Soldaten in Irpin | AP

Krieg gegen die Ukraine Generalstab erwartet Angriff auf Kiew

Stand: 07.03.2022 09:09 Uhr

Russland sammelt laut ukrainischem Militär seine Kräfte, um die Hauptstadt Kiew anzugreifen. In der Nacht wurde unter anderem auch die Stadt Charkiw bombardiert. Dabei sollen auch Zivilisten getötet worden sein.

Nach Angaben der ukrainischen Armee hat Russland begonnen, Ressourcen für den Sturm auf die ukrainische Hauptstadt Kiew zusammenzuziehen. Das geht aus dem Bericht des Generalstabs hervor, der auf Facebook veröffentlicht wurde. Russische Truppen versuchten gleichzeitig, die volle Kontrolle über die kurz vor Kiew liegenden Städte Irpin und Butscha zu erlangen. Von dort sind es nur mehr wenige Kilometer zur nordwestlichen Grenze der Hauptstadt.

Russische Einheiten wollten sich zudem einen taktischen Vorteil verschaffen, indem sie die östlichen Außenbezirke Kiews über die Bezirke Browary und Boryspil erreichten, hieß es weiter. Der Berater des ukrainischen Innenministers, Wadym Denysenko, sagte laut der ukrainischen Internetzeitung "Ukrajinska Prawda" in einer Live-Fernsehsendung am Sonntagabend, auf Anfahrtswegen nach Kiew habe sich eine recht große Menge an russischer Ausrüstung und Truppen angesammelt. "Wir gehen davon aus, dass der Kampf um Kiew die Schlüsselschlacht der nächsten Tage ist."

Der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko schrieb auf seinem Telegram-Kanal am Sonntag, dass es Kämpfe nahe Kiew gebe. Die Stadt sammle weiter alle Ressourcen für ihre Verteidigung. Er habe mehrere Kontrollpunkte an der Stadtgrenze besucht, die Sicherheitskräfte seien entschlossen, jeden Angriff abzuwehren.

Tote in Irpin

Im Kiewer Vorort Irpin hat es nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters bereits Artillerieangriffe gegeben. Männer, Frauen und Kinder, die sich auf der Flucht vor den heftigen Kämpfen in der Region befanden, hätten versucht, sich in Deckung zu begeben. Auf Bildern einer Fotografin der "New York Times" bei Twitter waren Tote auf den Straßen der Kleinstadt zu sehen, darunter auch Kinder.

Nach Angaben des Bürgermeisters seien durch russische Angriffe auf die Stadt acht Zivilisten ums Leben gekommen. Bürgermeister Oleksander Markyschin erklärte, unter den Todesopfern sei eine Familie.

Schwierige Flucht aus umkämpfter Stadt

Irpin liegt etwa 25 Kilometer nordwestlich von Kiew. Bereits zuvor hatte es Angriffe auf die Stadt gegeben. Eine Brücke, die aus der Stadt herausführt, ist komplett zerstört. Über ihre Überreste führt nur noch ein improvisierter Weg, über den zahlreiche Menschen versuchen, aus der Stadt zu fliehen. Auf Bildern der Nachrichtenagentur AFP war zu sehen, wie Soldaten sowie Anwohnerinnen und Anwohner älteren Menschen über die Trümmer halfen, während in der Distanz weiteres Artilleriefeuer zu hören war.

Im umkämpften Irpin in der Ukraine helfen Soldaten einer älteren Frau über Trümmer zu gelangen, um aus der Stadt zu entkommen. | AFP

Bild: AFP

Expertin befürchtet noch brutaleres Vorgehen Russlands

Die Leiterin der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, Claudia Major, rechnet damit, dass Russlands Vorgehen in der Ukraine in den kommenden Tagen "noch einmal deutlich brutaler und deutlich rücksichtsloser werden wird". Schon in Syrien und Tschetschenien habe sich gezeigt, dass das Land bereit sei, ohne Rücksicht auf Zivilbevölkerung und zivile Infrastruktur vorzugehen. An einen Kompromiss auf diplomatischem Wege glaubt Major nicht, wie sie im Interview mit den tagesthemen betonte.

Nach Einschätzung des US-Verteidigungsministeriums hat Russland mittlerweile 95 Prozent der für die Invasion vorgesehenen Streitkräfte in die Ukraine einrücken lassen. Doch an vielen Stellen, gerade rund um die Hauptstadt Kiew, hält der Widerstand der ukrainischen Streitkräfte, den russischen Vormarsch auf. Ein Militärkonvoi, der sich derzeit nördlich von Kiew befinde, komme seit Tagen kaum voran.

