Luisa Neubauer | dpa

Weltklimagipfel "Diese Abschlusserklärung ist ein Betrug"

Stand: 14.11.2021 15:45 Uhr

Nach anfänglich vorsichtig optimistischen Reaktionen nimmt die Kritik an der Abschlusserklärung des Klimagipfels zu. Die Deutsche Industrie sieht "den großen Wurf" nicht gelungen. Umweltaktivistin Neubauer spricht von "Betrug".

Die Unzufriedenheit über die Ergebnisse des Weltklimagipfels ist groß. Nicht nur Umweltaktivisten bemängeln die Beschlüsse der mehr als 200 Teilnehmerländer als unzureichend. Kritik kommt auch von der Industrie.

So erklärte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI): "Die Industrie bedauert, dass auf der Weltklimakonferenz in Glasgow der dringend notwendige große Wurf für den Klimaschutz nicht gelungen ist. Im Kampf gegen die weiter fortschreitende Erderwärmung sind stärkere internationale Kooperation und verbindliche Klimaschutzziele praktisch aller Staaten unverzichtbar." 

Deutschland - kein Land "auf das man zählen kann"

Scharfe Worte kommen von der Klimaaktivistin Luisa Neubauer: "Diese Abschlusserklärung ist ein Betrug." Sie verrate alle, die schon heute vor "unerträglichen Klimafolgen" stünden. "Und es ist ein Betrug an allen jungen Menschen auf dieser Welt, die darauf setzen, dass sich Regierungen um ihre Zukunft kümmern", sagte die 25-Jährige.

Deutschland habe in Glasgow gezeigt, dass es "keines der Länder ist, auf das man aktuell zählen kann, wenn es darum geht, Lebensgrundlagen und Gesellschaften zu schützen". Die neue Bundesregierung müsse nun Verantwortung übernehmen, zu Deutschlands Klimaschulden stehen und den schnellstmöglichen Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas einleiten, forderte Neubauer.

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg kommentierte die Gipfelergebnisse über den Nachrichtendienst Twitter: "Der COP26 ist vorbei. Hier eine kurze Zusammenfassung: Bla, Bla, Bla." Thunberg betonte, die eigentliche Arbeit gehe außerhalb der Konferenzhallen weiter: "Wir werden niemals aufgeben, niemals."

Abgeschwächte Formulierung zum Kohleausstieg

Bei der am Samstagabend nach zweiwöchigen Verhandlungen beendeten UN-Konferenz hatten sich die Vertreter von fast 200 Staaten zu dem 1,5-Grad-Ziel sowie beschleunigten Klimaschutzmaßnahmen bekannt. Eine historische Formulierung zur Abkehr von der Kohle wurde allerdings auf Betreiben Chinas und Indiens in letzter Minute deutlich abgeschwächt. Auch bei finanziellen Zusagen an ärmere Länder für die Bewältigung von Klimaschäden blieb der Vertragstext hinter den Erwartungen vieler Staaten zurück.

FDP-Chef Christian Lindner bewertet das Ergebnis des Klimagipfels dagegen vorsichtig optimistisch. "Glasgow ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung, aber nicht das Ziel", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". So hätte er sich zum Beispiel bei der Möglichkeit, dass Staaten Klimaschutzmaßnahmen untereinander handeln können, "noch mehr Fortschritt gewünscht". 

Schulze optimistisch, Baerbock enttäuscht

Bundesumweltministerin Svenja Schulze nannte die Ergebnisse einen "historischen Moment". "Glasgow bringt eine deutliche Beschleunigung für den Klimaschutz, und mehr Tempo ist auch erforderlich", erklärte die SPD-Politikerin. "Diese Konferenz hat gezeigt, dass die Welt ein gemeinsames Ziel verfolgt, eine klimaneutrale Weltwirtschaft." Die Aussagen zum Kohleausstieg hätte sie sich indes eindeutiger gewünscht. "Aber der Weg ist jetzt vorgezeichnet und wird unumkehrbar sein."

Grünen-Chefin Annalena Baerbock zeigte sich enttäuscht über die Beschlüsse der Klimakonferenz. "Es ist bedauerlich, dass in der Schlussphase der Konferenz Indien und China die gemeinsame Forderung zum Kohleausstieg abgeschwächt haben", erklärte Baerbock. Die Staatengemeinschaft habe die Bedrohung angesichts der Nutzung von Kohle zwar anerkannt, "aber noch lange nicht gebannt". Es fehle derzeit die "Kraft für einen wirklich großen Aufbruch". 

"Die eigentliche Arbeit beginnt erst"

Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Matthias Miersch forderte weitere Anstrengungen für den Klimaschutz auch in Deutschland. "Glasgow ist ein wichtiges Signal, aber die eigentliche Arbeit beginnt erst", sagte Miersch. "Notwendig ist jetzt, dass aus abstrakten Absichtserklärungen konkretes Handeln wird." 

Ähnlich sieht es auch der Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), Dirk Messner. Er dringt darauf, nach der Weltklimakonferenz in Europa und global schnell Emissionen zu reduzieren. "Die Vision der 1,5-Grad-Begrenzung der globalen Erwärmung lebt noch, aber ihr Puls ist schwach", sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Mit den Zusagen von Glasgow ließen sich Emissionsreduzierungen bis 2030 um fünf bis sieben Gigatonnen erreichen, lautet seine Einschätzung. Gut 20 Gigatonnen wären nach Angaben Messners aber notwendig, um auf einem Pfad zu der Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu bleiben. 

Auch der Klimaforscher Ottmar Edenhofer sieht die Abschlusserklärung als ein klares Signal an die Politik. "Das Ergebnis ist ein Handlungsauftrag. Der muss aber von den Staaten auch tatsächlich eingelöst werden - weltweit, aber auch bei uns in Deutschland, deutlich stärker und rascher als bisher", sagte der Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. November 2021 um 13:15 Uhr.

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