COP26-Präsident Alok Sharma und der US-Vermittler John Kerry | AP

Ringen um COP26-Erklärung "Moment der Wahrheit" in Glasgow

Stand: 13.11.2021 18:58 Uhr

Der UN-Klimagipfel nähert sich dem Ende. Die Delegationen beraten einen neuen Entwurf für eine Abschlusserklärung. Einige Punkte sind weiterhin strittig. Gipfel-Präsident Sharma rief die Staaten auf, Kompromissbereitschaft zu zeigen.

Bei der Weltklimakonferenz in Glasgow haben sich die Vertreterinnen und Vertreter einiger Staaten in entscheidenden Verhandlungspunkten angenähert. Die Delegierten kamen zu einem informellen Plenum zusammen, um über den jüngsten Beschlussentwurf zu beraten. Der britische Gipfel-Präsident Alok Sharma appellierte an die rund 200 Staaten, den neuen Entwurf für eine Abschlusserklärung zu beschließen. "Wenn auch nicht jeder Aspekt von jedem begrüßt werden wird, ist das insgesamt ein Paket, das die Dinge wirklich nach vorn bringt", sage Sharma

Der Text sei "ehrgeizig und ausgewogen" und lasse kein Thema und kein Land zurück, sagte Sharma im Plenum. Eröffnet werde zudem die Chance, das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 endlich vollständig in Kraft zu setzen. An die Delegierten richtete Sharma sodann die Bitte, nun - nach fast 24 Stunden Verlängerung - den Konsens zu suchen. "Freunde, die Welt blickt auf uns. Und sie erwartet eine Einigung zum Wohl des Planeten und jetziger und zukünftiger Generationen."

Sharma dringt auf Kompromisse

Zunächst hatte Sharma das wohl entscheidende Plenum wegen erhitzter Diskussionen stundenlang verschoben. Ursprünglich hätte der Gipfel schon am Freitag zu Ende gehen sollen. Doch mehrfach bildeten sich Gruppen aus Dutzenden Delegierten, die aufgeregt miteinander im Gespräch waren, berichtete die Nachrichtenagentur dpa. "Bitte fragen Sie sich nicht, was Sie noch fordern könnten. Bitte fragen Sie sich, ob das Paket nicht genug für uns alle bietet", sagte Sharma. Die Konferenz werde als Ganzes Erfolg haben oder als Ganzes scheitern, warnte er. Die Verhandlerinnen und Verhandler seien an einem "Moment der Wahrheit" für ihre Kinder, Enkel und den Planeten angelangt, so Sharma.

Der Klimaexperte der Entwicklungsorganisation Oxfam, Jan Kowalzig, der bereits seit mehr als 15 Jahren UN-Klimakonferenzen beobachtet, sagte der Nachrichtenagentur AFP, Sharmas Äußerungen bedeuteten indes nicht, dass die Verhandlungen nun wirklich schnell endeten. Vielmehr sei es so, "dass die Präsidentschaft wie immer versucht, Druck zu machen, um die Konferenz zu einem schnellen Ende zu bringen". Es gebe in Glasgow allerdings noch Verhandlungsbedarf, den Sharma nicht ignorieren könne.

Indien blockiert, Deutschland stockt auf

Die Entwicklungsländergruppe G77 verzichtete bereits auf ihre Forderung, das Schlussdokument solle explizit den Aufbau einer Finanzinstitution vorsehen, die Mittel zur Bewältigung klimabedingter Schäden und Verluste bereitstellt. Der Sprecher der G77, Ahmadou Sebory Toure aus Guinea, erklärte, das Papier lasse die Möglichkeit offen, dass eine solche Institution zu einem späteren Zeitpunkt auf den Weg gebracht werde.

Indien versuchte indes, eine Formulierung zum Kohleausstieg in der Abschlusserklärung abzuschwächen. Entwicklungs- und Schwellenländer hätte ein Anrecht auf eine verantwortungsvolle Nutzung von fossilen Energieträgern, sagte der indische Umweltminister Bhupender Yadav. Er kritisierte die im Papier festgehaltene Aufforderung, aus Subventionen fossiler Energien auszusteigen. Diese könnten eine wichtige soziale Funktion haben. Nicht nachhaltige Lebensweisen und Verschwendung in reichen Ländern seien schließlich verantwortlich für die Erderwärmung.

Deutschland sagte zusätzliche Unterstützung für arme Staaten zu, die in der Klimakrise Schäden und Verluste erlitten haben. Gemeinsam mit weiteren europäischen Staaten werden insgesamt 35 Millionen US-Dollar mobilisiert, berichtete die Nachrichtenagentur dpa. Demnach gehe es dabei um "technische Unterstützung" unter dem Dach des sogenannten Santiago Netzwerks, etwa nach Wirbelstürmen, Dürren oder Überschwemmungen, und nicht um Ersatz für komplette Schäden. Die gemeinsame Zusage des Umwelt- und Enwicklungsministeriums solle ein "Zeichen der Solidarität" in der entscheidenden Phase des Gipfels von 200 Staaten sein.