Lage in Mariupol verschärft sich

Auch die Lage in der Hafenstadt Mariupol verschärft sich immer weiter. Die Stadt wird bereits seit Tagen umkämpft. Am Wochenende war zweimal versucht worden, der Bevölkerung die Flucht zu ermöglichen. Doch beide Evakuierungsversuche scheiterten, weil die Feuerpausen nicht eingehalten wurden.

Heute soll es russischen Angaben zufolge einen weiteren Anlauf geben, um Einwohnerinnen und Einwohner aus Mariupol herauszubringen. Das Verteidigungsministerium in Moskau kündigte in Mariupol erneut eine Feuerpause an. Auch in den Städten Charkiw, Sumy und in der Hauptstadt Kiew sollten die Kämpfe vorübergehend ausgesetzt werden.

Luftangriffe auf Charkiw

Die russische Armee hat zudem ihre Luftangriffe auf die zweitgrößte Stadt der Ukraine, Charkiw, in der Nacht zum Montag fortgesetzt. Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichteten, dass dabei unter anderem ein Sportkomplex einer Universität und andere zivile Gebäude getroffen wurden.

Nach ukrainischen Angaben wurde auch der Fernsehturm der Stadt durch Beschuss beschädigt, sodass derzeit keine Übertragung möglich sei. Nach Angaben des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU zielten die Angriffe zudem auf ein Forschungszentrum, in dem auch Atommaterial gelagert sein soll. Behörden warnen daher vor einer möglichem Umweltkatastrophe, sollte das Zentrum zerstört werden.

Die russischen Truppen konzentrierten nach Angaben des ukrainischen Generalstabs ihre Angriffe neben Charkiw im Osten des Landes auch auf Sumy im Nordosten und Mykolajew im Süden.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Selenskyj warnt vor Angriffen auf Odessa

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte vor bevorstehenden Raketenangriffen auf die Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer. Zuvor hatte sich auch der französische Präsident Emmanuel Macron in einem Telefongespräch mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin besorgt über einen möglicherweise kurz bevorstehenden Angriff auf die Stadt gezeigt, wie das Präsidialamt in Paris mitteilte.

Großbritannien kündigt weitere Millionen-Hilfen an

Das britische Verteidigungsministerium sieht in den verstärkten russischen Offensiven auf Kiew und weitere Städte in der Ukraine sowie in dem wiederholten Bruch vereinbarter Feuerpausen den Versuch, "die Moral der Ukrainer zu brechen". Die britische Regierung kündigte an, die Ukraine mit weiteren umgerechnet 92 Millionen Euro zu unterstützen. Diese kämen zu den bereits zugesicherten 270 Millionen Euro an finanzieller Hilfe hinzu.

Die zusätzlichen Hilfen sollten vor allem "denjenigen helfen, die mit der sich verschlechternden humanitären Situation" in der Ukraine konfrontiert seien, sagte Premierminister Boris Johnson. Er kündigte zudem weitere diplomatische Gespräche an, um die internationale Gemeinschaft weiter gegen die "Aggression" Russlands zu mobilisieren. Heute will Johnson mit Mark Rutte und Justin Trudeau zusammenkommen, den Regierungschefs der Niederlande und Kanada.

Putin weicht nicht von eigenen Zielen ab

Neben Macron hatten am Wochenende auch der israelische Ministerpräsident Naftali Bennett und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mit Putin über die Lage in der Ukraine beraten und auf eine friedliche Lösung gedrängt. Bislang waren russische und ukrainische Vertreter zu zwei Verhandlungsrunden zusammengekommen, im Laufe des Tages ist ein drittes Treffen geplant. Mit einem Durchbruch, um die Kämpfe in der Ukraine zu beenden, wird jedoch kaum gerechnet.

Erst am Wochenende hatte Putin abermals betont, nicht von seinen Forderungen in Zusammenhang mit der Invasion in die Ukraine abweichen zu wollen. Dazu zähle die Neutralisierung und "Entnazifizierung" des Landes, womit die Absetzung der ukrainischen Regierung unter des Präsidenten Selenskyj gemeint sein dürfte. Selenskyj entstammt einer jüdischen Familie. Ein Ende der Kämpfe hänge allein an der Ukraine, so Putin weiter. Sie müsse "ihre Feindseligkeiten" beenden und die russischen Forderungen erfüllen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 05. März 2022 um 23:30 Uhr.