Das ausgebrannte Einkaufszentrum in Krementschuk. | picture alliance / AA
Interview

Angriff auf Einkaufszentrum "Der Einschlag war in der ganzen Stadt zu hören"

Stand: 30.06.2022 11:37 Uhr

Mehrere Tage nach dem Raketenangriff auf ein ukrainisches Einkaufszentrum seien Einsatzkräfte weiter auf der Suche nach Opfern, berichtet eine Journalistin aus Krementschuk. Die Stadt stehe unter Schock.

tagesschau.de: Am Montag schlug in einem zentralen Einkaufszentrum in Krementschuk eine russische Rakete ein. Mindestens 18 Menschen starben, das Gebäude brannte aus. Wie ist momentan die Situation in Krementschuk - stehen Sie noch immer unter Beschuss?

Olha Mintschuk: Wie soll ich sagen - vorgestern hat uns gereicht. Das war schon der vierte Luftschlag gegen uns - und der schlimmste, denn dabei sind Menschen gestorben. Aber wenn Sie die Luftalarme meinen, die vor weiteren Angriffen warnen sollen: Die gehen weiter, jeden Tag - ein bis sieben Mal täglich. Und die Leute sind es schon leid, sich jedes Mal zu verstecken, deshalb suchen nicht mehr alle die Schutzbunker auf... Das geht ja schon fünf Monate so. Und dreimal pro Nacht aufstehen und in den Bunker gehen, das schafft man auf Dauer nicht.

Zur Person

Olha Mintschuk ist Journalistin bei der Krementschuker Zeitung "Telegraf".

tagesschau.de: Die Leute versuchen also, normal weiter zu leben, auch wenn nichts normal ist?

Mintschuk: Ja, so ist es. Wir tun so, als wäre nichts. Denn leider haben wir uns schon daran gewöhnt. Viele Einkaufszentren und Läden wurden geschlossen oder müssen schließen, wenn der Alarm kommt. Viele sagen schon ganz beiläufig: "Ach, mal wieder Luftalarm?" - "Ja, schon wieder... Na schön."

Vorgestern hat sich ein Teil der Leute in das Einkaufszentrum begeben, weil es wieder betrieben werden durfte. Einige konnten sich bei dem Angriff noch retten, andere haben es nicht geschafft - oder das Risiko sozusagen einfach ignoriert.

Das getroffene Einkaufszentrum ist ein modernes Gebäude - aus Metall und Plastik, leichte Bausubstanz. Es befindet sich sehr nahe am Bahnhof und Busbahnhof. Aus diesen Gründen war es während der Luftalarme lange Zeit geschlossen. In den vergangenen Tagen stellten die Behörden es den Ladengeschäften im Zentrum frei, ob sie öffnen wollen. Ein Teil der Betreiber untersagte es den Mitarbeitern zu kommen. Andere nahmen die Arbeit wieder auf.

"Zufahrt seit Tagen gesperrt"

tagesschau.de: Im ersten Moment nach dem Raketeneinschlag hieß es, dass sich in dem Einkaufszentrum bis zu 1000 Menschen befunden hätten. Können Sie das bestätigen?

Mintschuk: Ich war im Moment des Angriffs nicht dort, sondern habe ihn nur gehört. Die Information kam von unserem Präsidenten - er schätzte, dass sich dort bis zu 1000 Menschen befunden haben könnten, denn so viele passen zur Stoßzeit in ein Einkaufszentrum in der Stadtmitte. Aber so viele waren es nicht - vielleicht einige Hundert, aber das ist meine Vermutung, ich bin keine Augenzeugin. Augenzeugen sagen, dass das Zentrum eher schwach besucht war - weil nun einmal ein großer Teil der Geschäfte noch geschlossen war.

tagesschau.de: Bei dem Raketeneinschlag fing das Zentrum Feuer und brannte aus. Wie sieht es jetzt am Ort des Raketeneinschlags aus?

