Dealer. Das sorgt für Unruhe, führt zu blutigen Macht- und Territorialkämpfen zwischen den Banden. Da nützen auch die zusätzlichen Mittel nichts, die der Präsident im Rahmen seines Plans "Marseille en grand" versprochen hat, findet Manaa: Der Plan sei für die Polizei oberflächlich betrachtet schön. "Neue Autos, neue Kameras, mehr Personal, zwei neue Kommissariate. Da kann ich nur sagen: Bravo, Herr Präsident! Aber was hat er tatsächlich für eine Lösung angeboten? Absolut gar keine."

Ein Knackpunkt ist die Justiz. Die Gerichte sind hoffnungslos unterbesetzt, arbeiten viel zu langsam und sind bei dem jüngsten Plan wieder leer ausgegangen. Von der Festnahme bis zum Urteil vergehen in der Regel zwei bis drei Jahre. Ein schlagkräftiger Staat sieht anders aus. Und so bleiben die nördlichen Armenviertel von Marseille fest im Griff der Drogenbanden.

"Wir kommen als Polizei zwar noch überall rein, aber zu welchem Preis?", sagt Manaa. "Wenn wir in eine Siedlung wollen, dann müssen wir das mit zwei, drei oder sogar vier Polizeiautos tun. In 99 Prozent der Fälle kriegt man dann Steine und Molotowcocktails ab. Wenn sich glücklicherweise niemand verletzt, dann werden zumindest die Autos beschädigt."

Weder Ärzte noch U-Bahn-Anbindung für La Castellane

Im Marseiller Viertel La Castellane ist Fußballstar Zinedine Zidane aufgewachsen - und auch die Schülerinnen Jade und Evine, die eine Förderklasse für besonders motivierte Schülerinnen gegenüber der Siedlung besuchen, haben große Pläne für ihr Leben: Jade will Chirurgin, Evine Polizistin werden.

"Unser Leitgedanke ist, dass diese Kinder in ihrer Umgebung kaum Zugang zu Kultur haben. Also versuchen wir, ihnen eine Grundlage zu vermitteln", erklärt Schulleiter Eric Brundu. "Das ist nur so ein dünner Anstrich, aber er wird ihnen erlauben zu sagen: 'Hey ja von Beethoven habe ich schon mal gehört, ich war sogar in der Oper von Marseille. Wagner? Kenne ich!' Unsere Ambition ist also bescheiden, aber wir wollen ihnen die Tür öffnen."

Größer denken als das eigene Viertel, aus dem viele Jugendliche nie raus kommen - und dessen Lebensbedingungen rau sind: "Die Nächte hier sind hart. Ständig dieser Lärm, Geschrei, die Autorennen, Feuerwerk - in diesen Vierteln fehlt es an allem", sagt Brundu. "Es gibt keine Kinderärzte, keine Augenärzte. Alles, was man in einer normalen Umgebung findet, fehlt hier. Es gibt ein doppeltes Armutsproblem. Die Leute haben kein Geld und keine öffentliche Infrastruktur."

Macrons Milliarden sollen die Stadt schick machen

Ob Jade und Evine ihre Träume verwirklichen werden, hängt auch davon ab, ob die gewählten Stadtvertreter die jahrzehntelange Klientelpolitik beenden. Denn anstatt endlich eine U-Bahn-Linie aus den nördlichen Vierteln in die Innenstadt zu bauen, ließ der langjährige konservative Bürgermeister, Jean-Claude Gaudin, lieber den Hafen schick machen.

Jetzt soll alles anders werden. Präsident Emmanuel Macron hat die Mittelmeermetropole als Wahlkampfthema entdeckt: 1,5 Milliarden Euro für Wohnungen und Infrastruktur versprach er bereits im September. Nun reist der Präsident noch einmal in die Stadt. Er wird mit dem neuen sozialistischen Bürgermeister Benoit Payan über eine zusätzliche Summe von 1,2 Milliarden Euro verhandeln: Sie soll den völlig heruntergekommenen Schulen zugutekommen - und Mädchen wie Jade.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Oktober 2021 um 12:10 Uhr.