London: Britische Bereitschaftspolizei geht an einem brennenden Gebäude im Stadtteil Croydon vorbei (08.08.2011). | dpa

Zehn Jahre "London Riots" "Das Risiko ist heute größer als 2011"

Stand: 06.08.2021 10:42 Uhr

Nach dem gewaltsamen Tod eines jungen Mannes durch die Polizei herrschte im August 2011 in England Ausnahmezustand. Es gab Tote, Verletzte und einen immensen Sachschaden. Wären solche Unruhen heute wieder möglich?

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

Trevor Reeves schaut auf eine Brachfläche: Bis zum 8. August 2011 stand dort sein Möbelgeschäft "House of Reeves", das stolze Wahrzeichen eines Familienunternehmens mit 150-jähriger Geschichte. Doch bei den Krawallen vor zehn Jahren wurde das Möbelhaus in Croydon, im Süden Londons, komplett zerstört. "Ich habe das Geschäft um halb sechs abgeschlossen und bin nach Hause gefahren, wie immer", erinnert sich Trevor.

Imke Köhler ARD-Studio London

Dann habe ein Nachbar ihn telefonisch darauf aufmerksam gemacht, dass vor dem Laden etwas los sei. "Als ich zurückkam, waren dort Menschenmassen wie nach einem Fußballspiel." Der Laden demoliert, die Schaufenster eingeschlagen. "Da habe ich noch gedacht: 'Okay, wir können kaputte Fenster und zerstörte Möbel ersetzen.' Aber dann kam Qualm aus einem der Fenster. In dem Augenblick wusste ich, das war‘s." Trevor bekommt feuchte Augen. Die Erinnerung schmerzt bis heute. Die Bilder des lichterloh brennenden Möbelhauses gingen um die Welt.

Tod eines 29-Jährigen als Auslöser

Am Anfang der Unruhen stand die Tötung eines 29-jährigen schwarzen Briten. Mark Duggan wurde am 4. August 2011 im Londoner Stadtteil Tottenham von der Polizei erschossen. Er war bei einer Fahrzeugkontrolle gestoppt worden, die zu einer Polizei-Operation gegen Waffenkriminalität gehörte. In einem Bericht hieß es, dass eine geladene Waffe gefunden worden sei, aus der Duggan aber nicht gefeuert hatte - sie war in eine Socke gewickelt. 

Warum es nach dem Tod von Duggan dann zu so massiven Ausschreitungen kam, erklärte Marcus Knox-Hooke, der mit Duggan befreundet gewesen war, später so: "An dem Tag, an dem Mark erschossen wurde, kam keine Polizei zum Haus der Familie, um Marks Tod mitzuteilen. Am Freitag auch nicht, keine Antworten darauf, warum er offenbar erschossen worden war."

Dann seien Familie und Freunde selbst zum Polizeirevier gefahren, wo es hieß, in einer Stunde würde ein Kommissar kommen. Nach sechs Stunden seien sie wieder weggeschickt worden, ohne mit jemandem gesprochen zu haben. "Das war demütigend", sagt Knox-Hooke. "Wir fühlten uns nicht respektiert, wir wurden wie Nobodys behandelt. Ich habe danach ein parkendes Polizeiauto demoliert. Das war der Beginn der Eskalation." 

Im Zeichen des Vandalismus

Die Krawalle breiteten sich in Windeseile erst in London und dann in anderen Städten aus, wobei die sozialen Medien für die Mobilisierung und Organisation offenbar eine entscheidende Rolle gespielt haben. Vom 6. bis zum 11. August stand England im Zeichen von Vandalismus, Brandanschlägen und Plünderungen. Politische Forderungen wurden nicht gestellt. Der damalige Premier David Cameron kehrte aus dem Ausland zurück und berief das Notfallkabinett zu einer Krisensitzung ein. 

Am Ende gab es fünf Tote, viele verletzte Polizisten, mehr als 3000 Festnahmen, beschädigte Autos und Doppeldeckerbusse, zerstörte Geschäfte und Wohnungen, obdachlos gewordene Bürger und einen geschätzten Sachschaden in dreistelliger Millionenhöhe.

Die britische Regierung setzte nach den Unruhen ein Gremium ein, das die Ursachen untersuchen und Präventionsmaßnahmen vorschlagen sollte. Von diesen Maßnahmen wurde bisher aber offenbar wenig umgesetzt.

Jugendhilfen um 70 Prozent gekürzt

"Unglücklicherweise haben sich viele Risikofaktoren seit 2011 noch weiter verschlechtert", sagt Steve Reed, der Labour-Abgeordnete von Croydon-Nord, zur aktuellen Lage. "Die Jugendhilfen wurden um 70 Prozent gekürzt, und es gibt weniger Polizisten als damals."

Am wichtigsten aber sei: Das Gremium habe damals 500.000 Familien ausgemacht, die Schwierigkeiten hatten, ihre Kinder großzuziehen - wegen Gewalt- und Drogenproblemen. "Die Statistik der Regierung besagt, dass heute 1,6 Millionen Kinder unter solchen Bedingungen leben und keine Unterstützung bekommen." Daraus lasse sich schlussfolgern, dass das gesellschaftliche Risiko heute größer sei, als es das 2011 war. "Und das ist ein Alarmsignal, das wir nicht ignorieren können."

Trevor, der sein Möbelhaus verloren hat, bietet derzeit nur ein reduziertes Warenangebot an und stellt Betten und Sofas in jenem Haus aus, das früher als Lager diente. Den finanziellen Schaden habe er ersetzt bekommen, sagt er. Aber durch den Brand habe er fünf Jahre Lebenszeit verloren.

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. August 2021 um 07:43 Uhr.