"Zerstört den Moment nicht"

EU-Kommissionsvize Frans Timmermans äußerte sich hingegen weitgehend zufrieden mit den Verhandlungstexten. Dass darin erstmals ein Aufruf zum Ausstieg aus der klimaschädlichen Kohlenutzung enthalten sei, sei "eine ziemlich historische Sache", sagte er der Nachrichtenagentur AFP. Gleichwohl warnte auch er vor einem Scheitern der Weltklimakonferenz auf den letzten Metern. "Um Himmels willen: Zerstört diesen Moment nicht", rief er den Länderdelegationen zu, berichtete dpa. Timmermans verglich die COP26 mit einem Marathon, auf dem man kurz vor der Ziellinie ins Stolpern gerate.

Jede Nation habe ihre berechtigten Einzelinteressen und er räume ein, dass man in vielen Fragen noch am Anfang stehe, sagte Timmermans. Aber: "Ich flehe euch an, nehmt diesen Text an", sagte der niederländische EU-Kommissar für Klimaschutz. "Ich möchte, dass jeder von uns an eine Person denkt, die 2030 noch da sein wird", rief Timmermans. Alle sollten sich fragen, unter welchen Bedingungen diese Person leben werde, wenn man das angestrebte Ziel, die Erderhitzung bei 1,5 Grad zu stoppen, aus den Augen verliere.

Auch der US-Klimabeauftragte John Kerry warb dafür, den neuesten Entwurf für die Abschlusserklärung zu billigen. Der Text sei "ein sehr wichtiger Schritt in die richtige Richtung", sagte Kerry vor dem Plenum des Gipfels. Nicht jeder stehe, so wie nun die Delegierten, einmal vor der Frage, über Leben und Tod zu entscheiden. "Nicht jeder muss Entscheidungen treffen, die faktisch einen ganzen Planeten betreffen", sagte Kerry. Die Billigung des Abschlusstexts trage dazu bei, dass jeder seinen Kindern und Enkelkindern sagen könne, dass man im Kampf gegen die Klimakrise "den Job erledigt" habe, so Kerry.

Beratungen über dritten Textentwurf

Es ist der dritte Textentwurf, über den beraten wird. Ein Entwurf mit Formulierungen zum Klimawandel, zur Finanzierung für Entwicklungs- und Schwellenländer, zum Ausstieg aus der Kohle. Und diese Texte sollen die Grundlage sein für eine Einigung in Glasgow. Der Beschlussentwurf formuliert deutlicher als das Pariser Klimaabkommen das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Dazu soll bis 2030 der Treibhausgas-Ausstoß um 45 Prozent im Vergleich zu 2010 gedrosselt werden.

Auch werden die Staaten aufgefordert, bereits 2022 neue nationale Klimaziele für 2030 vorzulegen, drei Jahre früher als geplant. Der Entwurf enthält zudem eine Aufforderung zum Kohleausstieg. Ein solcher Passus wäre eine Premiere im Hauptbeschluss einer Klimakonferenz. Ein schnellerer globaler Ausstieg aus der Kohle und der Ausbau erneuerbarer Energien wären starke Signale, sagte Christoph Bals von Germanwatch der ARD.

Mehrere Länder, darunter Deutschland, unterstützen beispielsweise Südafrika beim Übergang von Kohlekraftwerken zu erneuerbaren Energien. Eine entsprechende Initiative wurde ich Glasgow vorgestellt. Bis 2030 sollen neun Kohlekraftwerke geschlossen werden, es soll Umschulungen für Minenarbeiter geben; das Land hat ehrgeizige Klimaziele definiert. Ein Vorbild für viele andere Staaten wie die Philippinen, Indonesien, Indien, sagen Umweltschützer.

Kritik an Indien, China und den USA

Es gibt jedoch auch negative Punkte. "Die Enttäuschung der Konferenz ist, dass die großen Emittenten sich nicht bewegt haben und wir deswegen nicht wissen, ob 1,5 Grad noch in Reichweite ist", so Bals mit Blick auf Indien, China und die USA.

Martin Kaiser, Geschäftsführer von Greenpeace, zieht eine gemischte Bilanz: "Ich glaube, die Konferenz bleibt die Antwort schuldig, mit welchen Sofortmaßnahmen die Lücke zu 1,5 Grad geschlossen wird und wie ganz konkret die Länder jetzt unterstützt werden", sagt er der ARD. "Ich glaube, da gibt es große Enttäuschungen und gleichzeitig einen Auftrag für ein Land wie Deutschland, die Politik jetzt so aufzustellen, dass wir auf den 1,5-Grad-Pfad kommen."

Mit Informationen von Christoph Prössl, ARD-Studio London, zzt. Glasgow

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 13. November 2021 um 17:00 Uhr.