Feuer in Mariupol in einem Wohngebiet nach Beschuss inmitten der russischen Invasion in der Ukraine | via REUTERS

Ukrainische Hafenstadt Mariupol Evakuierung erneut gescheitert

Stand: 06.03.2022 16:26 Uhr

Zum zweiten Mal sollte den Menschen in Mariupol ermöglicht werden, die Stadt zu verlassen. Doch wie bereits am Samstag wurde die Feuerpause nicht eingehalten. Die Evakuierung musste abgebrochen werden.

Den zweiten Tag infolge ist der Versuch gescheitert, Menschen aus der seit Tagen umkämpften ukrainischen Stadt Mariupol über einen humanitären Korridor in Sicherheit zu bringen.

Dem Sprecher des ukrainischen Innenministeriums, Anton Geraschtschenko, zufolge, wurde die Evakuierung gestoppt. Russische Truppen würden abermals die dafür vereinbarte Feuerpause nicht einhalten.

Auch der Kreml und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) bestätigten, dass die Evakuierung erneut abgebrochen werden musste.

Kreml: Ukraine hat es nicht zugelassen

Russlands Präsident Wladimir Putin machte dafür bei einem Gespräch mit dem französischen Staatschef Emmanuel Macron die Ukraine verantwortlich, die sich nicht an die vereinbarte Feuerpause halte, wie der Kreml mitteilte. Ukrainische Nationalisten hätten nicht zugelassen, dass die Menschen aus Mariupol und aus Wolnowacha in Sicherheit gebracht werden können, hieß es vom Kreml.

Die Feuerpause sei vielmehr genutzt worden, damit sich die ukrainischen Streitkräfte neu positionieren könnten. Dem französischen Präsidenten sei nahegelegt worden, auf die ukrainische Führung einzuwirken, damit diese sich an das internationale humanitäre Recht halte.

Rotes Kreuz: Verlegung ist gescheitert

Das IKRK bezeichnete den zweiten Versuch der Evakuierung Mariupols ebenfalls als erfolglos. "Der heutige Versuch, die Verlegung von geschätzt 200.000 Menschen zu beginnen, ist gescheitert", hieß es in einem Tweet des IKRK. Auf Twitter schrieb die Organisation: "Die gescheiterten Versuche unterstreichen das Fehlen einer detaillierten und funktionierenden Übereinkunft zwischen den Konfliktparteien." Die Menschen in Mariupol lebten in Schrecken, und suchten verzweifelt nach Sicherheit.

Am Morgen hatte das Koordinierungszentrum in Mariupol mitgeteilt, dass die Gefechte rund um die Stadt zwischen 9 Uhr bis 20 Uhr Mitteleuropäischer Zeit eingestellt werden sollen. So sollte es den Einwohnerinnen und Einwohnern der Stadt ab 11 Uhr ermöglicht werden, Mariupol zu verlassen. Über einen humanitären Korridor sollten sie ins etwa drei Stunden entfernte Saporischschja gelangen.

Einige Menschen können Mariupol laut Separatisten verlassen

Nach dem geplanten Beginn der Evakuierung meldeten prorussische Separatisten, dass etwa 300 Menschen die Stadt verlassen hätten. Von den Behörden in Mariupol wurden diese Angaben nicht bestätigt. Gleichzeitig warfen die Separatisten der ukrainischen Seite erneut "Provokationen" vor.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Schon erster Versuch scheiterte wegen Beschusses

Es ist das zweite Mal, dass eine geplante Evakuierung scheitert. Bereits am Samstag verkündeten beide Konfliktparteien, sich auf eine Feuerpause geeinigt zu haben, um der Bevölkerung die Flucht zu ermöglichen. Der Kompromiss über die Einrichtung humanitärer Korridore war das Ergebnis der bisherigen Verhandlungen zwischen Vertretern Russlands und der Ukraine. Für Montag ist eine dritte Verhandlungsrunde geplant.

Am Samstag sollte die Einigung in Mariupol und der nahegelegenen Kleinstadt Wolnowacha umgesetzt werden. Die Evakuierung wurde aber ebenfalls wegen andauernden Beschusses verschoben. Russland und die Ukraine geben sich gegenseitig die Schuld dafür. Laut Geraschtschenko steckten darum nun Frauen, Kinder und ältere Menschen fest, die zwar aus Wolnowacha herausgelangt, aber noch nicht in Sicherheit seien.

IKRK drängt auf Einhaltung von vereinbarten Feuerpausen

Das IKRK drängte darauf, dass sich beide Seiten an vereinbarte Absprachen halten, um Evakuierungen zu ermöglichen - auch, um die Sicherheit der Hilfskräfte vor Ort zu garantieren. Die Organisation betonte, die eigenen Einsatzkräfte blieben vor Ort, um bei weiteren Versuchen, Menschen aus Mariupol herauszubringen, zu unterstützen.

Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte in einem Telefonat mit Russlands Staatschef Wladimir Putin darauf gedrängt, dass Feuerpausen eingehalten werden müssten, um die Flucht über humanitäre Korridore zu gewährleisten. Zudem rief Erdogan Putin dazu auf, ein Friedensabkommen zu unterzeichnen. Putin beharrt jedoch auf seinen Forderungen, die Ukraine müsse ihre Kampfhandlungen einstellen und entmilitarisiert werden.

Frontverläufe in der Ukraine | ISW/ 05.03.2022

Bild: ISW/ 05.03.2022

"Russland begeht Kriegsverbrechen"

Nach dem gescheiterten Evakuierungsversuch am Samstag hatten die russischen Streitkräfte den Beschuss von Mariupol offenbar sogar noch verstärkt. Der Bürgermeister der Stadt, Wadym Boitschenko, sprach von einem "sehr, sehr schwierigen Belagerungszustand". Er kritisierte, "unablässig" würden Wohnblocks beschossen, "Flugzeuge werfen Bomben auf Wohngebiete ab."

Der stellvertretende Bürgermeister von Mariupol, Serhij Orlow, sprach von Kriegsverbrechen durch die russischen Truppen, da beispielsweise auch Sammelplätze für die Bevölkerung unter Beschuss genommen würden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. März 2022 um 09:50 Uhr.