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Europamagazin

Kritik am Kunsthaus Zürich Die Sammlung des "Kanonenkönigs"

Stand: 23.10.2021 15:35 Uhr

Der Waffenfabrikant Bührle belieferte die Wehrmacht und profitierte von Zwangsarbeit. Das Kunsthaus Zürich zeigt seine Sammlung - ohne Kontext für Besucher. Beteiligte Historiker kritisieren das.

Von Vera Rudolph, ARD-Studio Genf

Im Neubau des britischen Star-Architekten David Chipperfield zeigt das Kunsthaus Zürich die Sammlung von Emil Georg Bührle. Doch aufgrund der problematischen Geschichte des Sammlers steht das Kunsthaus in der Kritik: Bührle ist ein gebürtiger Deutscher, der als Waffenproduzent in der Schweiz schwer reich wurde - vor allem Nazi-Deutschland belieferte er mit Kriegswaffen. Mit dem Gewinn baute er sich die Kunstsammlung auf.

Das Kunsthaus Zürich präsentiert rund 170 Werke, es sind überwiegend Klassiker der Moderne und des französischen Impressionismus. Das Problem: Viele davon hat Bührle während des Krieges erworben, 13 Werke wurden als Raubkunst identifiziert. Bührle musste sie zurückgeben und kaufte neun davon später wieder. Ein Hauptvorwurf, der bis heute bleibt: In der Sammlung sei auch sogenanntes Fluchtgut - Werke, die ihre jüdischen Besitzer in ihrer Notlage verkauften.

Historiker kritisiert Provenienzbericht

Doch um welche Werke es genau geht, erfahren Besucherinnen und Besucher des Kunsthauses nicht. Ein Dokumentationszentrum soll die Geschichte Bührles zwar aufarbeiten - aber in einem eigenen Raum, getrennt von der Kunst. Im Mittelpunkt steht die Geschichte des Sammlers und Waffenproduzenten selbst.

Diesen Umgang kritisiert der Historiker Erich Keller: Die Geschichte und Schicksale der jüdischen Familien hinter den Kunstwerken blieben unsichtbar. Mit anderen Historikern sollte er die Geschichte Bührles aufarbeiten und die Herkunft der Werke erforschen. Die Stadt und der Kanton Zürich hatten hierfür eine Historiker-Kommission eingesetzt.

Allerdings habe auch die Bührle-Stiftung selbst am Bericht mitgearbeitet - von Anfang an habe es daher Einschränkungen gegeben, berichtet Keller: "Diese Provenienzforschung, die von der Bührle-Stiftung selbst durchgeführt worden ist, die müsste man neu angehen: unabhängig, transparent in einem auch internationalen Projekt."

Ein Blumenstrauß steht im Kunsthaus Zürich vor ausgestellten Bildern der Ausstellung Merzbacher. | ARD-Studio Genf

Die Ausstellung des Kunstsammlers Werner Merzbacher wird eine Etage tiefer gezeigt. Bild: ARD-Studio Genf

Ein weiterer Kritikpunkt, der das Kunsthaus Zürich einholt: Bührle gehörte in Dietfurt im Kanton St. Gallen ein Mädchenheim mit angeschlossener Spinnerei. Junge Frauen sollen dort gegen ihren Willen und ohne festen Lohn gearbeitet haben. Ihre Zwangsarbeit bedeutete für Bührle noch mehr Gewinn. Bis heute haben sie keine Entschuldigung erhalten. Auch ihr Schicksal bleibt im Kunsthaus Zürich unerwähnt.

Eine Etage tiefer: Die Sammlung Merzbacher

Nur eine Etage tiefer zeigt das Kunsthaus eine Sammlung, deren Geschichte nicht gegensätzlicher sein könnte: Es ist die Ausstellung von Werner Merzbacher. Sein Vater war Jude. Mit zehn schickten seine Eltern ihn in die Schweiz - seine Rettung, denn seine Eltern wurden von den Nazis im Konzentrationslager Majdanek ermordet.

Merzbacher wurde erfolgreicher Pelzhändler und sammelt Gemälde, vor allem berühmter Impressionisten und Fauvisten. Dass seine Sammlung unter dem selben Dach wie die des Waffenproduzenten Bührle gezeigt wird, dem sein Geschäft den Titel "Kanonenkönig" einbrachte, ist für Merzbacher kein Widerspruch - aber eine Angelegenheit, die aufgearbeitet werden muss: "Ich finde es richtig, dass sie alles abklären", sagt er. "Ich habe gedacht, das sei schon passiert. Aber ich bin den Weg gegangen, den ich richtig finde. Und der hat nicht mit Bührle zu tun, sondern mit der Tatsache, dass es mich gibt."

An die Schicksale hinter der Sammlung Bührle erinnert im Kunsthaus Zürich bislang nur wenig. Es ist schönste Kunst, die eine Debatte nach politischer Verantwortung und dem kollektivem Gedächtnis neu entfacht hat.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag, 24.10.2021 um 12.45 Uhr in der Sendung "Europamagazin" im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste im "Europamagazin" am 24. Oktober 2021 um 12:45 Uhr.