Rettungskräfte arbeiten am Einsatzort eines durch Beschuss beschädigten Gebäudes in Saporischschja. | dpa

Krieg gegen die Ukraine Zahl der Toten in Saporischschja steigt

Stand: 07.10.2022 03:34 Uhr

Laut ukrainischen Angaben steigt die Zahl der Toten bei Raketenangriffen auf Wohnhäuser in Saporischschja auf mindestens sieben. Präsident Selenskyj fordert weiter Druck gegen Moskau - und sorgt mit einer Aussage für Aufruhr.

Nach russischen Raketenangriffen auf Wohnhäuser in der südukrainischen Stadt Saporischschja ist die Zahl der Toten nach ukrainischen Angaben auf mindestens sieben gestiegen. Mehr als 20 Menschen seien aus den mehrstöckigen Gebäuden gerettet worden, teilte der Gouverneur der Gebietsverwaltung von Saporischschja, Olexander Staruch, am Abend mit.

Unter den Geretteten war nach vorangegangenen Angaben ein dreijähriges Mädchen, das in eine Klinik gebracht wurde. In der Nacht zum Freitag suchten Einsatzkräfte in den Trümmern nach möglichen Überlebenden.

Ukraine: Russland setzt Flugabwehrraketen ein

Nach Angaben örtlicher Behörden wurden bei den zwei Attacken am Donnerstag mehr als 40 Wohnhäuser beschädigt. Staruch schrieb bei Telegram, dass die russische Armee Flugabwehrraketen vom Typ S-300 eingesetzt habe. Berichten zufolge soll Russland die eigentlich als Abwehrwaffen konzipierten Systeme in Raketen für Bodenangriffe umgewandelt haben, weil es an anderen, geeigneteren Waffen mangele.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj meldete derweil den Rückzug Tausender russischer Soldaten nach dem Zusammenbruch der Frontlinie zunächst im Nordosten, dann seit Wochenbeginn auch im Süden. In seiner Videoansprache am Abend sagte Selenskyj, ukrainische Streitkräfte hätten mehr als 500 Quadratkilometer und Dutzende Ortschaften im Gebiet um Cherson zurückerobert. Diese Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.

Die Region Saporischschja ist eine von vier ukrainischen Regionen, die der russische Präsident Wladimir Putin am Mittwoch mit seiner Unterschrift völkerrechtswidrig annektierte. Dort befindet sich auch das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja, das größte in Europa, das ebenfalls von Russland besetzt ist. Die Gebietshauptstadt Saporischschja steht dagegen unter ukrainischer Kontrolle.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Selenskyj fordert AKW-Rückgabe an Kiew

Selenskyj forderte den Westen zudem dazu auf, den Druck auf Moskau hochzuhalten - auch um die Rückgabe des annektierten Atomkraftwerks Saporischschja zu erzwingen. "Ich danke allen für ihre Unterstützung, die für die Rückgabe der vollen ukrainischen Kontrolle über das Kraftwerk und dessen vollständige Entmilitarisierung kämpfen", sagte Selenskyj in seiner täglichen Videoansprache.

Die 500 russischen Soldaten in der Nuklearanlage bezeichnete er als Katastrophenrisiko. Kremlchef Wladimir Putin hatte am Mittwoch im Zuge der Annexion das AKW für Russland in Besitz genommen. Selenskyj nannte den Schritt "wertlos und dumm". Ein Kernkraftwerk sei kein Palast, den man stehlen könne, spielte er auf Enthüllungen zu Putins Luxuspalast am Schwarzen Meer an.

Gleichzeitig bedankte sich Selenskyj beim Chef der Internationalen Atombehörde IAEA, Rafael Grossi. Dieser habe ihm versichert, dass die IAEA allein die Ukraine als Besitzer des AKW betrachte.

Auch von der EU forderte Selenskyj diplomatischen Druck, um die Rückgabe des AKW zu erreichen. Ansonsten sei die Ukraine nicht in der Lage, überflüssigen Strom zu produzieren und in die EU zu exportieren, warnte er. Das neue EU-Sanktionspaket lobte er als Schritt in die richtige Richtung. Zugleich drängte er darauf, dass Russland überhaupt keine Gewinne mehr aus dem Öl- und Gasverkauf ziehen dürfe.

Selenskyj sorgt mit Präventivschlag-Aussage für Aufsehen

Nur am Rande hingegen ging Selenskyj auf seinen Videoauftritt vor dem Lowy Institute in Sydney ein, der seinen Worten nach bei den Vertretern aus Politik und Wirtschaft in Australien auf Zustimmung gestoßen war. Äußerungen Selenskyjs bei seinem Vortrag dort hatten allerdings Wellen geschlagen: Er hatte in Richtung NATO gefordert, einen Einsatz von Atomwaffen durch Russland um jeden Preis zu verhindern, notfalls auch mit Präventivschlägen. Später erklärte Selenskyjs Sprecher, er sei falsch verstanden worden. Im Kreml riefen die Aussagen Selenskyjs scharfe Kritik hervor.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 07. Oktober 2022 um 09:00 Uhr.