Boris Johnson gestikuliert bei einer Rede auf der Weltklimakonferenz in Glasgow. | AP

Johnson zu Klimakonferenz "Wir müssen uns alle zusammenreißen"

Stand: 07.11.2021 10:29 Uhr

Seit einer Woche wird in Glasgow um Maßnahmen zum Erreichen der globalen Klimaziele gerungen. Für die zweite Woche der Weltklimakonferenz erwartet der britische Premier Johnson erneut harte Verhandlungen - und mahnt Ergebnisse an.

Nach der ersten Woche der Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow hat der britische Premierminister Boris Johnson zu mehr Ehrgeiz bei den Verhandlungen aufgerufen. "Die COP26 hat noch eine Woche Zeit, um für die Welt zu liefern, wir müssen alle an einem Strang ziehen und die Ziellinie ansteuern", sagte der Gipfel-Gastgeber in London.

Es habe "Zusagen zur Reduzierung von Kohlenstoff- und Methanemissionen, zur Beendigung der Entwaldung, zum Ausstieg aus der Kohle und zur Bereitstellung von mehr Finanzmitteln für die vom Klimawandel am stärksten betroffenen Länder" gegeben. "Aber wir dürfen die Aufgabe, das 1,5-Grad-Ziel am Leben zu erhalten, nicht unterschätzen", so Johnson. "Die Länder müssen diese Woche an den Verhandlungstisch zurückkehren und bereit sein, die erforderlichen mutigen Kompromisse und ehrgeizigen Verpflichtungen einzugehen", forderte er.

Zwei Wochen lang verhandeln in Glasgow Vertreterinnen und Vertreter von rund 200 Nationen darüber, wie die 2015 in Paris beschlossenen Klimaziele erreicht und konkret umgesetzt werden sollen. Die bisherigen Pläne der Staaten reichen dafür bei weitem nicht aus.

Einige Staaten kündigen ehrgeizigere Klimaziele an

Seit Beginn der COP26 haben eine Reihe von Ländern ihre nationalen Klimaschutzziele verschärft. Insbesondere auf die Ankündigug des wegen seiner Bevölkerungsgröße bedeutenden Landes Indien war mit Spannung gewartet worden. Neu Delhi kündigte schließlich an, Klimaneutralität anzustreben, aber erst bis 2070. Rund hundert Länder haben außerdem zugesagt, den Ausstoß des bedeutenden Treibhausgases Methan bis 2030 um 30 Prozent zu reduzieren. Klimaschützer beklagen hier insbesondere, dass sich bedeutende Methan-Emittenten wie China, Indien, Russland und Australien der Erklärung nicht angeschlossen haben.

Streit um Zahlungen an ärmere Länder

Die Frage der Klimahilfen für ärmere Länder hatte im Voraus der COP26 bereits für Unmut gesorgt. Die Industriestaaten hatten eingestanden, ihr 2009 geleistetes Versprechen, ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar an Unterstützung zu leisten, erst später zu erreichen. Die ärmeren Länder fordern eindringlich mehr Geld und verweisen darauf, dass die Industriestaaten für die überwältigende Mehrheit der Treibhausgasemissionen der vergangenen Jahrzehnte verantwortlich sind. Dieser Streit wird wohl in der zweiten COP26-Woche noch von Bedeutung sein.

Umweltverbände und Entwicklungsorganisationen kritisierten die stockende Unterstützung. Sie plädieren dafür, dass reiche Staaten ihre Klimahilfen für arme Länder drastisch aufstocken. Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan bezifferte den Finanzbedarf der weniger entwickelten Länder auf mehrere Billionen. Nur so könne sich der globale Süden an die fatalen Folgen der Erderhitzung wie immer mehr Dürren und Überschwemmungen anpassen und auch klimaschädliche Treibhausgase reduzieren. Die Klimaexpertin der Organisation Oxfam, Nafkote Dabi, machte die Industrieländer als Urheber der Klimakrise verantwortlich. Arme Länder litten am meisten darunter. Diese Ungerechtigkeit müsse ausgeglichen werden. Sie prangerte zudem einen ökologischen Vandalismus vor allem von "Superreichen" an, deren Pro-Kopf-Ausstoß von Treibhausgasen weit über dem der übrigen Menschheit liege.

Auch das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR rief zu mehr Hilfe für besonders vom Klimawandel betroffene Länder auf. Die meisten Flüchtlinge weltweit stammten aus diesen Staaten oder fänden in Ländern Zuflucht, die ihrerseits unter dem Klimawandel litten, erklärte der Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, Filippo Grandi. Katastrophen wie Überschwemmungen, Dürren und Wüstenbildung zerstörten die Lebensgrundlagen, schürten Konflikte und zwängen Menschen zur Flucht, sagte Grandi. Nötig seien mehr finanzielle Unterstützung von den Reichsten und politischer Wille. Nach Worten des UNHCR-Klimabeauftragten Andrew Harper kommen 90 Prozent der Flüchtlinge unter UN-Mandat sowie 70 Prozent aller Binnenvertriebenen aus Ländern, die für die Klimaveränderungen am wenigsten gerüstet sind.

Johnson: "Alle müssen zustimmen"

Am Ende soll eine gemeinsame Erklärung aller Länder stehen, die unter anderem ungelöste Fragen des Pariser Abkommens klärt. Umstritten sind neben Finanzierungsfragen etwa Verfahren und Standards zur Überwachung, ob und wie die Länder ihre Klimazusagen einhalten.

"Alle müssen zustimmen, sonst gibt es keine Einigung", betonte Johnson. Bei allen Ermahnungen zeigte er sich dennoch zuversichtlich für den weiteren Verlauf der Verhandlungen: "Die Fortschritte in der ersten Woche der COP haben uns in eine starke Position gebracht", so der Premier.

Der oppositionelle britische Labour-Politiker Ed Miliband ist weniger optimistisch. Er forderte Johnson auf, selbst das Ruder zu übernehmen und die Verhandlungen nach vorne zu bringen. Man sei noch sehr weit davon entfernt, sagen zu können, man habe die großen Schritte unternommen, um das 1,5-Grad-Ziel im Rahmen des Möglichen zu halten. Forscher rechnen bei einer stärkeren Erwärmung des Planeten mit katastrophalen Folgen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 07. November 2021 um 10:00 Uhr.