Mintschuk: Der Einschlag war in der ganzen Stadt zu hören, auch der Rauch drang überall hin. Durch die heftige Druckwelle sind auch die Gebäude und Autos in der Umgebung beschädigt worden, Fensterscheiben zersprangen. Aber von diesen Schäden hat noch niemand eine detaillierte Bestandsaufnahme gemacht, denn in den Trümmern wird noch immer nach getöteten Menschen gesucht.

Ein Teil der Zufahrtsstraße zum Einkaufszentrum ist seit zwei Tagen gesperrt. Das wirkt sich nicht so stark auf den Verkehr aus, denn durch vorhergegangene Luftschläge Russlands ist die Ölraffinerie von Krementschuk zerstört worden, die etwa zwei Drittel des Diesel-Treibstoffbedarfs der Ukraine deckte. Treibstoff ist knapp und teuer, deshalb sind kaum Autos unterwegs. Die öffentlichen Verkehrsmittel fahren noch, aber mit Umleitungen.

"Suchaktion läuft noch"

tagesschau.de: Sie sagen, für viele Menschen seien die Luftalarme schon zum Alltag geworden. Aber sind sie nach so einem heftigen Schlag in der Stadtmitte nicht schockiert?

Mintschuk: Sie sind natürlich schockiert. Wir sind ja eine kleine Stadt von 220.000 Einwohnern, man kennt einander. ich habe auch eine Bekannte, deren Bruder jetzt vermisst wird, und andere Bekannte, die sich kurz vor dem Luftschlag in der Nähe aufhielten. Auf die eine oder andere Weise trifft das jeden einzelnen Bewohner Krementschuks. Es ist schrecklich. Und in der Stadt wurde eine dreitägige Trauer ausgerufen.

tagesschau.de: Wird es danach eine Trauerfeier geben?

Mintschuk: Noch läuft die Rettungs- und Suchaktion in den Trümmern. Dann steht die Identifizierung der Geborgenen an. Von ihrer Beisetzung ist noch keine Rede. Ich war an der Stätte dieser Tragödie oder dieses Terroranschlags - ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Es ist grauenvoll. Die Einwohner Krementschuks bringen massenhaft Blumen zum Einkaufszentrum. Der Platz ist voller Blumen, Spielzeuge und Kerzen zum Gedenken an die Toten. Sie versuchen, den Verwandten der Menschen zu helfen, die vermisst sind oder jetzt im Krankenhaus liegen. Natürlich gibt es auch einige, die noch auf ein Wunder hoffen. Deshalb wird die Suchaktion in den Trümmern laut den Behörden noch einige Tage weitergehen.

"Alle wollen, dass Russland für seine Verbrechen verurteilt wird"

tagesschau.de: Finden an der Stelle des Raketeneinschlags schon Beweisaufnahmen statt, die den Angriff untersuchen?

Mintschuk: Ob da jetzt internationale Experten aktiv sind, weiß ich nicht. Ich habe Kollegen von der BBC gesehen und Vertreter einiger Organisationen - aber ich kann nicht sagen, von welchen. Aus Kiew sind der Innenminister und die zuständigen Behörden und Kriminalisten angereist, um die Aussagen der Leute festzuhalten. Und ein UN-Sondergesandter soll nach Krementschuk entsandt werden. Aber was gibt es an dieser Situation schon zu beweisen, alles ist offensichtlich. Und die russischen Medien verdrehen sowieso alles und machen "Weiß" aus "Schwarz".

tagesschau.de: Was wünschen Sie sich jetzt für die nahe Zukunft?

Mintschuk: Jede Woche werden in unserer Stadt Kämpfer beigesetzt, die uns und die Souveränität unseres Landes verteidigen! Dafür wollen alle Vergeltung. Wir sind sehr stark geworden und haben vor nichts mehr Angst. Wenn wir uns auch im Februar noch gefürchtet haben, dann haben wir jetzt keine Angst mehr. Und alle wollen, dass das ein Ende hat und Russland für seine Verbrechen verurteilt wird.

Das Gespräch führte Jasper Steinlein, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. Juni 2022 um 16:00 Uhr.