Labour-Parteichef im Liberty-Stahlwerk in Hartlepool. | picture alliance / empics

Großbritannien Krise im Labour-Land

Stand: 25.09.2021 04:01 Uhr

Nordengland war einst eine Labour-Hochburg. Doch mit dem Niedergang der Industrie liefen der Arbeiterpartei die Wähler weg. Nun steckt Labour in der Krise - in Hartlepool lässt sich ablesen, woran es hakt.

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

Church Street ist die Hauptstraße in der nordenglischen Stadt Hartlepool - gleich am Bahnhof, nicht weit vom Hafen. Breite Gehwege, neu gemacht. Aber mindestens 20 Ladenlokale stehen leer. Die Fenster sind verhangen, Makler werben auf Schildern, dass man hier Geschäftsräume mieten kann.

Christoph Prössl ARD-Studio London

Ein trauriger Ort sei das, sagt Graham, der in einem Geschäft steht, das noch geöffnet hat. Er kennt Hartlepool gut: Hier wurde er vor 40 Jahren geboren, hat die meiste Zeit seines Lebens hier gelebt. Vor 20 Jahren sei das hier noch eine pulsierende Einkaufsstraße gewesen, meint er. Der Ort habe sich verändert, viele seien weggezogen. Und dann passierte das mit der Renovierung der Straße: "Die Stadt hat diese Straße für anderthalb Jahre abgesperrt. Die haben Zäune aufgestellt, keiner konnte hier parken, der Zugang war beschwerlich. Das hat viele Geschäfte dann ruiniert."

Dazu kam noch die Corona-Krise. Für viele Geschäftsleute war das zu viel. Dass die Renovierung so lange gedauert hat? Graham zuckt mit den Schultern. Viele hätten sich beschwert - ohne Erfolg. Die Verärgerung ist groß. Viele fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.

Die "rote Wand" ist weg

Hartlepool ist ein interessanter Wahlkreis. Die Stadt liegt im Nordosten Englands; London und die Regierung sind für die Menschen weit weg. Die Wahlkreise im Norden waren als "red wall" bekannt, als rote Wand: Labour-Land, uneinnehmbar für die Konservativen.

In Hartlepool gab es ein Stahlwerk, Werften, einen Hafen. Die Industrie hat das Stadtbild geprägt. Doch mittlerweile hat die Welt sich verändert, neue Berufsbilder sind entstanden, ganze Branchen zugrunde gegangen. Viele sind aus Hartlepool weggezogen, die Wirtschaftskraft ist eher gering. Im Mai 2021 musste hier ein neuer Abgeordneter für das Unterhaus gewählt werden, weil der Parlamentarier von Labour wegen eines Skandals zurückgetreten war. Die Konservativen holten die Mehrheit. Eine Niederlage für Labour, die viel beachtet wurde.

Sebastian Payne, Journalist der "Financial Times", kommt aus der Gegend und hat über den Niedergang von Labour im Norden das Buch "Broken Heartland" geschrieben. Er führt den Niedergang von Labour auf den Rückgang der Industrialisierung zurück: "Und in all diesen Orten, wo die Menschen für Jahrzehnte Labour gewählt haben, ließ diese Verbindung nach. Es gab hohe Arbeitslosigkeit. Mittlerweile erholen sich diese Regionen, es gibt mehr Jobs im Service-Bereich, es gibt wieder mehr Hausbesitzer."

"Viel zu selbstzufrieden"

Schon beim Brexit-Referendum 2016 deutete sich der Bruch an: Damals stimmten viele beispielsweise in Hartlepool für "Leave". Hilton Dawson kommt auch aus dem Norden, er saß von 1997 bis 2005 für Labour im Unterhaus. Das war eine Hochzeit der Partei. Tony Blair war damals Premierminister und die Partei definierte mit "New Labour" Gerechtigkeit neu als Chancengleichheit.

Heute fällt Hilton Dawson ein hartes Urteil: "Hier geht es um eine Partei, die ihre Zustimmung als Selbstverständlichkeit hingenommen hat. Labour hat nicht geliefert, hat Chancen verschlafen und zeigte sich unfähig, sich selbst zu erneuern. Die Partei war viel zu selbstzufrieden."

Nun muss es Keir Starmer richten, der derzeitige Parteivorsitzende und Oppositionsführer. Ihm werfen viele vor, keine Vision zu haben, kein Narrativ für das, wofür Labour steht. Am nächsten Mittwoch will er seine erste Rede als Vorsitzender vor den Mitgliedern der Partei halten - persönlich zum Abschluss des Parteitags in Brighton. Gerade erst hat er in einem mehr als 30 Seiten langen Essay dargelegt, wie er Labour positionieren will. Es geht um viel Bekanntes: Aufstiegschancen, faire Arbeit.

Der neue Chef der britischen Labour-Partei, Keir Starmer | dpa

Der neue Chef der britischen Labour-Partei, Keir Starmer Bild: dpa

Außerdem will Starmer durch ein neues Abstimmungssystem die Machtverteilung in der Partei verändern: Die chronisch zerstrittene Partei soll konservativer ausgerichtet werden, Abgeordnete sollen mehr Gewicht erhalten im Verhältnis zur einfachen Parteibasis, die traditionell linker tickt. Dafür dürfte er viel Gegenwind erfahren.

"So viel zu tun an der Basis"

Bei allem Reformbedarf geht es für Hilton Dawson auch um etwas ganz Wesentliches: gute Politik vor Ort machen. Wales, Schottland und Nordirland dürfen bereits viele Fragen der Gesundheitspolitik, Bildung und Wirtschaft regional entscheiden, es gibt eigene regionale Parlamente. Über die Belange in Nordengland wird in Westminster entschieden, im fernen London.

Dawson hat eine Partei gegründet, die sich für mehr Autonomie für Nordengland einsetzt. "Es gibt so viel zu tun an der Basis: aufrichtige Leute, die an Türen klopfen, die für die Gemeinde arbeiten und das Vertrauen herstellen, das Politiker benötigen", sagt er.

Das dürften auch viele in Hartlepool so sehen - auch die Geschäftsleute, die erleben mussten, wie lange ihre Einkaufsstraße abgesperrt war. Es geht um Vertrauen in die Politik als Ganzes. Denn die Wahlbeteiligung lag bei der Nachwahl 2021 bei gerade mal 42 Prozent - ein Wert, der auch die Konservativen beunruhigen müsste.