Eine gallertartige Schleimschicht umgibt Boote in einem Hafen an der Küste Istanbuls. | AFP

Türkei Schleim verseucht Marmarameer

Stand: 06.06.2021 15:23 Uhr

Das Marmarameer bei Istanbul wird von einer grauen Schleimschicht verdreckt. Die durch Algen ausgelöste Verschmutzung gefährdet die Lebewesen im Meer, warnen Experten. Präsident Erdogan versprach schnelle Hilfe.

Das türkische Marmarameer bei Istanbul ist von einer durch Algen ausgelösten Schleimplage befallen. Die dicke Substanz ist ein Ausscheidungsprodukt mancher Meeresorganismen und treibt an der Wasseroberfläche, aber auch darunter. Der Schleim setzt sich über kurz oder lang am Meeresboden ab. Nicht nur das Marmarameer mit der Millionenmetropole Istanbul ist von der Schleimplage betroffen, sondern auch das angrenzende Schwarze Meer und die Ägäis.

An der Wasseroberfläche ist die Masse als grauer Schleim zu sehen, weshalb sie auch als "Seerotz" bezeichnet wird. Unterwasservideos zeigen davon überzogene, erstickte Korallen.

Erdogan fordert schnelles Handeln

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan führte das Phänomen auf unbehandelte Abfälle zurück und forderte schnelles Handeln. Er habe das Umweltministerium angewiesen, mit Hochschulen, Stadtverwaltungen und anderen Institutionen zusammenzuarbeiten, sagte er.

Expertenteams sollten Abwässer, Müllhalden und andere mögliche Quellen von Verschmutzung untersuchen. "Wir werden unsere Meere vor dieser Schleimkatastrophe retten, allen voran das Marmarameer", versprach Erdogan.

"Höhepunkt noch nicht erreicht"

Das Meer stehe unter hohem Stress, sagte Bayram Öztürk, Biologe bei der Türkischen Stiftung für Meeresforschung und Professor an der Universität Istanbul. Der Höhepunkt sei "noch nicht erreicht". Er und weitere Experten fordern rasches Eingreifen.

Die Algen vermehren sich etwa durch höhere Temperaturen, sagte Ekin Akoglu, Meeresbiologe an der türkischen ODTÜ-Universität. Begünstigt würde die Schleimbildung auch durch unbehandeltes Abwasser, das direkt ins Meer abgelassen wird.

Die Küste des Binnenmeeres ist dicht besiedelt. An ihr liegen neben der 16-Millionen-Metropole Istanbul etwa Großstädte wie Bursa. Auch im nordägäischen Meer und im westlichen Schwarzen Meer breite sich der Schleim aus, sagt Öztürk. Er warne schon seit den Achtziger Jahren vor dem Meeresschleim. Bewirkt habe das bisher nichts.

Öztürk befürchtet Massensterben der Meereslebewesen

Durch den Schleim fällt nicht nur das Baden aus. Fischer können ihre Netze nicht auswerfen, weil die entweder kaputt gehen oder zumindest stark verschmutzt und unbrauchbar werden.

Negative Folgen habe der Schleim vor allem für Organismen, die auf dem Meeresboden leben - wie etwa Muscheln, deren Wachstum verlangsamt wird, wenn sie unter einer Schleimschicht liegen, so Akoglu. Auch weiche Korallen könnten von Schleim bedeckt nicht ihrer eigentlichen Aufgabe nachkommen, nämlich das Wasser zu filtern. Auf lange Sicht sei besonders der negative Einfluss auf das Zooplankton, von dem sich viele Fische ernähren, fatal. Nimmt dessen Menge ab, würden auch die Fischpopulationen weniger.

Öztürk warnte deshalb vor einem Massensterben der Meereslebewesen. Von dem Aktionsplan der Regierung hält er allerdings wenig. Schon in der Vergangenheit habe es diese Ankündigungen gegeben. Nun brauche es schnelle und klare Schritte. Kurzfristig könne man den Schleim etwa mechanisch entfernen, sagte Akoglu. Auf lange Sicht brauche es neben einer globalen Klimapolitik, die dem Temperaturanstieg entgegen wirke, eine bessere Verarbeitung von Abwasser in der Türkei.

Öztürk forderte zudem ausgewiesene Schutzzonen, durch die sich das Meer und seine Bewohner erholen könnten, sowie mehr Forschung, um dem Problem auf den Grund zu gehen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. Juni 2021 um 15:00 Uhr.