Die Staats- und Regierungschefs der G20-Staaten stehen vor dem Trevi-Brunnen in Rom. | dpa
Kommentar

G20-Gipfel in Rom Schwammig, aber unverzichtbar

Stand: 31.10.2021 18:13 Uhr

An den G20-Beschlüssen gibt es viel zu kritisieren: Wieder einmal sind sie unkonkret und zaghaft. Dennoch gibt es Fortschritte. Die Alternative zu G20-Treffen wäre eine Politik der Sprachlosigkeit.

Ein Kommentar von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Der G20-Gipfel hat die Erwartungen nicht erfüllt. Die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer enttäuschen die Hoffnungen. Die G20-Staaten haben Chancen verpasst. So oder so ähnlich lauten die Urteile zu den Ergebnissen der G20-Treffen seit Jahren. Und auch zu den Resultaten in Rom könnte Ähnliches formuliert werden. Aber das ist zu einfach.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Konflikten und Rivalitäten zum Trotz

Auch wenn es an den Ergebnissen von Rom einiges zu kritisieren gibt: keine feste Jahreszahl, bis wann die Welt die steigende Verschmutzung mit Kohlendioxidabgasen stoppen will; keinen Fahrplan für das versprochene weltweit höhere Tempo bei den Corona-Impfungen. Und auch die Hilfen für die armen Länder beim ökologischen Umbau sind weiterhin nur Versprechen. Überall hier müsste mehr kommen, keine Frage.

Aber hat die G20-Runde damit erneut bewiesen, dass sie überflüssig ist? Nein. Die Alternative wäre eine Politik der Sprachlosigkeit und der Konfrontation. Seit den Trump-Jahren gibt es eine Vorstellung davon, was das bedeutet. G20 ist das Gegenteil, ist miteinander reden, trotz aller sonstigen Konflikte und Rivalitäten, aller politischen und wirtschaftlichen Unterschiede.

Mit Geduld zu Fortschritten

Natürlich sind Diskussionen in einer solchen Runde mühsam und kompliziert - und bringen am Ende Kompromisse, die oft höchst schwammig sind. Aber einige Vereinbarungen in Rom zeigen auch, was G20 kann. Nämlich trotz aller Schwierigkeiten am Ende Fortschritte und Richtungsänderungen erreichen.

Beispiel Mindeststeuer: Vor Jahren noch undenkbar, wird sie jetzt Realität. Nicht zuletzt dank geduldiger Diskussionen im G20-Kreis.

Beispiel Corona-Impfungen für 70 Prozent der Weltbevölkerung: Ein ehrgeiziges Ziel, das erst einmal nur auf dem Papier steht. Aber eine neue Taskforce soll Hilfswege verbessern, und parallel zum G20-Gipfel wurden erste Impfstoff-Produktionsstätten in Afrika vereinbart.

Beim Klima wurde es schwierig

Und in der Klimapolitik? Dies war in Rom - wie erwartet - das schwierigste Kapitel. Mit den Formulierungen im Abschlusskommuniqué aber ist das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, ein Stück konkreter geworden. Teile der Kohlesubventionen sollen auslaufen und Umwelthilfen für ärmere Länder endlich kommen.

Dies alles ist lange nicht ausreichend, um den Klimawandel wirkungsvoll zu bremsen. Aber beim Thema Klimapolitik war der Gipfel auch nur die erste Halbzeit. Die zweite, die entscheidende, wird in den nächsten Tagen beim Klimagipfel in Glasgow verhandelt.

Die Ergebnisse in Rom in anderen Bereichen zeigen, dass manchmal doch überraschende Erfolge erzielt werden können - nach jahrelangen zähen Diskussionen. Die Hausaufgaben muss nun jedes Land daheim machen. Aber G20-Beschlüsse sind nie das Ende, sondern stets der Anfang eines Weges.

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 31. Oktober 2021 um 18:34 Uhr.