Mitarbeitende des Zolls in Antwerpen-Linkeroever zeigen, wie sie Frachtgut auf geschmuggelte Drogen untersuchen. | picture alliance/dpa/BELGA

Kokainhandel in Europa Antwerpen schlägt Alarm

Stand: 23.06.2021 04:07 Uhr

In kürzester Zeit hat sich Antwerpens Hafen zu einem globalen Kokain-Hotspot entwickelt. Mit den Folgen fühlt sich Bürgermeister De Wever allein gelassen - und warnt andere europäische Hafenstädte.

Von Benedikt Strunz, NDR

Antwerpens Hafen, immerhin der zweitgrößte Europas, gilt als Seele der Stadt. Bereits seit dem Mittelalter sorgt die Schelde, die Antwerpen mit der Nordsee verbindet, für einen regen Handel und damit für einen unübersehbaren Wohlstand der Stadt. Doch inzwischen hat sich der Hafen innerhalb kürzester Zeit zum Problemfaktor entwickelt: Niederländische Kokainbanden haben das belgische Antwerpen als äußerst praktischen Brückenkopf im Kokainhandel zwischen Lateinamerika und Europa entdeckt.

Benedikt Strunz

Kein Wunder, gilt der Hafen doch aufgrund seiner Unübersichtlichkeit als kaum kontrollierbar. Im Jahr 2013 stellten belgische Zöllner hier 4,7 Tonnen Kokain sicher. 2020 waren es bereits mehr als 65 Tonnen, so viel wie nirgendwo sonst in Europa. Und belgische Ermittler sind sich sicher, dass sie lediglich einen Bruchteil der Drogen auch finden.

Anschläge verfeindeter Drogenbanden

Die Gewinne, die kriminelle Banden mit dem den Schmuggel einnehmen, betragen jährlich viele Milliarden Euro - Geld, das für Antwerpen zur Gefahr wird. In den vergangenen beiden Jahren kam es immer wieder zu Anschlägen zwischen verfeindeten Drogenbanden: Mal wurde ein Café mit Schnellfeuerwaffen beschossen, ein anderes Mal zündeten Gangster eine Handgranate unter dem Auto eines mutmaßlichen Rivalen.

Für die Bürger Antwerpens war die Gewaltwelle ein Schock, gilt die Stadt doch eigentlich als besonders sicher. Doch der Kokainhandel verändere das Klima, sagt Bürgermeister Bart De Wever dem NDR. Egal, ob es um steigende Immobilienpreise, Geldwäsche oder darum gehe, wie Schmuggelbanden junge Menschen für kriminelle Geschäfte anwerben: Der entfesselte Kokainhandel betreffe mittlerweile die ganze Gesellschaft.

Bart De Wever bei einer Pressekonferenz zur "Tour des Flandres". | AFP

Bart De Wever, Bürgermeister der Stadt Antwerpen, warnt europäische Amtskollegen vor der Kokainschwemme. Hier bei einer Pressekonferenz zur "Tour des Flandres". Bild: AFP

Immer mehr Beamte sind korrumpiert

Ein Hauptproblem bestehe darin, dass sich die Organisierte Kriminalität immer weiter in die Gesellschaft fresse und diese korrumpiere. "In den vergangenen Jahren wurden Beamte in unserer Polizei verhaftet, in der Justiz, in der Verwaltung, weil sie alle von Kriminellen bezahlt wurden", sagt De Wever. Auch Geschäftsleute, die er selbst im Rathaus empfangen habe, seien später von der Polizei als Kriminelle enttarnt worden: "Ich hätte das wirklich nie im Leben gedacht. Du kannst wirklich niemanden mehr trauen, es ist einfach viel zu viel Geld im Spiel."

De Wever gehört der rechten Neuen Flämischen Allianz an. Eigentlich gehört die Bekämpfung der wachsenden Drogenkriminalität zu seinen politischen Kernzielen. Vor einigen Jahren setzte der 50-Jährige deshalb ein eigenes Programm auf. Doch heute muss er eingestehen, dass er die Lage nicht mehr im Griff hat.

Außerdem hat De Wever sich damit selbst in Gefahr begeben: Von der Polizei abgehörte Kommunikation hatte gezeigt, dass Kriminelle auf seine Initiative gegen den Drogenhandel antworten wollen. Seither steht der Bürgermeister von Antwerpen unter Polizeischutz.

Neuer Markt für Lateinamerikas Kartelle

Dass es sich hierbei nicht um ein rein belgisches Problem handelt, machen die Entwicklungen der Kokainsicherstellungen in vielen anderen europäischen Häfen deutlich. Egal ob Rotterdam, Barcelona oder Hamburg, überall sind in den vergangenen Jahren die Sicherstellungsmengen von Kokain stark gestiegen. So wurden im Februar in Hamburg in einer einzigen Lieferung 16 Tonnen Kokain sichergestellt - die größte bislang in Europa beschlagnahmte Menge.

Das Bundeskriminalamt spricht von einer "Kokainwelle", die Europa erfasst habe. "Der europäische Markt ist für die lateinamerikanischen Kartelle mittlerweile interessanter als die USA, weil sich hier mehr Geld verdienen lässt", sagt Christian Hoppe, der beim BKA die Abteilung für Organisiertes Verbrechen leitet. Bürgermeister De Wever rät seinen Kollegen in anderen europäischen Hafenstädten deshalb zu mehr Wachsamkeit und besseren Kontrollen. Vor allem aber zu einer stärkeren internationalen Zusammenarbeit.

Nicht nur Sicherheitsbehörden in ganz Europa beobachten den heiß gelaufenen Kokainmarkt mit Sorgen. Zum einen spült der blühende Handel mit der Droge Geld in die Taschen der Organisierten Kriminalität, das dann in neue Straftaten investiert wird. Zum anderen habe der Kokainhandel durchaus das Potenzial, auch gefestigte Demokratien zu gefährden, urteilt der Strafrechtswissenschaftler Arndt Sinn, weil "das illegal verdiente Geld wieder in den legalen Wirtschaftskreislauf hineingepumpt wird und damit das Kräftespiel in einer Demokratie etwas aus den Fugen gerät".

Staaten dürften sich nicht damit zufrieden geben, immer größere Drogen-Mengen zu beschlagnahmen, fordert Sinn. Vielmehr bräuchten Polizei und Zoll mehr Möglichkeiten, in aufwendigen und unter Umständen langwierigen Verfahren verstärkt gegen die Hinterleute der großen Drogendeals vorzugehen. Bislang fehlten in Deutschland für solche "Strukturermittlungen" aber die Ressourcen - und die politische Akzeptanz dafür, "dass auch mal nichts rauskommt".

Über dieses Thema berichtete NDR Info im Podcast am 22. Juni 2021 um 10:00 Uhr.