Ein ukrainischer Kämpfer sitzt auf einem in der Region Charkiw zurückgelassenen russischen Panzer. | AP
Interview

Lage in Charkiw "Sie werden die Ukraine nicht in Ruhe lassen"

Stand: 14.09.2022 18:37 Uhr

"Sie lassen sogar Munition und Waffen zurück": Die ukrainische Reporterin Maria Avdeeva berichtet aus Charkiw. Im Interview betont sie: Auch nach dem russischen Rückzug aus der Stadt bleibe Hilfe aus dem Westen nötig.

ARD: Wie erleben Sie die momentane Lage in der Charkiw?

Maria Avdeeva: Es gibt gerade wieder sehr häufig Luftalarm. Nach der erfolgreichen Gegenoffensive der ukrainischen Streitkräfte und der Befreiung vieler Siedlungen rund um Charkiw terrorisiert das russische Militär die Zivilbevölkerung mit Luftschlägen und zerstört Infrastruktur. Im Moment gibt es zum Beispiel in der Stadt keinen Strom - und das bedeutet, dass es nur eine eingeschränkte Wasserversorgung gibt, weil die Pumpen nicht funktionieren. Im Stadtzentrum ist fast alles geschlossen.

Maria Avdeeva | Maria Avdeeva
Zur Person

Die ukrainische Politikwissenschaftlerin Maria Avdeeva lebt in Charkiw und ist dort auch während des Krieges geblieben. Vor dem Krieg hat sie vor allem zu russischer Propaganda und Desinformation geforscht und publiziert. Inzwischen arbeitet sie für verschiedene internationale Medien, darunter das ZDF.

ARD: Sie arbeiten auch als Reporterin für verschiedene Fernsehsender, darunter das ZDF. Was hören Sie bei Ihren Recherchen auf dem Land?

Avdeeva: Wir waren vor kurzem in den befreiten Gebieten rund um Charkiw in einer kleinen Siedlung, circa 70 Kilometer entfernt von der Stadt. Nachdem die ukrainischen Streitkräfte einige Gebiete befreit haben, müssen dort nun vor allem Minen geräumt werden. Es handelt sich um ein riesiges Gebiet, das komplett vermint ist.

"Nichts Geplantes an diesem Rückzug"

ARD: Das ukrainische Militär hat inzwischen viele Gebiete wieder zurückerobert. Was wissen Sie über die Fortschritte, die das Militär gemacht hat?

Avdeeva: Die ukrainischen Streitkräfte haben es bis zur Grenze nördlich von Charkiw geschafft und vor allem die Kontrolle über zwei große Eisenbahn- und Verkehrsknotenpunkte zurückgewonnen. Das ist sehr wichtig, denn es bedeutet, dass der Nachschub für die russischen Truppen unterbrochen wurde. Und damit ist es für die Russen jetzt viel schwieriger, ihre Streitkräfte im Donbass zu versorgen, Waffen und Personal dorthin zu schaffen.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/13.09.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/13.09.2022

Aber was für die ukrainische Armee wichtig ist - und was ich auch von den Militärs höre -, ist, dass man weiter Waffen aus dem Westen benötigt. Denn dieser Erfolg war nur möglich, weil die Ukraine eine Menge westlicher hochpräziser Waffen erhalten hat. Zum Beispiel die deutsche Panzerhaubitze 2000, ein Artilleriegeschütz, mit dem gezielt Munitionsdepots angegriffen werden können und die Nachschublinien der russischen Truppen unterbrochen wurden.

ARD: In russischen Blogs und anderen Publikationen liest man, dass die Moral der russischen Truppen niedrig sei. Was wissen Sie über die Stimmung unter den russischen Truppen in Bezug auf diese Gegenoffensive der Ukrainer?

Avdeeva: Die russischen Truppen ziehen sich sehr schnell zurück - teilweise rennend, sie haben alles zurückgelassen, was sie nicht mitnehmen konnten. Das habe ich selbst gesehen. Sie lassen sogar Munition und Waffen zurück, manche ziehen sich Zivilkleidung an und fliehen mit Fahrrädern, die sie den Einheimischen gestohlen haben, aus dem ukrainischen Gebiet. Da ist also nichts Geplantes an diesem Rückzug. Natürlich versucht Russland, das jetzt anders darzustellen. Schließlich fliehen die eigenen Soldaten aus dem von ihnen besetzten Gebiet. Die Ukraine hat zahlreiche Soldaten gefangen genommen und auch militärische Ausrüstung beschlagnahmt, die von den Russen zurückgelassen wurde.

"Wir müssen weiterkämpfen"

ARD: Noch ein Blick in die Zukunft: Könnte dieses Vorrücken ein Wendepunkt sein?

Avdeeva: Natürlich ist es ein Moment der Hoffnung und der Freude für alle in der Ukraine, aber es ist nicht das Ende des Krieges und wir erwarten einen sehr schwierigen Winter, auf den wir vorbereitet sein müssen. Denn Russland wird nicht aufhören. Sie werden die Ukraine nicht in Ruhe lassen, bis sie gestoppt werden. Wir müssen also weiterkämpfen. Und wir alle hier, auch ich, hoffen, dass die westliche Hilfe weiterhin kommt, denn nur gemeinsam können wir diesen Krieg gewinnen.

Der ukrainische Generalstab geht davon aus, dass der Krieg auch im nächsten Jahr weitergehen wird. Dieser Erfolg ist also nicht das Ende, aber es ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie die Ukraine mit vereinten Kräften und mit der Unterstützung der westlichen Verbündeten in Form von westlicher Hilfe und militärischer Ausrüstung diese Kämpfe gewinnen kann, und zwar Schritt für Schritt. Ich hoffe, dass das gesamte Gebiet der Ukraine befreit werden kann.

Das Gespräch führte Svea Eckert, NDR