EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen spricht bei einer Pressekonferenz über das geschlossene Abkommen mit Großbritannien. | dpa
Kommentar

Langsames Impfen Wäre Deutschland allein schneller?

Stand: 01.02.2021 05:30 Uhr

Die Kritik an der EU-Kommission wegen des langsamen Impfstarts ist überzogen. Die Hersteller kommen mit der Produktion nicht nach, viele Bundesländer scheitern schon an der Terminvergabe.

Ein Kommentar von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Die EU hätte viel mehr Impfstoff bestellen müssen. Und sie hätte viel mehr Geld auf den Tisch der Pharmakonzerne legen sollen. Solche markigen Töne aus Berlin und München in Richtung Brüssel sind erstaunlich. Denn was würde es bringen, wenn noch mehr Millionen Dosen bestellt worden wären, wo die Pharma-Unternehmen schon jetzt mit der Produktion gar nicht nachkommen?

Helga Schmidt ARD-Studio Brüssel

Deutschland hätte das im Alleingang besser gemacht - das sagen die Politiker, die glauben, mit einem Impfstoff-Nationalismus punkten zu können. Der Wahlkampf rückt näher. Aber: was wäre besser, wenn 27 Mitgliedsländer 27 Einzelverhandlungen über Impfstoffpreise und LIefermengen mit den Pharma-Unternehmen führen würden? Die könnten ein Mitgliedsland gegen das andere ausspielen. Genau das konnten wir ja jetzt eine Woche lang verfolgen, als das britisch-schwedische Pharmaunternehmen AstraZeneca den Vertrag mit der EU für zweitrangig erklärte, nur, weil man den Vertrag mit den Briten etwas früher abgeschlossen hatte. Solche Scharmützel muss man nur mit 27 multiplizieren, um eine ungefähre Vorstellung davon zu bekommen, was nationale Impfverträge ohne EU-Federführung bedeuten würden.

Vieles richtig gemacht

Dabei hat die Brüsseler Kommission durchaus Fehler gemacht. Zuletzt am Wochenende, als man beim Verhängen von Exportkontrollen für Impfstoffe ausgerechnet die Sondersituation auf der irischen Insel vergaß. Was Boris Johnson prompt als Steilvorlage nutzen konnte. Ausgerechnet Boris Johnson, dem in elend langen Brexit-Verhandlungen nichts so unwichtig gewesen war, wie der freie Warenverkehr über die irische Grenze.

Von der peinlichen Panne abgesehen, hat die EU seit dem Sommer aber vieles richtig gemacht. Sie hat auf sechs verschiedene Impfstoff- Hersteller gesetzt und damit das Risiko gestreut. Das war vernünftig zu einem Zeitpunkt, als niemand wusste, wer am Ende die Nase vorn haben würde. Auch nicht die deutschen Spitzenpolitiker, die Brüssel jetzt Versagen vorwerfen.

Im Gegenteil: Ausgerechnet einer der Favoriten der Bundesregierung, das Tübinger Unternehmen Curevac, ist trotz massiver deutscher Unterstützung noch weit von der Marktzulassung entfernt. Gut, dass die EU-Kommission beim Abschluss der Verträge nicht nur die Wünsche der Bundesregierung erfüllt hat.

Ablenken vom eigenen Versagen

Drei Impfstoffe sind einsetzbar, das ist ein Erfolg in Rekordzeit! Nur ein Jahr nach der Identifizierung des Coronavirus. Möglich geworden auch durch europäische Forschungsförderung. Die Lieferengpässe sind ärgerlich - aber alles Lamentieren ändert nichts an der schlichten Wahrheit, dass es im Moment noch nicht genügend Impfstoff gibt.

Richtig ist, dass Großbritannien und die USA einen Vorsprung haben. In beiden Länder wurden die Impfstoffe schnell mit Notverordnungen zugelassen - Boris Johnson und Donald Trump hatten offensichtlich kein Problem damit, die Pharmaunternehmen aus der Haftungspflicht zu entlassen. Genau das wollte die EU-Kommission nicht. Das war richtig und könnte sich noch mal als weitsichtig erweisen.

Dass deutsche Spitzenpolitiker das alles nicht mehr wissen wollen, hat vor allem einen Grund: ablenken vom eigenen Versagen. Ein Land, in dem schon die Terminvereinbarung für das Impfen eine kollektive Überforderung darstellt und Großeltern wie Enkel in den Wahnsinn treibt, könnte sich mal umschauen, wie es woanders viel besser klappt. Statt immer nur mit dem Finger auf Brüssel zu zeigen.

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 01. Februar 2021 um 09:36 Uhr.