Ein Warnschild mit der Aufschrift "Zona Caliente" auf La Palma. | Sebastian Kisters
Europamagazin

Ein Jahr nach dem Ausbruch La Palmas Not mit den Vulkangasen

Stand: 17.09.2022 16:21 Uhr

Ein Jahr nach dem Vulkan-Ausbruch auf La Palma registrieren Geologen nur noch kleinere Erdbeben in großer Tiefe. Doch austretende Gase belasten die Insel und verhindern die Rückkehr in einige Dörfer.

Von Sebastian Kisters, ARD-Studio Madrid, zurzeit Santa Cruz

Wenn in diesen Tagen die Sonne über La Palma aufgeht, stehen dampfende Wolken über dem Vulkan an der Westküste der Kanaren-Insel. Ein mystisches Bild, faszinierend und bedrohlich. "Aber keine Sorge", sagt der Vulkanologe Stavros Meletlidis an einer Beobachtungsstation voller Messgeräte, "das ist nur verdunstendes Wasser".

Sebastian Kisters ARD-Studio Madrid

Nichts deute derzeit auf einen neuerlichen Ausbruch hin. Zwar gebe es in großer Tiefe zehn bis 15 kleinere Erdbeben am Tag, aber das sei nach so einem Ausbruch normal.

Lava verschlang 4000 Gebäude

"Das Biest" nennen manche Insulaner den Vulkan. Vor einem Jahr, am 19. September, tat sich auf La Palma die Erde auf und "das Biest" begann Feuer zu spucken. Lava verschlang 4000 Gebäude, 70 Kilometer Straßen und 350 Hektar Bananenplantagen.

Rund 1000 Familien verloren in den Monaten danach bis Dezember ihr Zuhause. Dann kam der Vulkan zur Ruhe, die Insel nicht.

Zunächst begann der Wiederaufbau. Teile der vom Vulkan an die Oberfläche geschleuderten Lava wurden platt gemacht: Eine provisorische Schotter-Piste entstand über dem Strom aus Steinen, um den Norden der Insel wieder mit dem Süden zu verbinden. Mit 20 Kilometern pro Stunde darf sie heute befahren werden. Anhalten ist verboten, die Ränder sind noch 70 Grad heiß.

Puerto Naos: "Unser Tschernobyl"

An einem Ende dieser Piste liegt der Küstenort Puerto Naos, Einheimische sagen auch: "Unser Tschernobyl". Nach dem Vulkanausbruch maßen Experten hier bedrohlich hohe Gas-Werte. Das Gas tritt an wechselnden Orten aus dem Boden aus. Gefährlich werde es laut Experten besonders, wenn es sich in Innenräumen konzentriere.

Puerto Naos ist deshalb bis heute abgesperrt. Insgesamt sind rund 4000 Touristenbetten in der Gegend blockiert. Manche Bewohner, die bislang kein neues Zuhause gefunden haben, leben noch immer in Hotels oder provisorischen Holzhäusern in Nachbargemeinden.

Nun regt sich Widerstand. Was eigentlich das Problem sei, wollen Menschen wissen, die an der Westküste leben. Journalisten seien doch durch Puerto Naos geführt worden und Tiere wie Vögel und Katzen lebten dort auch, ohne tot umzufallen. Am Sonntag und Montag soll es kleinere Demonstrationen geben.

Familien ohne ein Zuhause

Der Inselpräsident Mariano Hernández Zapata äußert Verständnis. Noch immer hätten 200 bis 300 Familien nach dem Vulkanausbruch "keine Lösung für ihre Wohnsituation". Aber das solle sich in den kommenden Wochen ändern. Es seien zuletzt viele Baugenehmigungen von Gemeinden erteilt worden. Und natürlich sei es bitter, dass wegen der Gase ein Drittel der Touristenbetten auf der Insel nicht belegt werden könnten. Ausgerechnet jetzt.

Der Vulkan hat viel Aufmerksamkeit auf die Insel gezogen. Im Sommer kamen mehr Touristen als erwartet. Vor allem Besucher vom spanischen Festland. Sie machten zuletzt 66 Prozent der Gäste aus, auf Platz zwei folgt Deutschland mit 17 Prozent.

Laut einer Umfrage kommen Gäste nicht, um an den Stränden zu liegen: La-Palma-Besucher wollen die Vulkan-Landschaft entdecken. Der Ausbruch verstärkt die Anziehungskraft der Insel. Die Deutschen kommen vor allem in den Wintermonaten.

Blick auf die Trümmer nach Vulkanausbruch auf La Palma. | Sebastian Kisters

Noch immer werden die Lavareste auf La Palma weggeräumt. Für die Bewohner ist das Last und Erleichterung zugleich, für Touristen eine Attraktion. Bild: Sebastian Kisters

Gefahr durch Gase

Rund um Puerto Naos soll nun weiter geprüft werden, wie bedenklich die Gase sind. Die spanische Regierung habe drei Millionen Euro bereitgestellt, um zu untersuchen, ob die Region wieder bewohnt werden könne, sagt der Inselpräsident.

Stavros Meletlidis, Vulkanologe vom Nationalen Geographischen Institut in Spanien, ist skeptisch. Er bedauert, dass einige Insulaner der Wissenschaft nicht trauen. "Wir haben sieben Tage vor dem Vulkanausbruch gewarnt, dass sehr wahrscheinlich so etwas passieren wird", sagt er. Trotz all der Zerstörung sei deshalb niemand verletzt worden. Und nun glaubten manche, alles besser zu wissen. Doch die Gase seien gefährlich, warnt Meletidis.

Vulkanologe Stavros Meletlidis (rechts) an Mess-Station. | Javier Rodríguez-Alarcón

Wie hoch ist die Belastung durch austretende Gase? Vulkanologe Stavros Meletlidis (rechts) kontrolliert die Werte regelmäßig, und sie machen ihm Sorgen. Bild: Javier Rodríguez-Alarcón

Zur gleichen Einschätzung kommt auch der Technische Direktor der Feuerwehr vor Ort: Wenn sich Menschen Tag und Nacht in Häusern in Puerto Naos aufhielten, könne niemand für deren Gesundheit garantieren.

Nach dem Vulkanausbruch gibt es Hoffnung und Verzweiflung auf La Palma. "La Isla Bonita", wird sie von Einheimischen genannt, "die schöne Insel". Vulkanausbrüche haben sie zu dem gemacht, was sie ist. Dass die Folgen nicht ausschließlich schön sind, spüren die Menschen auf La Palma seit nun einem Jahr.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 18. September 2022 um 12:45 Uhr im Europamagazin.