Emmanuel Macron | AFP

Macron zu Völkermord in Ruanda "Frankreich hat zu lange geschwiegen"

Stand: 27.05.2021 13:40 Uhr

27 Jahre sind seit dem Völkermord in Ruanda vergangen, Hunderttausende Menschen wurden damals getötet - und noch immer dauert die Aufarbeitung an. Nun hat Frankreichs Präsident Macron eine politische Verantwortung eingeräumt.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat bei einem Besuch in Ruanda eine Mitverantwortung seines Landes beim Völkermord im Jahr 1994 eingeräumt. "Frankreich hat eine Rolle, eine Geschichte und eine politische Verantwortung in Ruanda", sagte er nach Angaben französischer Medien am Gisozi-Denkmal von Kigali, das an den Genozid erinnert. Sein Land sei "de facto an der Seite eines Völkermord-Regimes geblieben", aber dennoch "kein Komplize" der Verbrechen und der Täter gewesen.

Frankreich habe zu lange geschwiegen. Es habe vermieden, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen und "jenen Anteil am Leiden anzuerkennen, den es den Menschen zugefügt hat", sagte Macron in einer seit langem erwarteten Rede an der Gedenkstätte, in der die Überreste von 250.000 Opfern liegen. Macron führte weiter aus: Frankreich habe in dem Konflikt warnende Stimmen überhört, "oder es überschätzte seine Stärke, indem es glaubte, es könne stoppen, was bereits in Gang war".

"Frankreich ermöglichte das Schlimmste"

Sein Land habe nicht verstanden, "dass es, indem es einen regionalen Konflikt oder einen Bürgerkrieg verhindern wollte, tatsächlich an der Seite eines zum Völkermord bereiten Mannes stand" und "hellsichtige Warnungen" ignoriert habe. So habe Frankreich das Schlimmste ermöglicht, obwohl es versucht habe, genau dies zu vermeiden, so der Präsident. Macrons Rede sollte dazu beitragen, die beiden Länder nach mehr als 25 Jahren diplomatischer Spannungen im Zusammenhang mit der Rolle Frankreichs beim Völkermord zu versöhnen.

1994 hatten radikale Hutus in Ruanda innerhalb von rund 100 Tagen mindestens 800.000 Angehörige der Tutsi-Minderheit sowie moderate Hutus getötet. Viele wurden mit Macheten und Messern hingerichtet. Die Aufarbeitung der Gräueltaten dauert bis heute an. Die Rolle Frankreichs dabei war von Anfang an umstritten. Denn die französische Regierung, vor allem der damalige Präsident Francois Mitterrand, unterhielt engste Beziehungen zu der ruandischen Regierung, in der extremistische Hutu mehr und mehr die Macht übernahmen.

Historiker weisen Frankreich politische Mitverantwortung zu

Ende März hatte eine Historikerkommission Frankreich eine politische Mitverantwortung für den Völkermord in Ruanda zugewiesen. Sie wirft der Mitterrand-Regierung von damals Versagen vor, weil sie den Genozid nicht verhindert hatte. Im April gab Frankreich weitere Akten aus den Jahren 1990 bis 1994 über die Vorgänge von damals frei. Damit sind nun auch bislang als geheim deklarierte Dokumente für die Öffentlichkeit zugänglich. Es handelt sich unter anderem um diplomatische Regierungsschreiben aus der Präsidentschaft von Mitterrand.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Mai 2021 um 20:00 Uhr.