Eine ältere Frau kocht in Mariupol über einem offenen Feuer aus einer Tonne (Bild vom 4.06.2022). | AFP

Leben im besetzten Mariupol Kaum sauberes Wasser - Essen als Lohn

Stand: 11.06.2022 05:20 Uhr

Mariupol ist seit Wochen unter russischer Kontrolle. Staatsmedien inszenieren ein normales Leben in der Hafenstadt - wer Kontakt in die Stadt hat, hört hingegen von Not, Angst und Seuchengefahr.

Von Palina Milling, WDR, für das ARD-Studio Moskau

Eine ältere Frau dreht den Hahn auf und füllt eine staubige Plastikflasche. Der Reporter des russischen Staatssenders Perwyj Kanal fragt aus dem Off, ob sie sich darüber freue, dass es wieder Leitungswasser gibt. "Natürlich ist das eine große Freude und das ist physisch eine große Hilfe für uns", sagt sie in die Kamera. Dann äußern weitere Bewohner ihren Dank: Man müsse keine Kanister mehr schleppen. Weiter - an der Brotausgabestelle - drückt eine Frau lächelnd zwei Laibe an sich. Eine weitere soll vorführen, wie in ihrer Wohnung das Licht angeht, wenn sie auf einen Lichtschalter drückt.

In einer einst modernen, gut entwickelten Stadt sollen sich nun ihre Bewohner für das russische Fernsehen über elementarste Dinge freuen. Es gilt die Rückkehr des Alltags nach Mariupol zu zeigen. Eine seltsame Normalität inmitten von Trümmern. Denn die Kehrseiten bleiben den Zuschauern in Russland verborgen.

Seuchengefahr durch unsauberes Wasser

Die Ukrainer kennen sie allzu gut: Eine verifizierte Aufnahme aus der Stadt zeigt, wie durch Einschusslöcher in einem Leitungsrohr das Wasser auf die Straße strömt. "Die haben das Wasser zwar eingeleitet, aber das Rohr gleicht einem Sieb. Das Wasser erreicht die Häuser einfach nicht. Es flutet die Straßen. In der Stadt ist jetzt eine Art Venedig", erzählt Alja. Sie ist aus Mariupol geflohen, hält aber noch Kontakt zu mehreren Freunden, die immer noch vor Ort sind. "Das Trinkwasser ist in der Stadt besonders kostbar. Als es mal verteilt wurde, bildeten sich riesige Schlangen. Menschen haben ums Wasser sogar gekämpft", berichtet sie.

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Alja hält engen Kontakt zu Menschen in Mariupol. Sie selbst ist aus der Stadt geflohen.

Einige schöpfen es aus natürlichen Quellen, einige sogar aus der Kanalisation. Ohne Strom und Gas ist das Abkochen für viele sehr aufwendig. Die ukrainischen Behörden fürchten deshalb den Ausbruch von Cholera oder Dysenterie. Auch die regionale Stelle der WHO mahnt dieses Risiko an.

"Es ist kompliziert, die Lage einzuschätzen, weil der Zugang zu Informationen erschwert ist. Wir wissen aber, dass die städtische Infrastruktur weitgehend beschädigt ist", sagt der Chefhygienearzt der Ukraine, Ihor Kusin. "Dadurch vermischt sich das Abwasser mit dem Trink- und dem Grundwasser. Auch Brunnen sind verschmutzt." Der anstehende Sommer erhöhe die Gefahr von Infektionskrankheiten.

Ihor Kusin | Gesundheitsministerium der Ukraine

Ihor Kusin, der Chefhygienearzt der Ukraine. Bild: Gesundheitsministerium der Ukraine

Arbeit für die nötigsten Lebensmittel

Mariupol ist für seine heißen Sommer bekannt - und für Starkregen. Dieser brachte bereits ein weiteres Problem in vielen Vierteln der Stadt zum Vorschein. Denn auf zahlreichen Rasenflächen waren während der Blockade Friedhöfe entstanden. "Die Körper wurden in den Höfen nicht wirklich tief vergraben. Sie wurden nur ein bisschen eingescharrt", beschreibt Alja. "Und das Wasser legte dann die Leichen frei, die toten Körper, die bereits verwesten. Und die Bäche, die sich bildeten, trieben Leichengerüche durch die Stadt."

In einigen Stadtbezirken werden nun die zerstörten Häuser geräumt. Sollten sich darin Tote befinden, so würden sie nicht geborgen, sondern mit dem Schutt auf die Mülldeponie gebracht, beklagen die Stadtvertreter bei Telegram.

Auf aktuellen Videos ist zu sehen, wie erdrückend die Realität in der Stadt ist. Das fröhliche Grün der Bäume täuscht nicht über die Not hinweg. Die Menschen kochen in ihren zerbombten Höfen an offenen Feuerstellen. Der Müll fault vielerorts vor sich hin. Die Lebensmittel sind knapp. Bilder zeigen, wie die Bewohner für Nudeln, Graupen und eingemachtes Schmalzfleisch anstehen.

Immer wieder wird gemeldet, dass die Bewohner für ihre Arbeit statt Lohn Lebensmittel bekommen. Auch Aljas Bekannte bestätigen das: "Diese Praxis - fürs Essen zu arbeiten - ist ziemlich verbreitet, weil die Menschen verzweifelt sind", sagt sie. "Und wenn sie etwas Positives aus ihrem Leben berichten, dann sagen sie: Es sei gut, dass nicht geschossen werde."

Medikamente knapp, keine Meinungsfreiheit

Auch Medikamente sind in Mariupol offenbar Mangelware. Der oberste ukrainische Sanitätsarzt Kusin betont die Verantwortung Russlands: "Gemäß der Genfer Konvention ist der Besatzer-Staat verpflichtet, die Einwohner sowohl mit Lebensmitteln als auch mit Medikamenten zu versorgen. Der Besatzer-Staat muss auch die medizinischen Reserven auffüllen, die es vor der Okkupation gab."

Ob das geschieht, lässt sich nicht überprüfen. Sollte Russland humanitären Korridoren nach Mariupol zustimmen, könnte die Ukraine Medikamente und Hilfe in die Stadt bringen, ergänzte Kusin. Doch offiziell ist nicht bekannt, ob darüber überhaupt verhandelt wird.

Bewohner von Mariupol an einer Trinkwasser-Ausgabe. | AFP

Bewohner von Mariupol an einer Trinkwasser-Ausgabe. Bild: AFP

Wie die Bewohner über ihre und die Zukunft ihrer Stadt denken, lässt sich kaum herausfinden. Aus Furcht vor Repressionen könnten sich viele nicht trauen ehrlich zu sprechen. "Die ukrainische Regierung irgendwie zu unterstützen - selbst in der privaten Kommunikation - ist derzeit lebensgefährlich", sagt Alja dazu. "Das ist leider keine Metapher. Die Leute können nicht ihre Stimmung offen zum Ausdruck bringen. Aber ich kenne persönlich Menschen, die gezwungen sind, in Mariupol unter der Besatzung zu leben und die Stadt aus bestimmten Gründen nicht verlassen können. Und die sich wünschen, dass über Mariupol eine ukrainische Fahne weht."

Die Ukraine hält bisher an ihrem Vorhaben fest, die besetzten Territorien zu befreien - auch Mariupol. Nach verschiedenen Schätzungen könnten dort aktuell noch etwa 100.000 Menschen unter der Besatzungsmacht Russlands leben.  

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Juni 2022 um 14:00 Uhr.