Valbona Sejdiu | Andrea Beer / ARD-Studio Wien

Roma im Kosovo Eine Rückkehr ins Nichts

Stand: 08.04.2021 10:51 Uhr

Der Kosovo gilt in Deutschland als sicheres Herkunftsland. Doch zurück in der alten Heimat ist es für viele Roma schwierig, über die Runden zu kommen. So wie für Familie Sejdiu.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Wien

"Wenn wir uns auf den Staat verlassen hätten, dann wäre das eine Katastrophe, das habe ich gemerkt." Der 16-jährige Rexhep Sejdiu mit den kurzen braunen Haaren steht mit seinem Vater vor ihrem Haus. Das Gespräch mit einem Bekannten dreht sich mal wieder um Arbeit.

Andrea Beer ARD-Studio Moskau

Schuften für 20 Euro am Tag

Schon vor der Pandemie lebte die Familie von der Hand in den Mund - "doch Corona bricht Tagelöhnern wie uns endgültig das Kreuz", erzählt Familienvater Nexhmedin Sejdiu bedrückt. "Jeden Tag gehe ich mit den Jungen raus und warte auf der Straße, bis ich zu körperlicher Arbeit gerufen werde. Wir arbeiten sieben bis acht Stunden, damit wir 20 Euro verdienen." Das passiere ein bis zwei Mal in der Woche. "Wir wissen nicht, was wir mit dem Geld abdecken sollen. Wir sind viele in der Familie, die Kinder gehen in die Schule, meine Mutter ist gelähmt. Es gibt einfach zu viele Kosten", berichtet der Vater weiter.

Familie Sejdiu | Andrea Beer / ARD-Studio Wien

"Wir leben nicht, wir überleben", sagt Familie Sejdiu. Bild: Andrea Beer / ARD-Studio Wien

Mit den Kosten wachsen die Schulden und damit die Sorgen - und das belastet auch seine Frau. Zurück im Haus kocht Valbona Sejdiu mit zwei großen silbernen Kannen Tee. "Das ist nicht selbstverständlich, denn Geld für Tee, Milch, Brot, Butter, Nudeln, Reis, Gemüse, Obst oder Fleisch, dazu 150 Euro für die Miete oder gar Ärzte, das haben wir einfach nicht", meint Valbona Sejdiu ernst. "Wir leben nicht, wir überleben. Die Kinder arbeiten auf der Straße, sie sammeln, was immer sie finden können."

Kaum soziale Absicherung

Die Sejdius wohnen in Podujevo, rund 30 Kilometer nördlich von Pristina. Sie haben drei Söhne und vier Töchter zwischen sechs und 19 Jahren. Bis vor einem Jahr bekam die Familie wenigstens rund 110 Euro staatliche Sozialhilfe. Die wurde gestrichen, weil die jüngste Tochter älter als fünf Jahre ist und Sohn Rexhep ein paar Tage Arbeit hatte.

Das sei nicht leicht, auch weil sie Roma seien, berichtet Rexhep Sejdiu: "Es gibt gute Leute, aber es gibt auch Leute, die hier vorbeilaufen und die so reagieren, als wären wir keine Menschen."

Kosovo gilt als "sicheres Herkunftsland"

Vor seinem Vater auf dem Tisch liegen die Dokumente der Familie, darunter gelbe deutsche Impfpässe. Denn vor rund sechs Jahren lebten alle noch in Neustadt-Böbig in Rheinland-Pfalz. Doch der Kosovo wurde zum sogenannten sicheren Herkunftsland erklärt, in dem Roma eine Perspektive hätten. Den Sejdijs drohte die Abschiebung und Ende 2015 reisten sie freiwillig aus.

Eine Rückkehr ins Nichts, erinnert sich der 43-jährige Nexhmedin Sejdiu: "Wir hatten keine andere Wahl, außer aus Deutschland zurückzukehren. Als wir zurückkamen war es Winter, wir endeten auf der Straße, wussten nicht wohin. Gott weiß, wieviel wir gelitten haben. Uns hat am Ende ein Cousin zu Hause aufgenommen."

Sohn Rexhep spricht noch immer gut Deutsch und hätte das Zeug für weit mehr Bildung. Doch er verließ die Schule, um Arbeit zu finden. Bisher umsonst. An Demütigungen hingegen herrscht kein Mangel - bei einem Job im Callcenter oder bei Behördengängen.

Rexhep Sejdiu mit seinen Eltern | Andrea Beer / ARD-Studio Wien

Rexhep Sejdiu mit seinen Eltern: Er wünscht sich eine sichere Arbeit. Bild: Andrea Beer / ARD-Studio Wien

Niedriger Lebensstandard im Kosovo

Laut kosovarischer Verfassung müssen zehn Prozent relevanter Posten mit Roma besetzt sein. Doch das sei nicht der Fall, kritisiert Sejnur Veshall. Er ist Vize-Kulturminister der neuen Regierung, erst 24 Jahre alt und selbst ein Roma. Er sagt: "In Europa lebt die Roma-Gemeinschaft oft besser, hat einen besseren Lebensstandard, so dass sie keine Diskriminierung bemerken oder sich nicht so viel darum kümmern. Im Kosovo ist die Armut größer und die Diskriminierung noch ausgeprägter." Dies sei ein doppeltes Problem, die arme Bevölkerung werde diskriminiert und mache keine Fortschritte.

Das ist dem 16-jährigen Rexhep Sejdiu längst schmerzlich bewusst: "Was ich mir wünsche, ist eine sichere Arbeit zu haben - und damit kann ich etwas machen: essen, trinken, Strom bezahlen, Miete, dies und das. Dann hat man nicht so viele Sorgen, dann ist man ein bisschen beruhigter."

Rexhep ist arm und kann es sich nicht leisten zu warten. Auf Staat, Politik oder Ratschläge der zahlreichen NGOs im Kosovo. Über Facebook hat er tatsächlich eine Ausbildung im Hotelbereich ergattert. Wieder muss er Geld auftreiben für einen Sprachkurs oder Fahrten mit dem Bus. Ob alles klappt, ist noch nicht sicher, doch dem 16-Jährigen ist längst klar: Auf seinen Staat zählen kann er nicht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. April 2021 um 05:47 Uhr.